Kenia: Seltene Erden in heiligen Wäldern

Mijikenda kämpfen um Erhalt von Weltkulturerbe

Von Miriam Gathigah | 01.07.2015

Kaya Kinondo. Im Herzen der südkenianischen Küstenprovinz - fast 500 Kilometer von der Hauptstadt Nairobi entfernt - liegen die wohl eigentümlichsten Weltkulturerbe-Stätten der Welt: Reste von Siedlungen, in denen einst die Vorfahren der indigenen Mijikenda lebten. Diese bewaldeten und heiligen Stätten werden von der Lokalbevölkerung 'Kayas' genannt.

Mijikenda Kaya ForestDie meisten heiligen Wälder dürfen nicht von Besuchern betreten werden. Eine Ausnahme ist der Kaya Kinondo bei Diani Beach, der in die Zuständigkeit des 'Kaya Kinondo Ecotourism Project' fällt. (Bild: Victor Ochieng, CC BY-SA 2.0)

Die Kayas gehen auf das 16. Jahrhundert zurück und sollen von Hirtengemeinschaften, die aus dem heutigen Somalia stammten, in der flachen Hügellandschaft in Küstennähe geschaffen worden sein. Im Verlauf der Jahrhunderte kultivierten sie ihre eigene Sprache und Bräuche.

Anfang des 20. Jahrhunderts leiteten Hungerkrisen und Kämpfe den Niedergang der Kayas ein. Auch wenn sie heute unbewohnt sind, sind sie für die Mijikenda geweihte Orte, an denen sie beten und ihre Riten und Bräuche durchführen. Der besonderen Pflege der Volksgruppe ist es zu verdanken, dass auch heute noch Gehölze und Gräber an eine Zeit erinnern, in der weitläufige Wälder die Küsten umsäumten.

Doch seit in den Küstenregionen Seltene Erden gefunden wurden, droht den Kayas der Untergang. Darüber hinaus lagern noch andere Rohstoffe im Boden, die für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes von Belang sind. Hinzu kommt das Interesse der Immobilienunternehmen.

Den Wäldern der Vorfahren verbunden

Angesichts dieser Gefahren organisieren die Mijikenda den Widerstand. Mnyenze Abdalla Ali gehört dem Kaya-Kinondo-Ältstenrat an. Er vertritt die Interessen der Mijikenda im Kreis Kwale im äußersten Süden der Küstenprovinz. Sein Volk, das einem jüngsten Zensus zufolge 1,9 Millionen Angehörige zählt, sei kulturell und spirituell mit den Wäldern seiner Vorfahren verbunden, erläutert er im IPS-Gespräch.

'Mijikenda' bedeutet soviel wie 'neun Städte' und ist eine zusammenfassende Bezeichnung für die neun Untergruppen. Gemeinsam ist ihnen die Sprache und Kultur. Jede Untergruppe hegt und pflegt ihren eigenen Kaya.

Für die Indigenen sind ihre Wälder geheimnisvolle Orte, an denen die Geister der Vorfahren anzutreffen sind. Sie werden verehrt und geschützt. Dazu meint Hamisi Juma, eine Mijikenda, die sich dem Kaya Kinondo zugehörig fühlt: "Nichts darf dem Wald entnommen, nicht ein einziger herabgefallener Ast darf als Feuerholz verwendet werden."

Wie sie im Gespräch mit IPS erläutert, sind die Waldressourcen ausschließlich rituellen und traditionellen Zeremonien vorbehalten. "Wenn wir etwa eine Ziege schlachten und Zweige brauchen, um dafür ein Feuer zu entfachen", meint sie. Die Zeremonien würden nur im Wald durchgeführt.

Kein Wunder also, dass sich die rund 50 Kayas in den Landkreisen Kwale, Mombasa und Kilifi in der Küstenprovinz durch einen unerhörten Artenreichtum auszeichnen. Das kenianische Umweltministerium hat die Region zum Biodiversitäts-Hotspot erklärt und zugesagt, die erforderlichen Mittel für dessen Schutz bereitzustellen.

