Kenia: Ratten in Alkoholfässern

Illegaler Billigfusel wird zu immer größerem Problem

Von Miriam Gathigah | 15.04.2015

Nairobi. In Kenia entwickeln sich illegal gebrannte Spirituosen zu einem gravierenden gesundheitlichen, sozialen und gesellschaftlichen Problem. Dass sie keinerlei Qualitätskontrollen unterliegen, macht sie noch gefährlicher als die hochprozentigen Erzeugnisse, die legal gehandelt werden. Wichtigste Zielgruppe für die illegalen Schnapsbrenner sind die unteren Einkommenschichten.

A crowd gathers to watch an intoxicated youth as a police officer comes to his rescue in Nyeri town, Central Kenya. Photo Miriam GathigahEin Polizeibeamter hilft einem alkoholisierten Jugendlichen in Nyeri in Zentralkenia (Bild: Miriam Gathigah/IPS).

Gesetzliche Beschränkungen und Warnungen vor den gravierenden Gesundheitsrisiken sowie Horrormeldungen über die Inhaltstoffe haben bisher nicht vermocht, die Menschen vom Konsum des heimlich gebrauten Fusels abzuhalten.

Wie von Gesundheitsministerium und anderen Behörden zu erfahren ist, schrecken illegale Schnapsbrenner nicht davor zurück, ihre Produkte zu strecken – etwa mit Flüssigkeiten, wie sie zum Einbalsamieren von Leichen verwendet werden. Bei Polizeirazzien wurden auch Damenunterwäsche und tote Ratten in den Alkoholfässern gefunden.

"Kunden wollen für möglichst viel Alkohol so wenig wie möglich bezahlen", rechtfertigt Nduta Kamau, eine Schnapsbrennerin im Mathare-Slum in der kenianischen Hauptstadt Nairobi, das Fehlverhalten von Kollegen. Wie sie berichtet, wird der Alkohol in etikettierte Flaschen abgefüllt und dann landesweit an Kneipen verkauft.

Laut einem 2010 in Kraft getretenen Gesetz darf Alkohol in Kenia nur zwischen 17.00 Uhr und 23.00 Uhr verkauft werden. Trinkwillige finden aber immer Wege, die Regelung zu umgehen. "Die Gäste schließen sich in Kneipen ein und trinken während der Sperrstunde. Oder aber sie kaufen ihren Alkohol vorher und trinken ihn zu Hause", berichtet Dave Kinyanjui, der in Nairobi eine Wirtschaft betreibt.

Das Gesetz zur Kontrolle des Alkoholverkaufs ist inzwischen wesentlich abgeschwächt worden, denn seit 2013 entscheiden die jeweiligen Bezirksverwaltungen über seine Anwendung. Da viele hochrangige Beamte selbst Bars betreiben, wurde damit der Bock zum Gärtner gemacht.

Gute Geschäfte für Alkoholindustrie

Wie aus einem im Februar veröffentlichten Bericht des Brauereiunternehmens 'East African Brewery Limited' (EABL) hervorgeht, verzeichnet die Bierindustrie eine elfprozentige Gewinnsteigerung. Der höchste Zuwachs – 67 Prozent – wird jedoch bei Spirituosen registriert. Hauptabnehmer sind die unteren Einkommensschichten, die auch die wichtigste Zielgruppe für illegale Schnapsbrenner sind.

In einem weiteren Bericht des Marktforschungsinstituts 'Euromonitor International' heißt es, man rechnet damit, dass der Alkoholkonsum angesichts der erwarteten Verbesserung der Wirtschaftslage weiter zunehmen werde. In Kenia entdeckte Erdölvorkommen und die politische Stabilität verheißen eine vielversprechende ökonomische Entwicklung. Dass Flaschen und Dosen pfandfrei erhältlich sind, ist ein weiterer Faktor, der Privatpersonen zur Herstellung von Schnaps ermuntert.

Laut einer 2012 durchgeführten Umfrage ist Alkohol die Substanz, mit dem im Land der größte Missbrauch betrieben wird. Traditioneller Schnaps sei am leichtesten erhältlich, gefolgt von Wein, Brandwein und das aus Hirse oder Mais gebrannte 'Chang'aa', was wörtlich übersetzt 'töte mich rasch' bedeutet.

Aus einer Umfrage der schwedischen Sektion der Guttempler-Bewegung von 2012 geht hervor, dass 63 Prozent der Befragten eingeräumt hätten, Alkohol zu konsumieren. 30 Prozent nahmen mehr als fünf Drinks pro Abend zu sich. Teenager zwischen 14 und 17 Jahren tranken demnach durchschnittlich zwei Gläser. Am extremsten ist der Alkoholmissbrauch in der Gruppe der 15- bis 29-Jährigen und am geringsten bei den über 65-Jährigen.

Nach Erkenntnissen der nationalen Behörde gegen Alkohol- und Drogenmissbrauch (NACADA) kommen Kinder in ländlichen Regionen eher mit Schnaps und Chang'aa in Kontakt als ihre Altersgenossen in den Städten.

David Ogot, nationaler Koordinator der Gruppe 'Alcohol Awareness' in Kenia, betont, dass exzessives Trinken oft als vorübergehendes Problem betrachtet und verharmlost werde, bevor es außer Kontrolle gerate. Familien verheimlichten die Abhängigkeit von Mitgliedern meist aus Scham.

Eingeschränkter Zugang zu Behandlungszentren

William Sinkele, Geschäftsführer der Hilfsorganisation 'Support for Addictions Prevention and Treatment in Africa' (SAPTA), kritisiert, dass Alkoholiker, die einen Ausweg aus der Abhängigkeit suchten, weitgehend allein gelassen würden. Von den stationären Behandlungszentren im Land seien nur drei staatlich verwaltet: das 'Mathare-Hospital', das 'Coast General Hospital' und das 'Portreitz Hospital'. Die übrigen Einrichtungen würden privat betrieben.

Sinkele zufolge finden sich die meisten Behandlungszentren im Großraum Nairobi. Der Durchschnittsbürger mit Alkohol- und Drogenproblemen könne sich eine Therapie nicht leisten.

Kenianer mit Alkoholproblemen machen für ihre Lage vor allem die globale Spirituosen-Industrie verantwortlich. Sie habe in dem Land eine breite Basis und unterlaufe das Gesetz zur Alkoholkontrolle durch aggressive Werbung, monieren sie. Experten sehen nur die Inflation und Steuererhöhungen als mögliche Bremse. (afr/IPS)

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