Kenia: Klein bedeutet klimaanfällig

Subsistenzbauern brauchen Hilfe

Von Miriam Gathigah | 05.08.2013

Nairobi. Für Kenia gibt es zwei Wege, um den Gefahren des Klimawandels für die Ernährung der Bevöllkerung und die Existenzsicherung der Bauern zu begegnen. Der eine führt zum Einsatz neuer Technologien sowie zur Verbesserung und Verbreitung von Düngemitteln und Pestiziden, der andere zur Rückkehr zur traditionellen Landwirtschaft und dem Schutz des natürlichen Artenreichtums.

Zahlen des Agrarministeriums belegen, dass fünf Millionen der rund acht Millionen kenianischen Haushalte direkt von der Landwirtschaft abhängen und sich von den Agrarerzeugnissen auch ernähren. Doch gerade den kleinen Subsistenzbauern stehen aufgrund der extremen Klimabedingungen schwere Zeiten bevor.

Tatsächlich haben die in der letzten Pflanzsaison gesammelten Daten einen beunruhigenden Trend zutage gebracht. So lassen sich mit den wichtigen Wasserquellen des Landes inzwischen weit weniger Nahrungsmittel produzieren als in der Vergangenheit.

"Eine Vielzahl von Flüssen und Strömen, die vom Kenia- und Elgon-Berg, dem Mau Complex sowie den Aberdare- und den Cherangani-Hügelketten gespeist werden, führen entweder weniger oder - in den Trockenzeiten – gar kein Wasser mehr mit sich", berichtet Joshua Kosgei, ein Agrarbeamter in Elburgon in der Provinz Rift Valley, gegenüber IPS.

Weniger Regen, geringere Ernten

Die Weltagrarorganisation FAO hat in einem Kurzbrevier zu Kenia 2012/2013 berichtet, dass die Niederschläge in der kurzen Regenzeit von Oktober bis Dezember unterdurchschnittlich ausgefallen waren. Darüber hinaus hatte eine Serie von Dürreperioden dafür gesorgt, dass das Saatgut nicht aufging, Pflanzen bis zu drei Mal umgesetzt werden mussten, verwelkt und verdorrt sind.

Nach Angaben des Kenianischen Agrarforschungsinstituts (KARI) leben mehr als zehn Millionen der 40 Millionen Kenianer in Ernährungsunsicherheit, wobei die meisten auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind.

Der Agrarsektor trägt zu einem Viertel zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) und zu mindestens 60 Prozent der Exporte des ostafrikanischen Landes bei. Die Kleinbauern produzieren 75 Prozent der landeseigenen Ernten und 70 Prozent der vermarkteten Agrargüter.

Tee ist ein führendes Exportgut, dessen Wert mit 1,17 Milliarden US-Dollar angegeben wird. Experten schätzen, dass der Klimawandel die Teepflanzer um 30 Prozent ihrer Einnahmen bringen könnte. "Tee ist sehr anfällig für den Klimawandel", meinte Kiama Njoroge, ein Agrarbeamter in Zentralkenia. "Das bedeutet, dass das Auskommen von 500.000 Kleinbauern nicht gesichert ist."

Nach Ansicht von Joel Nduati, einem Kleinbauern in Zentralkenia, besteht das größte Problem darin, dass die Farmer nicht wissen, wie sie sich an den Klimawandel anpassen können. Hinzu kommt der Wasserstress. "Zuviel Wasser, wenn wir es nicht gebrauchen können, und dann lange Dürreperioden", erläuterte er. "Wir brauchen Anbauprodukte, die den Klimaveränderungen gewachsen sind."

Laut Kosgei wurden bereits Klimaanpassungsmaßnahmen ergriffen. Jetzt gelte es Möglichkeiten zu finden, die Informationen auf effektive Weise an die Bauern weiterzugeben. Dem Experten zufolge hat die Teeforschungsstiftung 45 Teesorten entwickelt, ohne dass die Bauern über deren Existenz Bescheid wüssten. Ferner könne KARI mit fünf neuen Kartoffelsorten und etlichen alternativen Grünkohlsorten aufwarten. "Wie viele Bauern mögen von diesen Pflanzen wissen geschweige denn sie anbauen?"

Defizit an Agrarberatern

Dass Kenntnisse über neue Entwicklungen nicht bei den Bauern ankommen, hat mit dem Mangel an technischen Beratern zu tun. Die FAO empfiehlt ein Verhältnis von einem Berater pro 400 Bauern. Doch in Kenia liegt das Verhältnis bei eins zu 1.500, wie die Internationale Vereinigung für Landwirtschaft und Entwicklung berichtet.

"Die Erträge leiden darunter, dass viel zu viele Agrarchemikalien verwendet werden", meint hingegen Gathuru Mburu, Koordinator beim 'African Biodiversity Network'. "Die ökologische Landwirtschaft verwendet Kuhdung. Auch die Rückstände der letzten Ernte können den Böden als natürlicher Dünger beigegeben werden." Njoroge ist der gleichen Meinung. Er verweist auf Länder wie Ruanda, Äthiopien und Ghana, die Fortschritte bei der Ernährungssicherheit durch den indigenen Anbau gemacht haben.

"Allerdings ist eine Kriminalisierung der Agrarchemikalien keine Lösung. Farmer müssen über wissenschaftliche Neuerungen informiert werden", erklärt der Wissenschaftler John Kamangu. "Wir brauchen die Biotechnologie, weil sie uns zu Saatgut verhilft, das höheren Temperaturen und heftigeren Niederschlägen trotzen kann."

Abhängigkeit von Multis vermeiden

Doch Mburu rät dringend davon ab, sich im Kampf gegen den Klimawandel von den multinationalen Unternehmen abhängig zu machen. Die Erfahrung habe gelehrt, dass dies ohnehin nichts genutzt habe. Er warf afrikanischen Regierungen vor, ihre finanzielle Verantwortung an den Agrarsektor abzugeben. An diesem Punkt sprängen die Multis ein, denen jedoch vor allem an der Ausbeutung Afrikas gelegen sei.

"Dazu gehören Unternehmen, die die Agrarchemikalien entwickeln und verkaufen. Das von ihnen in Umlauf gebrachte Saatgut enthält ebenfalls Chemikalien, damit es überhaupt wachsen kann. Außerdem sind sie nur für spezielle Gebiete geeignet", erläuterte Mburu. "Den Multinationalen geht es um Profit und bestimmt nicht darum, Afrikaner satt zu bekommen", meint auch Kosgei.

Mburu befürchtet, dass die Regierung in dem Bemühen, multinationalen Konzernen entgegenzukommen, Entscheidungen treffen wird, die die Kleinbauern benachteiligen. Als Beispiel führt er das geplante Saatgutgesetz und eine Regelung gegen Markenfälschungen, das auf die Zertifizierung von Saatgut abzielt, an. "Sobald das Markenfälschungsgesetz in Kraft getreten ist, dürfen unsere Bauern keine indigenen Körner mehr verwenden."

Mburu zufolge haben diese Saaten "rein gar nichts mit dem Klimawandel zu tun". Vielmehr würden sie von sechs internationalen Unternehmen kontrolliert, seien eine Multi-Milliarden-Dollar-Investition und nicht mit den lokalen Ökosystemen kompatibel. (afr/IPS)

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