Diese Küstenwälder wurden 2008 von der Weltkulturorganisation UNESCO in die erlauchte Liste der 1.000 Weltkulturerbe-Stätten aufgenommen. Die Kayas gäben ein "hervorragendes Beispiel für traditionelles menschliches Siedlungswesen […], das für eine einzigartige Interaktion mit der Umwelt steht", betonte die UNESCO und wies ferner darauf hin, dass die Kayas für die Indigenen Quelle ihres Lebensverständnisses seien.

Die Wälder mit ihren Medizinalpflanzen und -kräutern sind auch als natürliche Apotheken von Bedeutung, wie Eunice Adhiambo, Projektmanagerin des Ujamaa-Zentrums, betont. Die Arbeit der Nichtregierungsorganisation gründet auf der Philosophie des ehemaligen tansanischen Präsidenten Julius Nyerere, derzufolge es wichtiger ist, Sozialkapital aufzubauen als Kapital anzuhäufen.

Um den ethnischen Gemeinschaften in Kenia zu helfen, unterstützt das Ujamaa-Zentrum den Kampf der Mijikenda, ihre unbeschädigten und einzigartigen Landschaften zu schützen.

"Obwohl die Kaya-Wälder nur fünf Prozent der verbliebenen Küstenwälder ausmachen, finden sich hier 35 Prozent der ökologisch wertvollsten Gebiete", berichtet Adhiambo. "Setzen sich die Entwickler durch, werden wir einen großen Teil dieses Reichtums, den uns Mutter Natur geschenkt hat, verlieren. Wir tragen die Verantwortung für den Schutz eines Geschenks, das sich nirgendwo sonst erwerben lässt."

Doch nicht alle in Kenia sind der gleichen Meinung. Vor allem Ökonomen, Investoren und politische Entscheidungsträger in dem 20 Millionen Einwohner zählenden Land liebäugeln damit, von diesen Gebieten so zu profitieren, dass sich das 2014 erzielte Wirtschaftswachstum von 5,4 Prozent im Zeitraum 2015 bis 2017 auf sieben Prozent erhöhen lässt.

Förderung der Seltenen Erden – Eine Versuchung

Im Jahr 2012 hatte der Mineralienkonzern 'Cortec Mining Kenya' Seltene Erden im Wert von 62,4 Milliarden Dollar ausgemacht. Den Metallen wird eine besondere Bedeutung für die Wirtschaftsentwicklung des ostafrikanischen Landes beigemessen.

Vor drei Jahren hatte sich das Unternehmen bereit erklärt, bis zu 200 Millionen US-Dollar für die Ausbeutung der Niob-Lagerstätten unterhalb der Mrima-Hügellandschaft zu investieren, in der auch Kaya-Wälder liegen.

Dem Konzern zufolge könnten in der Anfangszeit 2.900 bis 3.600 Tonnen Niob abgebaut werden. Das Schwermetall kommt vor allem in der Metallurgie zur Herstellung von Spezialstahl für Gasleitungen, Auto- und Flugzeugmoren zum Einsatz und ist aufgrund seiner besonderen Hitzebeständigkeit gefragt. Experten zufolge ist das Nioblager in Mrima das sechstgrößte der Welt sind und könnte über einen Zeitraum von 16 bis 18 Jahren ausgebeutet werden.

Die Ausbeutung der gesamten Reserven würde Kenia zu einem Hauptlieferanten dieses seltenen Metalls machen. 2012 hatte Brasilien einen Anteil von 95 Prozent an der Weltjahresproduktion von 100.000 Tonnen gehabt.

Nach Protesten von Umwelt- und zivilgesellschaftlichen Gruppen hatte die Regierung die 21-jährige Lizenz für Cortec zurückgezogen. Allerdings wurde die Entscheidung nicht mit ökologischen Bedenken begründet. Im laufenden Jahr gab die Regierung bekannt, die Mineralienexploration unter staatliche Kontrolle zu bringen. So erklärte Bergbauminister Najib Balala in einer Pressemitteilung im März: "Weder […] Cortec noch ein anderes Unternehmen werden eine Explorationsgenehmigung für Mrima erhalten."

