Kenia: Männer gegen Beschneidung

Neue UN-Zahlen bestätigen Einstellungswandel

Von Miriam Gathigah | 15.02.2013

Nairobi. Für die Samburu-Gemeinschaft im Norden Kenias war es schon schlimm genug, dass Julius Lekupe keinen Sohn gezeugt hat. Doch dann weigerte sich seine Tochter auch noch, sich beschneiden zu lassen. Ihre Entscheidung wurde von Lekupe darin unterstützt. Wie Lekupe wehrt sich eine zunehmende Anzahl von Männern gegen das Ritual - aus unterschiedlichen Gründen.

"Wir behandeln Frauen wie unser Eigentum. Wir lassen sie beschneiden und verheiraten sie. Manche von ihnen sind noch Kinder und nicht einmal zehn Jahre alt", sagt Lekupe gegenüber IPS. Er sei stets davon ausgegangen, dass sich auch seine Tochter dem Ritual unterziehen müsse.

Doch das inzwischen 16-jährge Mädchen wehrte sich. "Sie flehte mich an, ich solle zu ihr stehen und sie beschützen. Ich habe mich ziemlich schwer getan mit der Entscheidung, aber dann schließlich eingewilligt. Ich schickte sie nach Nairobi zu einer Freundin, bei der sie nun lebt."

Lekupe gehört zu einer wachsenden Zahl von Männern, die sich gegen die weibliche Beschneidung aussprechen, die in den meisten ethnischen Gemeinschaften in Kenia Tradition haben. Rein rechtlich gesehen ist diese Praxis in dem ostafrikanischen Land bereits seit fast drei Jahren verboten. Das Parlament verabschiedete 2010 das Anti-Beschneidungs-Gesetz. Wer das Gesetz ignoriert, muss mit bis zu sieben Jahren Haft rechnen und einer Geldstrafe von bis zu 5.800 US-Dollar. Der Durchschnittslohn beträgt pro Monat gerade einmal 250 Dollar.

UN-Bericht: Beschneidung wird seltener

Die Beschneidungen werden auf dem gesamten afrikanischen Kontinent immer seltener durchgeführt, geht aus einer am 6. Februar veröffentlichten Mitteilung des Weltkinderhilfswerks UNICEF und des UN-Bevölkerungsfonds UNFPA hervor. Besonders Kenia wird dabei positiv hervorgehoben: Die Wahrscheinlichkeit, beschnitten worden zu sein, ist bei kenianischen Frauen zwischen 45 und 49 Jahren demnach dreimal höher als bei jungen Frauen zwischen 15 und 19 Jahren.

"Das zeigt uns, dass es tatsächlich möglich ist, das Ritual zu beenden", kommentierte den Bericht UNICEF-Chef Anthony Lake. "Und das müssen wir auch tun – um Millionen von Mädchen und Frauen zu einem gesünderen Leben zu verhelfen."

Der Bericht 'Accelerating Change' von UNICEF und UNFPA (August 2012) weist darauf hin, dass immer mehr Männer aktive Rollen in diesem fortschreitenden Kulturwandel einnehmen. Es sind nicht nur Väter wie Lekupe, die ihre Töchter schützen wollen. Auch junge Männer engagieren sich gegen diese Praxis, indem sie öffentlich kundtun, dass sie es vorziehen, unbeschnittene Frauen zu heiraten. Das ist in dem Zusammenhang interessant, als dass in Kenia die Beschneidung von Frauen lange Zeit als Voraussetzung für eine Eheschließung galt.

Muslimische Religionsführer gegen FGM

Neben Vätern und potenziellen Ehemännern sind es auch religiöse Anführer, die sich gegen die Beschneidung wenden. 2011 erklärten mehr als 20 muslimische Religionsführer öffentlich ihre Ablehnung. Das beeinflusst wiederum die Bevölkerung.

"Wir haben fälschlicherweise angenommen, dass der Prophet die weibliche Genitalbeschneidung befürwortet hat, und dass seine Anhänger sich danach richten müssen", sagt Abdi Omar, Ehemann und Vater, der in der Stadt Garissa im Norden Kenias lebt. "Aber jetzt erzählen uns die muslimischen Führer, dass das nicht der Fall ist. Warum sollte ich diese Praxis also unterstützen, wenn der Prophet sie nicht wünscht?"

Ibrahim Shabo ist Anti-Beschneidungsaktivist in der nordkenianischen Stadt Isiolo. Die Hirtengemeinschaft ist hier bekannt dafür, dass sie die Beschneidung befürwortet. Für Shabo ist es unerlässlich, dass die muslimischen Führer vor allem die kenianischen Somalis eines Besseren belehren, die zu 98 Prozent das Ritual durchführen.

Nicht alle Männer, die sich gegen die Beschneidung engagieren, haben ausschließlich das Wohl der Frauen im Sinn. Omar, ein Vater in Garissa, sagt, dass sich einige der jungen Männer selbst als "Opfer" ansehen. "Wenn ein Mädchen nach der Beschneidung zu eng zugenäht wird, ist der Geschlechtsverkehr oft gar nicht mehr möglich oder nur unter großen Schmerzen. Das ist ein Trennungsgrund."

Das bestätigt auch Gesundheitsexperte Salim Ali: "Sex mit beschnittenen Frauen erzeugt Unbehagen. Die Frauen sehen den Geschlechtsverkehr lediglich als Pflicht an. Einen Orgasmus erreichen sie eigentlich nie. Frauen hingegen, die nicht beschnitten sind, haben häufiger Sex – und Männern macht er mehr Spaß." (afr/IPS)

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