Kenia: Großmütter kämpfen für die Zukunft ihrer Enkelkinder

Die Frauengruppe von Kagwa schafft Einkommen und einen neuen Umgang mit HIV/Aids

Von Charles Karis | 30.06.2016

Nairobi. Es ist ein Donnerstag. Die 73-jährige Dorcus Auma steigt scheinbar mühelos den kleinen Hügel hinauf. Im Gehen webt sie einen Korb aus Sisalfasern. Von anderen Frauen, die ihr begegnen, unterscheidet sie lediglich ihr auffälliges hellblaues Kleid. Das Kleid ist die Tracht der Frauengruppe von Kagwa im entlegensten Teil von Homa Bay County am Victoriasee.

Dorcus Auma kann durch die Mitgliedschaft in der Frauengruppe von Kagwa ihre drei Enkelkinder versorgen (Bild: Charles Karis/IPS).

Auma hat heute früh die Arbeit auf ihrer Farm erledigt, um rechtzeitig zum Treffen ihrer Frauengruppe zu kommen. Sie ist seit dem Jahr 2008 Mitglied. Damals hat sie die Obsorge für ihre drei Enkelkinder übernommen. "Aids hat mir meine drei Kinder genommen, die mich mit drei Kindern in sehr verletzlichem Zustand zurückgelassen haben", erzählt Auma.

Viele Frauen in Homa Bay County teilen das Schicksal von Auma. Eine Erhebung des National Aids Control Council (NACC) hat ergeben, dass in dem County 25,7 Prozent der Bevölkerung mit HIV infiziert sind. Das ist die höchste Zahl aller 47 Counties des ostafrikanischen Landes.

Ohne regelmäßiges Einkommen können aber alleinstehende Frauen den Nachwuchs nicht versorgen oder ihnen eine Schulausbildung ermöglichen. Auma wurde deshalb Mitglied der Frauengruppe von Kagwa, die derzeit ausschließlich aus Großmüttern besteht. Basis der Selbsthilfegruppe ist ein Mikrofinanzierungsmodell, das kleine Kredite für die 28 Mitglieder ermöglicht.

Das Geld geht im Kreis

Das Prinzip entspricht einem Karussell. Jeden Donnerstag geben die Mitglieder der Gruppe ihrer handwerklichen Erzeugnisse wie Körbe, Matten oder Seile im Sekretariat der Frauengruppe ab. Von dort gelangen die Produkte auf den Markt nach Oyugis, der ca. 60 Kilometer entfernt liegt.

Die dort erzielten Umsätze werden angespart. Da aber die Frauengruppe über kein eigenes Bankkonto verfügt, ist jedes Jahr eine andere Oma für das Geld verantwortlich. Auch Sicherheitsgründen werden deshalb die Einlagen zu einem Zinssatz von einem Prozent komplett an die Mitglieder verliehen.

"Seit ich bei dieser Gruppe bin, hat sich mein Leben verändert", erzählt Auma. "Ich habe dadurch die Möglichkeit erhalten, in eine nachhaltige Landwirtschaft zu investieren. Meine Enkelkinder können nun wieder lachen, weil sie jeden Tag eine nahrhafte Nahrung auf dem Tisch haben."

Unterstützt wird die Frauengruppe von Kagwa durch das Projekt APHIA Plus, das wiederum von der NGO World Vision gefördert wird. "Es funktioniert wie eine ländliche Bank", erklärt Jedidah Mwenda, technischer Experte bei APHIA Plus. "Da die Großmütter aber keine großartigen wirtschaftlichen Aktivitäten durchführen können, haben wir die Leistungen ihren Möglichkeiten angepasst."

Kampf gegen Stigmatisierung

Probleme gab es eigentlich nur zu Beginn. Die Frauengruppe führt nämlich auch Schulungen für die richtige Betreuung von an HIV-infizierten Personen durch. Die Großmütter hatten Angst, dass sie mit der Krankheit assoziiert und in der Folge ausgegrenzt werden. In der Zwischenzeit haben sich aber die meisten Frauen davon überzeugen können, dass sich die gemeinsamen Anstrengungen in der Gruppe lohnen.

"Wie führen in der Frauengruppe und an Schulen Workshops durch, um für die notwendige Einhaltung der Therapie und die richtige Ernährung zu sensibilisieren", sagt die Sozialarbeiterin Rose Anyango. Die Arbeit sei von Erfolg gekrönt. "Das Stigma ist verschwunden“, meint Anyango. Berührungsängste gäbe es kaum noch, Menschen mit HIV/Aids seien nun viel stärker in die gesellschaftlichen Aktivitäten eingebunden als vorher.

Beflügelt von den eigenen Erfolgen, hat sich Frauengruppe von Kagwa ehrgeizige Ziele gesteckt. Sie möchte in nächster Zeit neue Mitglieder aus den umliegenden Gemeinden gewinnen, um auch dort die wirtschaftliche Basis von Frauen verbessern und die Ausgrenzung von HIV-infizierten Menschen zu beenden. (afr/IPS)

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