Kenia: Mit grünem Daumen gegen Klimawandel und Konflikte

Hirtengemeinschaften satteln um

Von Noor Ali | 23.04.2014

Isiolo. Vor mehr als einem Jahrzehnt ist Dima Wario aus Rupa, einem Dorf des Bezirks Merti im Norden Kenias, nur knapp dem Tod entkommen. Allerdings musste er hilflos mitansehen, wie Freunde und Nachbarn von anderen Hirtengemeinschaften im Kampf um Wasser und Weideland getötet wurden.

"Ich habe schon viele derartige Angriffe überlebt und dabei fast mein gesamtes Vieh verloren" erzählt Wario. "Die wenigen Tiere, die übrig geblieben waren, verendeten während der Dürre vier Jahre später." Merti liegt im Kreis Isiolo in Kenias Ostprovinz, die sich bis zur nördlichen Grenze zu Äthiopien erstreckt. Kenias unterentwickelter und halbtrockener Norden leidet unter lang anhaltenden gewalttätigen Konflikten, die sich um die kostbaren natürlichen Ressourcen drehen, und unter Dürren und Überschwemmungen. Wie aus einem Länderstrategiepapier der Afrikanischen Entwicklungsbank für Kenia 2014 bis 2018 hervorgeht, ist die Region die ärmste des ostafrikanischen Landes. Dort leben 74 Prozent der Bevölkerung in Armut.

"Zuerst hielten wir das El-Niño-Phänomen, die Sturzfluten, das Rift Valley-Fieber und die schweren Dürren (zwischen den 1980er Jahren und 2009) für einen Fluch, den unsere Leute mit rituellen Handlungen abzuwenden versuchten. Doch es wurde immer schlimmer", berichtet Wario. Die bereitgestellte Nothilfe habe nicht wirklich geholfen. Obwohl die Hirtenvölker traditionell in Trockengebieten leben, gelang es den armen und marginalisierten Familien immer weniger, mit den Auswirkungen des Klimawandels in Verbindung mit anderen ökologischen, wirtschaftlichen und politischen Faktoren fertig zu werden.

Wandel durch Wechsel

Doch für Wario und die Seinen hat sich die Lage inzwischen zum Besseren gewendet. Er hat die Lebensweise seiner Vorfahren aufgegeben und gehört der neuen Generation erfolgreicher Ackerbauern von Merti an. Die nächste größere Stadt ist die rund 300 Kilometer nördlich gelegene Stadt Isiolo.

Wie seine Frau Amina berichtet, hatte das Integrierte Entwicklungsprogramm von Merti (MIDP) beim Umstieg geholfen. MIDP ist eine regionale Nichtregierungsorganisation, die Hirten und Viehzüchter dabei unterstützt, sich den klimatischen Bedingungen in der Region anzupassen und eine gewisse Resilienz zu entwickeln.

"Die Feldfrüchte, die wir pflanzen, reichen für die ganze Familie, für Verwandte, Händler und Anwohner. Wir versorgen uns und die Hirten mit Wassermelonen, Papayas, Zwiebeln, Tomaten, Mais und Tabak", sagt sie. Das Wasser wird aus dem nahe gelegenen Fluss Ewaso Ng'iro gepumpt und über kleine Kanäle zu den Feldern geleitet. Vor fünf Jahren hatte MIDP mit der Schulung der ersten 200 Familien begonnen. Inzwischen haben mehr als 2.000 Familien das Programm durchlaufen.

In Bisan Biliku, einem Dorf 20 Kilometer von der Stadt Merti entfernt, haben viele einst wohlhabende Hirten auf Landwirtschaft umgesattelt. Wie Khadija Shade, Vorsitzende der Bismillahi-Frauen-Selbsthilfegruppe, betont, kam die Entwicklung vor allem den Frauen zugute, die zu den Hauptverdienern ihrer Familien geworden seien. Die Mitglieder ihrer Organisation bauen eine Vielzahl von Feldfrüchten an, haben Tiere dazugekauft und sich in Isiolo, in Zentralkenia und in Nairobi einen eigenen Kundenkreis erschlossen.

