Kenia: Gemeinsam ackern

Frauen und Männer in Yatta geben dem Hunger keine Chance

Von Isaiah Esipisu | 12.09.2012

Nairobi. Noch vor drei Jahren waren die Bewohner des semi-ariden Bezirks Yatta in der kenianischen Ostprovinz auf Nahrungshilfe angewiesen. Doch mit Hilfe eines lokalen Bischofs konnte der Hunger vor Ort wirksam bekämpft werden. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor der Initiative ist, dass Männer überzeugt werden konnten, ihre Frauen bei der Feldarbeit zu unterstützen.

Eigentlich wollte Bischof Titus Masika nur dafür sorgen, dass den jungen Mädchen der Weg in die Prostitution erspart bleibt. So trommelte er Agrar- und Marketingexperten aus Yatta zusammen, die zu dem Schluss kamen, dass die Menschen in der Region eine nachhaltige Einkommensquelle brauchen, um der Armut zu entkommen.

Mittlerweile ist in Yatta niemand mehr auf auswärtige Hilfe – in der einheimischen Sprache 'Mwolio' genannt – angewiesen. Der Bauer Stephen Mwangangi aus dem Dorf Makutano produziert mit Hilfe seiner Frau Margaret und den beiden gemeinsamen Kindern genügend Chilischoten für den europäischen Markt. Insgesamt 2.000 Familien profitieren von dem Projekt 'Operation Mwolio Out'.

"Indem wir den Rat der Experten befolgt und das traditionelle Wissen der lokalen Bevölkerung berücksichtigt haben, konnten wir die Abhängigkeit von ausländischer Hilfe überwinden. Letztendlich hat die Mitwirkung aller Familienmitglieder den Erfolg gebracht", berichtet Masika.

Die Farmer wurden mit verschiedenen landwirtschaftlichen Anbaumethoden vertraut gemacht. Seither sammeln sie Regenwasser und züchten dürreresistente Pflanzen. Masika und seine Helfer konnten viele Männer in der Region von der Notwendigkeit überzeugen, den Frauen bei der Feldarbeit unter die Arme zu greifen. Inzwischen gedeihen in Yatta hochwertige Feldfrüchte wie etwa Chilischoten, die von den Bauern selbst verpackt und auf den Weg nach Europa gebracht werden.

"Als wir vor drei Jahren anfingen, beteiligten sich lediglich 60 Frauen an dem Projekt", erinnert sich Masika. "Neue Teilnehmer wurden jedoch nur unter der Bedingung zugelassen, dass ihre gesamten Angehörigen mitmachten." Die Zusammenarbeit der Familien hat sich bewährt, da die anfallenden Aufgaben erfolgreich im Team bewältigt werden.

Zusammenarbeit von Männern und Frauen erhöht Produktivität

Nach Erkenntnissen der schwedischen 'International Agricultural Network Initiative' hat sich in Subsahara-Afrika die Agrarproduktivität gerade dort erhöht, wo Männer und Frauen auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten.

In dem Buch 'Transforming Gender Relations in Agriculture in Sub-Saharan Africa: Promising Approaches', das in Kürze erscheinen wird, werden neue Methoden für kleine Agrarbetriebe erläutert, die der Ungleichbehandlung von Männern und Frauen in der Landwirtschaft entgegenwirken. Dadurch kann die Lebensmittelproduktion gesteigert, die Nahrungssicherheit erhöht und die Nutzung von Inputs verbessert werden.

"Das bedeutet, dass wir die Position von Frauen in den Gemeinden stärken müssen, um ihnen einen gleichberechtigten Zugang zu Land, Arbeitsgeräten und Düngemitteln sowie zu Fortbildungsangeboten und zu den Märkten zu ermöglichen", sagt Marion S. Davis vom 'Stockholm Environmental Institute', die an der Publikation mitgewirkt hat.

Das Buch zeigt ferner auf, wie sich die Zusammenarbeit von Männern und Frauen positiv auf die Qualität ugandischer Kaffeeernten ausgewirkt hat. "Erst als ein Projekt umgesetzt wurde, das beide Geschlechter zur Zusammenarbeit animierte, konnte hochwertiger Kaffee erzeugt werden. Von dem gemeinsamen Verkauf profitiert die ganze Familie ", erklärt Davis.

Um positive Veränderungen anzustoßen komme es nicht nur darauf an, die Rolle der Frauen aufzuwerten, heißt es in dem Buch. Entscheidend sei vielmehr die geschlechterübergreifende Zusammenarbeit vor allem bei der Anwendung landwirtschaftlicher Techniken und bei der Vermarktung, meint Cathy Farnworth, die ebenfalls an der Untersuchung beteiligt war.

Frauen haben kaum Zugang zu Land und Krediten

Laut Melinda Fones Sundell, ebenfalls Mitarbeiterin des Stockholm Environmental Institute, kommt Frauen zwar eine Schlüsselrolle in der Landwirtschaft zu, dennoch haben sie häufig keinen Einfluss auf Produktions- und Verkaufsentscheidungen. "Mit dem, was sie haben, gehen sie zwar effizient um. Für gewöhnlich ernten sie aber weniger als männliche Farmer, weil ihr Zugang zu Land, Krediten und anderen Produktionsmitteln begrenzt ist."

Das gilt auch für Janice Wanyama aus dem Verwaltungsbezirk Bungoma im Westen Kenias. "Ich habe nur ein kleines Grundstück, auf dem ich Gemüse für die Familie anbaue", erzählt sie. "Über den kommerziellen Anbau auf den anderen Parzellen, den Einsatz von Traktoren und anderen Hilfsmitteln bestimmt allein mein Mann. Und ich muss zusätzlich auch noch auf diesen Feldern arbeiten."

Dabei ist der Prozentsatz von Frauen, die in der Landwirtschaft tätig sind, im Afrika südlich der Sahara so hoch wie nirgendwo sonst auf der Welt. Nach Angaben von Sundell produzieren beispielsweise die Frauen in Ghana 70 Prozent der Nahrungsmittel. Zudem stellen sie mehr als die Hälfte aller Arbeitskräfte im Agrarsektor und leisten 90 Prozent der Arbeit, die nach der Ernte anfällt.

In ganz Ostafrika sind im Schnitt 51 Prozent der in der Landwirtschaft tätigen Personen weiblich. Die Benachteiligung der Frauen beim Landerwerb hat nach Erkenntnissen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) auch zur Folge, dass in diesen Ländern durchschnittlich 60 Prozent mehr Kinder mangelernährt sind. Laut der Welternährungsorganisation FAO kann die Überbrückung der Kluft zwischen den Geschlechtern im Agrarsektor dazu beitragen, dass 100 bis 150 Millionen Menschen dem Hunger entkommen. (afr/IPS)

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