Die Zusicherung des Ministers, im Sinne des kenianischen Volks und der Menschen in Mrima und Kwale zu handeln, überzeugt die indigenen Gemeinschaften nicht. Sie wissen nur allzu gut, was der Rohstoff- und der Immobiliensektor für die Wirtschaft des Landes bedeuten könnte. 'Ernst & Young' zufolge steigt die Nachfrage nach den Seltenen Erden, deren diesjähriger Marktanteil auf vier bis sechs Milliarden Dollar geschätzt wird. China bedient derzeit 90 Prozent der globalen Nachfrage. Kenia und andere afrikanische Staaten wie Somalia, Tansania, Mosambik und Namibia könnten die Monopolstellung der Volksrepublik beenden.

Außerdem wurden im Kreis Turkana an der kenianisch-südsudanesischen Grenze 2013 Öl- und Erdgasfelder entdeckt. Die Angst der Indigenen vor der Vertreibung und der Zerstörung ihrer Kaya-Wälder wird zudem durch die Entdeckung von Titanlagerstätten längs der 500 Kilometer langen Küstenlinie geschürt.

Aus Kenias diesjährigem Nationalen Wirtschaftsausblick geht hervor, dass der Wert der Mineralienproduktion seit 2013 um 6,1 Prozent von 201 Millionen auf 212 Millionen Dollar – vor allem wegen der Titanproduktion – gestiegen ist.

Bergbau bedroht die Kaya-Wälder

Dem Ujamaa-Zentrum zufolge gibt es einige indigene Gemeinschaften, die dem Druck der Rohstoffindustrie und der Immobilienunternehmen nachgeben und sich von der Aussicht auf schnelles Geld blenden lassen. Dies habe dazu geführt, dass Kaya Chivara im Kreis Kilifi vollständig degradiert ist und andere Kayas, vor allem im mineralienreichen Kwale, Gefahr laufen, ebenfalls durch menschliche Aktivitäten zerstört zu werden.

"Der drohende Niobabbau wird den Wald vernichten", ist Adhiambo vom Ujamaa-Zentrum überzeugt. Dem Volk der Mijikenda komme nun die wichtige Rolle zu, diese destruktive Entwicklung aufzuhalten. Trotz aller Bemühungen der Landentwickler, sich selbst geschützte Gebiete einzuverleiben, ist Kaya Kinondo auf der sicheren Seite. Der Ältestenrat behält den Schutz des Waldes fest im Blick und die Gemeinschaft hält an ihrem tief verwurzelten Glauben fest, dass Rituale schlechten Omen vorbeugen können.

Die Mijikenda glauben daran, dass die Kaya-Wälder Fluch und Segen bedeuten können. Rashid Bakari, ein Kaya-Führer, der mit jungen Leuten der Gemeinschaft zusammenarbeitet, um begleitete Touren durch die Wälder zu organisieren, meint dazu: "Wer mit schlechten Absichten kommt, wird von einem Fluch befallen und möglicherweise nicht lebend aus dem Wald herauskommen."

Für all jene, die dies für Aberglauben halten, hält die kenianische Verfassung einen gewissen Schutz bereit. So sieht Artikel 44 die Beteiligung der Gemeinschaften an Konfliktlösungen im Zusammenhang mit Traditionsland vor. Laut dem Ujamaa-Kollektiv, das sich für die Beteiligung der Bevölkerung an sozioökonomischen Prozessen und gemeindebasierten Entscheidungsmöglichkeiten starkmacht, muss dafür gesorgt werden, dass sich die Regierung an die Klauseln hält.

Adhiambo berichtet, dass ihre Organisation die Gemeinschaften ermutigt, mit den Lokalregierungen zusammenzuarbeiten, damit der Erhalt ihres natürlichen Erbes garantiert werden kann. Diskussionen mit Josephat Chirema vom Kultur- und Entwicklungsausschuss des Kreisparlaments tragen bereits erste Früchte. So habe der Ausschuss versprochen, eine Debatte im Lokalparlament über die Bedeutung der Kayas in Gang zu bringen und für eine Zusammenarbeit mit den indigenen Gemeinschaften zum Schutz der Wälder zu werben.

Inzwischen arbeiten viele Gemeinschaften mit dem Kaya-Kinondo-Ältestenrat zusammen, um die verbliebenen Möglichkeiten zu diskutieren, wie sie den Rest ihres kulturellen Erbes bewahren können. (afr/IPS)

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