Kenia: Gefährliche Jobs für junge Leute

Sandbergbau in Rhonda fordert immer wieder Todesopfer

Von Robert Kibet | 20.08.2014

Nakuru. Der 22-jährige Allan Karanja hat einen gefährlichen Job: Er arbeitet im Sandbergbau in Rhonda, einem Gebiet in der Nähe des Nakuru-Nationalparks in Kenias Rift-Valley-Region. "Der Hunger treibt uns in die Sandminen", meint er. Immer wieder kommt es zu tödlichen Unfällen, etwa wenn die instabilen Wände einstürzen.

"Ich habe schon viele Kumpel sterben sehen", bestätigt Karaja. Wer in den Sandgruben arbeitet, ist mit einem Handtuch und einem Brecheisen ausgerüstet. Schutzhelme gibt es nicht. 

2010 hatte das UN-Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen (UN-Habitat) Nakuru, 160 Kilometer nordwestlich von der Hauptstadt Nairobi gelegen, zur schnellst wachsenden Stadt Ost- und Zentralafrikas erklärt. Daraufhin kamen Investoren in Scharen und lösten einen wahren Bauboom aus.

Rhonda ist aufgrund der reichen Sandvorhaben am Ndarugu-Fluss, der in den Nakuru-Nationalpark einmündet, der Hauptlieferant des Baustoffs. Seit den 1980er Jahren wird hier Sand abgebaut.

Jackson Kemboi besitzt eine zwei Hektar große Sandgrube, in der im letzten Monat zwei seiner Arbeiter ums Leben kamen. Vater und Sohn wurden unter einer Sandlawine begraben. Der Vorfall führte dazu, dass die Grube vorübergehend geschlossen werden musste. "In meiner Grube wird seit Anfang der 1980er Jahre gearbeitet", berichtet Kemboi. Seine Arbeiter sind als Tagelöhner beschäftigt und werden am Ende eines jeden Tages ausbezahlt.

Kemboi verlangt nach eigenen Angaben für eine Sieben-Tonnen-Lkw-Ladung Sand 5.000 kenianische Schilling, das sind umgerechnet rund 58 US-Dollar. 20 Prozent des Betrags müssen sich die Bergleute, die Männer, die die Laster beladen, und die LKW-Fahrer teilen.

Jack Omare, Vater von zwei Kindern, arbeitet seit 1992 im Sandbergbau. Er erzählt, dass er dem Tod bereits drei Mal entkommen sei. Der schlimmste Unfall hatte sich ereignet, als die Seitenwände der Grube zusammengesackt sind. Die Sandlawine schleuderte ihn und den LKW-Fahrer in den Fluss. Zum Glück kamen beide mit dem Leben davon. Im gleichen Monat starben drei Kumpel unter den Sandmassen einer Grube in Kirinyaga im Landkreis Meru im Osten Kenias.

Omare verdient an einem normalen Tag um die 300 kenianische Schilling (drei Dollar). Das ist zwar sehr wenig, reicht aber aus, um seine Familie zu ernähren, wie er betont.

Urbanisierung beschleunigt Bauboom

In Kenia ist Sand der Stoff, der Bauwirtschaft, Städtebau und Wirtschaftswachstum antreibt. Nach Prognosen des Kenianischen Wirtschaftsbericht von 2013 des 'Kenya Institute for Public Policy Research and Analysis' ist die Wirtschaft im letzten Jahr um 5,5 Prozent angestiegen. Für 2014 wird ein Plus von 6,3 Prozent erwartet.

Anne Waiguru, Staatssekretärin im Ministerium für Dezentralisierung und Planung, betont gegenüber IPS, dass Kenias Stadtbevölkerung jedes Jahr um vier Prozent zulegt. Den Zuwachs führt sie zum einen auf die Gewalt nach den Wahlen im Jahr 2008 zurück und zum anderen auf die Landflucht aus den ländlichen Gebieten.

Doch viele junge Leute arbeiten im Sandbergbau, um möglichst schnell an Geld zu kommen. Die mit der Arbeit verbundenen tödlichen Gefahren haben die Nachfrage nach solchen Jobs nicht vermindert.

Nach Angaben von Mary Muthoni, Mitarbeiterin der lokalen Kinderschutzbehörde, arbeiten im Sandbergbau fast 3.000 junge Leute. Die Betroffenen kämen mit giftigen Materialien in Berührung, die die Gefahr, Atemwegserkrankungen zu entwickeln, deutlich erhöhten.

Umweltprobleme

2013 hatte die Nationale Umweltmanagementbehörde (NEMA) die Schließung aller Sandgruben in Nakuru wegen ökologischer Bedenken verfügt. Der Sandbergbau habe dem Flussgebiet erheblich geschadet und bedrohe inzwischen öffentliche Einrichtungen und Infrastrukturen wie Straßen und Schulen.

"Das Verbot gilt immer noch. Als Behörde haben wir zwar kein Problem damit, es umzusetzen. Doch spricht dagegen, dass tausende Menschen plötzlich ohne Job dastehen würden", meint Wilfred Osumo, der Leiter des Nakuru-Büros der NEMA.

Diejenigen, die das Geschäft am Leben halten wollen, insbesondere die Eigentümer der Sandgruben, sind gezwungen, um eine Genehmigung anzusuchen, die NEMA für 0,1 Prozent der Gesamtprojektkosten ausgibt. Die NEMA-Richtlinien für den Sandbergbau datieren von 2007 und sehen vor, dass der Sandbergbau auf die Flussbetten beschränkt bleibt. Am Flussufer ist er nicht mehr erlaubt.

"Im Rift Valley wird der Sand aus dem Flussbecken gebaggert. Der Sand ist bei weitem nicht so gut wie der von Machakos, Kitui und Makueni im Osten Kenias", meint Professor Jackson Kitetu, ein auf den Sandbergbau spezialisierter Umweltexperte an der Kabarak-Universität. Seine Forschungsarbeiten in den Jahren 1993 bis 1997 haben gezeigt, dass der Sandabbau im Osten Kenias 30.000 Menschen Arbeit gab. Und trotz der bestehenden Risiken erwartet niemand, dass sich daran etwas ändern wird.

Mike Mwangi zufolge ist und bleibt der Sandbergbau trotz aller Gefahren eine viel gefragte Beschäftigung. "Ich hatte mich lange als Obstverkäufer in der Innenstadt von Nakuru versucht. Doch das wurde mir untersagt", berichtet er. "Jetzt arbeite ich wieder im Sandbergbau." (afr/IPS)

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