Kenia: Kampf gegen die Zerstörung der Wälder

Hirtengemeinschaften erklären kriminellen Kartellen den Krieg

Von Robert Kibet | 06.05.2015

Nairobi. Bewohner einer semipastoralen Gemeinschaft im Landkreis Samburu 360 Kilometer nördlich der kenianischen Hauptstadt Nairobi haben kriminellen Kartellen, die ihre Wälder zerstören, den Krieg erklärt. In einer Zeit, in der der Klimawandel Mensch und Natur immer neue Prüfungen auferlegt, wird der Wald für die darin lebenden Menschen überlebenswichtig.

The future of Kenya’s indigenous forest cover is under threat but this has little to do with poverty and ignorance – experts say that it is greed which allows unsustainable practices, such as the lucrative production of charcoal and logging of woodForstbeamte löschen ein Feuer, das zur Herstellung von Holzkohle im kenianischen Mau-Wald gelegt wurde (Bild: Robert Kibet/IPS).

Wenn die Viehherden im Zuge anhaltender Dürren verenden, müssen sich die Bewohner von Waldprodukten und Honig ernähren. "Die Menschen hier sind bereit, ihren Wald mit Speeren und Macheten zu verteidigen. Sie werden von Fremden, die nicht davor zurückschrecken, auch noch den letzten Rest ursprünglichen Waldes zu vernichten, dazu provoziert", berichtet der Vorsitzende von Lpartuk, Mark Loloolki, der die Proteste gegen den Kahlschlag der Wälder zur Herstellung von Holzkohle oder für den Export von Edelhölzern anführt.

Die aufgebrachten Menschen haben angekündigt, jeden Laster, den sie mit Stämmen aus ihren Wäldern antreffen, anzuzünden. Ihr Protest erfolgte eine Woche, nachdem Bewohner eines wenige Kilometer von Lpartuk entfernten Dorfes ähnliche Proteste durchgeführt hatten. Zuvor waren 12.000 Rotzedernstämme auf dem Weg in die wichtigste Stadt von Samburu, Maralal, konfisziert worden.

Im letzten Jahr hatten Studenten an einem vier Kilometer langen Protestmarsch gegen die Zerstörung der gleichen bedrohten Baumart teilgenommen.

Aus einem vom UN-Umweltprogramm (UNEP) und Interpol 2012 veröffentlichten Bericht ('Green Carbon, Black Trade') über den illegalen Einschlag und die damit einhergehenden Auswirkungen auf die oftmals ärmsten Menschen der Welt geht hervor, dass Kriminelle mit Bestechung oder mit dem Hacken von Behörden-Websites an Transport- und andere Genehmigungen herankommen.

Anschlag auf den wichtigsten Wald im Norden

In Samburu in Kenias semiarider Nordregion liegt Lerroghi, ein 92.000 Hektar großes und artenreiches Waldschutzgebiet. Lerroghi, vor Ort auch 'Kirisia' genannt, zählt zu den größten Waldökosystemen in Kenias trockenem Norden und war einst voll von Oliven- und Rotzedernbäumen.

Angenommen wird, dass skrupellose Händler die Rotzedernprodukte zur Hafenstadt Mombasa schmuggeln, von wo aus sie weiter an Saudi-Arabien zu Höchstpreisen verkauft werden. "An diesem Geschäft sind in Nairobi und Mombasa operierende Händler mit besten Beziehungen beteiligt", sagt Loloolki.

Dass Kenias Urwälder in ihrer Existenz bedroht sind, ist weniger die Folge von Armut und Unwissenheit. Experten zufolge ist es die Gier, die den Baumbestand des ostafrikanischen Landes schrumpfen lässt.

"Dieser Wald ist unsere wichtigste Wasserbezugsquelle und die Heimat wildlebender Tiere wie Elefanten", so Moses Lekolool, der zuständige Vizechef der Region, gegenüber IPS. Elefanten verlieren den Ort, an den sie sich paaren und ihre Jungen bekommen können. Die meisten von ihnen haben das Gebiet verlassen."