Die Frauengruppe führt zudem ein Geschäft, in dem sie Damen- und Kinderkleidung sowie Parfums verkauft. "Jetzt haben wir zwar genug Geld, doch fehlt uns vor Ort die Möglichkeit, es sicher zu deponieren. Wir brauchen Banken", erklärt sie.

Diversifizierung der Einnahmen

Ein angesehener Clan-Ältester aus Bisan Biliku, der seinen Namen nicht nennen will, meint, dass er nach der Teilnahme an mehreren MIDP-Seminaren einige seiner Nutztiere verkauft, sich einen Laster angeschafft und in Isiolo-Stadt zwei Häuser gekauft habe, die er vermiete und denen er ein willkommenes Zusatzeinkommen verdanke. "In den Kursen habe ich gelernt, wie ich Risiken vermeiden, zusätzliche Einnahmen erschließen und besser leben kann. Jetzt brauche ich mich vor Armut nicht mehr zu fürchten", sagt er.

Dem MIDP-Mitarbeiter Abdullahi Jillo Shade zufolge wurde das Projekt seiner Organisation in der Stadt Merti sowie in den benachbarten Siedlungen Bisan Bilku, Mrara, Bulesa und Korbesa gut angenommen. "Die Menschen sind stolz, dass sie Bauern und Händler sind. Inzwischen sind mehr Lieferwagen mit Lebensmitteln zum Markt nach Isiolo unterwegs, als Transporter mit Lebensmittelhilfen."

Wie der Abgeordnete von Isiolo, Abdullahi Tadicha, berichtet, litten die Menschen im Norden jahrzehntelang unter Marginalisierung und Feindseligkeiten von Seiten der Behörden. Doch dann erklärte der Entwicklungsfondsausschuss des Wahlkreises Süd-Isiolo Nahrungssicherheit und Katastrophenmanagement zu Prioritäten. So erhielten etwa 200 Familien, die durch Dürre, Überschwemmungen und Konflikte verelendet waren, Mittel aus dem Wahlkreis-Fonds, um in Süd-Isiolo eine Anlage zur Bewässerung von 400 Hektar Land zu bauen.

Nach Angaben von Yussuf Godana von der Nichtregierungsorganisation 'Plattform zur Stärkung der Nutzer des Waso-Flusses' hatten die Einheimischen schwer unter den wiederkehrenden Dürren zu tragen gehabt. Doch durch die Klimaanpassungsseminare sei den Menschen klar geworden, dass Wetteranomalien und Klimawandel kein Fluch, sondern die Folge einer globalen Krise seien. Durch die Diversifizierung ihres Lebensunterhalts seien auch die Konflikte um Wasser und Weideland weniger geworden. "Die Gegend ist jetzt von einem Pflanzenteppich bedeckt", schwärmt er. "'Sie ist eine Oase."

Die 'Partners For Resilience' (PFR), ein Zusammenschluss aus niederländischen Hilfsorganisationen, internationalen Universitäten und südlichen Partnern, unterstützen Kenia darin, die Bevölkerung über Katastrophenpräventions- und –managementmaßnahmen zu informieren und die Widerstandsfähigkeit von Risikogemeinschaften zu stärken.

Von Hilfeempfängern zu Projektpartnern

Wie Abdi Malik, ein PFR-Mitarbeiter, der mit dem Kenianischen Roten Kreuz zusammenarbeitet, gegenüber IPS erklärt, haben die verschiedenen Anpassungsprogramme in der Region Nothilfe-unabhängige Zonen geschaffen und die Nachfrage der Familien nach Lebensmittelhilfe oder staatlichen Zuschüssen zu den Schulgebühren gedämpft.

Malik zufolge hat sich auch das Verhältnis der Menschen zum Kenianischen Roten Kreuz verändert. So kämen die Menschen in die Büros, um sich um Unterstützung für Projekte zu bemühen. Vorher hatten sie tagelang vor den Büros auf Nahrungsmittelhilfen gewartet.

Amina Wario ist optimistisch, dass ihre Familie künftig ohne Lebensmittelhilfe auskommen wird. "Unsere Familie wird weithin respektiert", sagt sie. "Mit den Erlösen aus der Landwirtschaft haben wir ein Haus gebaut und können die Schulgebühren unserer Kinder bezahlen. In unserem Haus ist Nothilfe unerwünscht." (afr/IPS)

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