Kenia: Kulturelle Barrieren überwinden

Ogiek-Frauen sorgen für sichere Zusatzeinkommen

Von Robert Kibet | 01.10.2014

Nakuru. Zwei Jahre ist es her, da lebte Mary Ondolo mit ihrem Mann und ihren neun Kindern in einer Hütte aus Lehm und Stroh. Inzwischen ist die Familie, die dem Ogiek-Volk von Jägern und Sammlern angehört, in ein Holzhaus umgezogen. Seit Ondolo im Rahmen eines Projekts mehrere Nutztiere und Gerätschaften erhalten hat, geht es der Familie gut. Vier Kinder studieren sogar an lokalen Universitäten.

Mary Ondolo, 50, shows a package of honey made by the Ogiek women and packaged and refined by the Mariashoni Community Development, a community-based organisation. Credit: Robert Kibet/IPSMary Ondolo (50) zeigt ein Glas Honig, das von Ogiek-Frauen erzeugt wurde (Bild: Robert Kibet/IPS).

"Mein Mann und ich hatten uns lange mit dem Verkauf unserer Feldfrüchte und Hilfsarbeiten über die Runden gequält", berichtet die 50-Jährige aus dem kleinen Dorf Mariashoni im Mau-Wald in der Nähe von Nakuru im kenianischen Rift Valley. Jahrzehntelang waren Ondolo und den anderen Frauen jede Chance auf Bildung, berufliche Förderung und Information versagt gewesen. Ein gewichtiger Grund dafür war die kulturell bedingte Sichtweise, dass Ogiek-Frauen in die Küche hinter den Herd gehören. Doch die Zeiten haben sich geändert, auch in Mariashoni.

Wie aus einem Bericht des Ständigen Forums für indigene Angelegenheiten der Vereinten Nationen hervorgeht, sind die Gemeinschaften der Sammler und Jäger seit jeher die ärmsten gesellschaftlichen Gruppen Afrikas. Doch in Mariashoni und einigen anderen Orten hat sich das Leben der Bevölkerung grundlegend verändert – und zwar nicht nur finanziell: Seit die Frauen für sichere Zusatzeinkommen sorgen, haben ihre Meinungen Gewicht.

Eigeninitiative mit Folgen

"Alles fing damit an, dass mir nach dem Besuch bei einer Freundin, die außerhalb meiner Ortschaft wohnt, so richtig klar wurde, dass die vielen Probleme, mit denen wir Ogiek-Frauen konfrontiert sind, auf unsere tief verwurzelte Kultur und die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zurückgehen", erinnert sich Ondolo. "Daraufhin brachte ich 30 Nachbarinnen dazu, mit mir eine Sparkooperative zu gründen."

Die Frauen einigten sich auf die Einzahlung eines Monatsbeitrags in eine gemeinsame Kasse und die gemeinschaftliche Aufzucht von Hühnern. Auch konnten sich die Mitglieder kleine Beträge von 500 kenianischen Schilling (etwa fünf US-Dollar) leihen, wie Ondolo berichtet.

Ihre Initiative erregte bald die Aufmerksamkeit des Entwicklungsprogramms der Ogiek-Völker (OPDP), einer lokalen Nichtregierungs- und Partnerorganisation der Kenianischen Stiftung für Gemeinde-Entwicklung (KCDF), die den Frauen von Mariashoni zusätzliche Hühner versprach. "Nachdem das OPDP von unserer gemeinsamen Geflügelzucht gehört hatte, wollte es uns beim Start eines Geflügel- und eines Imkereibetriebs helfen", berichtet Ondolo.

2012 war es dann soweit, und eine Gruppe von 80 Ogiek-Frauen nahm in Mariashoni die Lieferung qualitativ hochwertiger Hühner in Empfang. Auch Futter und alles weitere, was für das Unternehmen erforderlich war, wurde gestellt. Die erforderlichen 22.000 Dollar hatte das OPDP von der KCDF erhalten.

Die Frauengruppe von Langam und die Gruppe zur Förderung der Ogiek-Frauen wurden zudem mit 40 Bienenkörben und anderen für die Imkerei erforderlichen Gerätschaften ausgestattet. Das Know-how wurde ihnen in Kursen vermittelt.

Ondolo zufolge können dank des Imkereiprojekts alle ihre Kinder zur Schule gehen. Abgesehen von den vier, die an der Universität studieren, besuchen die übrigen fünf die Grund- oder weiteführende Schule. Ondolo selbst ist inzwischen ein aktives Mitglied der Langam-Frauengruppe.

In Nessuit, einem Ort zehn Kilometer von Mariashoni entfernt, konnte auch Agnes Misoi vom Geflügelprojekt profitieren. Von ihren 60 Hühnern hat sie kürzlich einige verkauft, um damit ihren Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen. Vor dem Projekt sei sie weitgehend auf die finanzielle Unterstützung ihres Mannes, eines Subsistenzbauern, angewiesen gewesen. "Doch jetzt bin ich weitgehend unabhängig", sagt die 30-Jährige, die am Verkauf von monatlich 200 Eiern 24 Dollar verdient.

Zu zweit aus der finanziellen Not

Sie greift ihrem Mann bisweilen unter die Arme. "Er hat mich schon öfter gebeten, ihm finanziell zu helfen, was ich auch konnte", sagt sie stolz. Und Samuel Misoi ist dankbar für die Unterstützung seiner Frau. "Heutzutage sind wir zu zweit. Das ist gut, um durch schwierige Zeiten zu kommen", sagt er. "Meine Frau hat dazu beigetragen, dass wir genügend Holz kaufen konnten, um unser Haus endlich fertigstellen zu können", fügt er hinzu und zeigt auf die Baustelle, wo derzeit ein Gebäude hochgezogen wird.

Laut Fanis Inganga vom OPDP hat das Projekt den Ogiek-Frauen zu einem größeren Selbstvertrauen verholfen. Diese seien sehr stolz darauf, dass sie einen Beitrag zum wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg ihrer Familien und ihrer Gemeinschaft leisten könnten, betont sie.

Um ihre Profite maximieren zu können und Vermittler außen vor zu lassen, verkaufen die Frauen ihren Honig ausschließlich an die Ogiek-Imker-Vereinigung, die wiederum der Graswurzelorganisation Mariashoni-Gemeindeentwicklung (MACODEV) angehört, die den Honig raffiniert und ihn in eine verkaufsfähige Form bringt.

Wie der MACODEV-Vorsitzende Martin Kiptiony erläutert, haben die Frauen mit ihrem Vorstoß auch am Selbstbild der Männer gerüttelt, hatten diese sich lange als die einzigen gewähnt, die in der Lage sind, Bienen zu züchten. Doch aufgrund der schlechten Straßeninfrastruktur ist den Frauengruppen der Zugang zu anderen Märkten versperrt. So haben sie lediglich die Möglichkeit, ihren Honig, ihre Eier und anderen Geflügelprodukte auf dem Markt im eigenen Dorf und zu besonderen Anlässen zu verkaufen. 250 Gramm des Ogiek-Honigs kosten umgerechnet drei Dollar. (afr/IPS)

| Tags: , , , ,

icon Ihre Meinung?

blog comments powered by Disqus