Eric Chemitei vom Kenianischen Forstdienst (KFS) des Landkreises betont, "dass wir als halbstaatliche Stelle keine Genehmigung für den Transport oder die Verbringung von Zedernholz ausgeben dürfen. Wir wissen nicht, wie die Stämme nach Nairobi, Mombasa oder nach Saudi-Arabien gelangen."

Gleichzeitig weist Chemitei darauf hin, dass derzeit Familien, die vor Viehdieben geflohen seien, in dem Wald lebten. Ihre Präsenz sei eine Gefahr für die größten Gewässer in Lerroghi, der Mathew-Hügelkette und den Ndoto- und Nyiro-Bergen. Ferner betont er, dass das Fällen von Zedern, egal ob in staatlichem oder privatem Wäldern, seit 1999 verboten ist. Mehr als 30.000 Hektar – ein Drittel des Lerroghi-Waldes – seien zerstört.

Lukratives Geschäft

Berichten von Interpol und der Weltbank aus dem Jahre 2009 und von UNEP von 2011 zufolge ist der Einschlag der einheimischen Hölzer höchst lukrativ und wird auf elf Milliarden US-Dollar pro Jahr geschätzt, nur zwei Milliarden Dollar weniger als der Drogenhandel.

In einer am 16. April veröffentlichten Studie über Wildlife, Gold und Holz schreibt der UNEP-Exekutivdirektor Achim Steiner: "Es besteht kein Zweifel: Wildlife- und Waldkriminalität sind schwere Verbrechen, auf die mit ebenso schweren Geschützen reagiert werden muss. Zusätzlich zu dem Bruch des internationalen Rechts und der Auswirkungen auf Frieden und Sicherheit beraubt die Umweltkriminalität Länder ihrer Einnahmen, die man für die nachhaltige Entwicklung und die Armutsbekämpfung hätte verwenden können."

Dem KFS-Strategieplan (2009/2010-2013/2014) ist zu entnehmen, dass Kenias 3,4 Millionen Hektar großen Waldflächen zu 1,4 Millionen Hektar aus einheimischen Arten inklusive Laubbäumen, Mangroven und auf Plantagen gezogenen Bäumen bestehen, die auf staatlichen und privaten Grundstücken wachsen.

Aus dem Strategieplan geht ebenfalls hervor, dass Kenias jährliche Nachfrage nach Holz bei 37 Millionen Kubikmetern liegt. Eine nachhaltige Nachfrage würde sich jedoch auf 30 Millionen Kubikmeter beschränken. Das Defizit von sieben Millionen Kubikmeter bedeutet nach Ansicht von Experten, dass der Wald erst dann genesen kann, wenn die Nachfrage sinkt.

Der Strategieplan bestätigt, dass ursprüngliche Wälder Ökosysteme von einem hohen wirtschaftlichen, Erholungs-, wissenschaftlichen, sozialen, kulturellen und spirituellen Wert sind. Dennoch greift die Zerstörung der Wälder immer weiter um sich und trifft die Menschen, die von ihnen abhängen, sowie die Volkswirtschaften der Produzentenländer.

Wälder werden zudem Landnutzungsplänen wie der Umwandlung in Farmland und Siedlungen geopfert und damit ihrer Fähigkeit beraubt, Waldressourcen zu liefern, als Wassereinzugs- und Artenschutzgebiete sowie Habitate wildlebender Arten zu fungieren.

Dazu meint Veronica Nkepeni, Leiterin des 'Kenya’s Centre for Advocacy and Gender Equality', dass Frauen in den Hirtengemeinschaften die Hauptleidtragenden der Waldzerstörung seien. Sie müssten auf der Suche nach Wasser immer weitere Wege zurücklegen. (afr/IPS)

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