Kenia: Extremismus auf dem Vormarsch

Vor allem junge Leute sind für radikale Ideen anfällig

Von Miriam Gathigah | 30.09.2013

Nairobi. Ali Hassan Gitonga, ein vor kurzem zum Islam übergetretener Kenianer aus der zentralen Stadt Meru, sitzt im Zusammenhang mit dem jüngsten Angriff auf das Westgate-Einkaufszentrum in der Hauptstadt Nairobi in Haft. Er soll 2011 nach Somalia gereist sein, um sich dort von der Terrororganisation 'Al-Shabaab' militärisch ausbilden zu lassen.

Im gleichen Jahr überquerten 4.000 kenianische Soldaten im Rahmen der Militäroperation 'Linda Nchi' ('Schützt das Land') die kenianisch-somalische Grenze und vertrieben die Al-Shabaab-Rebellen aus dem Süden Somalias. Seither haben die Extremisten in verschiedenen Regionen Kenias Vergeltungsschläge durchgeführt. Die Opfer waren meist Zivilisten.

Dem kenianischen Innenministerium zufolge ist Gitonga einer von vielen jungen Afrikanern im Alter von 15 bis 34 Jahren, die sich an einem islamistischen Radikalismus ausrichten. Kenia, Somalia, Eritrea und Tansania seien dieser Gefahr besonders stark ausgesetzt.

Dazu meint Abdi Muhamud, ein Anwalt und Menschenrechtsexperte aus der kenianischen Küstenprovinz: "Viele junge Leute aus armen Familien lassen sich in Somalia von der Al-Shabaab militärisch ausbilden. Ihnen werden lukrative Jobs außerhalb ihrer Heimatländer und Unterstützung für ihre Familien angeboten." Muhamud zufolge wirkt sich der Aufstieg der islamistischen Al-Shabaab-Rebellen in Somalia seit 2009 in beunruhigender Weise auf die Nachbarländer und insbesondere Kenia aus.

Auch Konfliktforscher der 'International Crisis Group' (ICG) haben darauf hingewiesen, dass die Al Shabaab in den letzten vier Jahren ein eindrucksvolles Netzwerk aus kenianischen Unterstützern geschaffen hat. Es gebe eine hochgradig radikalisierte, engmaschige und geheime Gruppe salafistischer Dschihadisten, für die die Al-Shabaab ein großes Vorbild sei.

Auch wenn kein Zweifel daran besteht, dass Kenia Schauplatz terroristischer Umtriebe ist, geht die Meinung islamischer Führer, Menschenrechtsexperten und politischer Analysten, was die Radikalisierung kenianischer Muslime angeht, weit auseinander.

"Radikalisierung von Muslimen"

"Es findet eine Radikalisierung der Muslime in Kenia statt", bestätigt Muhamud. "Die vom Republikanischen Mombasa-Rat (MRC) ausgegebene Parole 'Pwani Si Kenya' ('Die Küstenprovinz ist nicht Kenia') ist dafür ein gutes Beispiel." Sie zielt auf die Abtrennung der Küstenprovinz vom restlichen Kenia.

Muhamud zufolge zählt der 1999 gegründete MRC mehr als 1,5 Millionen Anhänger. Doch aktiv geworden sei die Gruppe erst 2008 mit ihrem Ruf nach Sezession. Im gleichen Jahr zeigte auch die Al-Shabaab in Somalia zunehmend Präsenz. "Beide Entwicklungen stehen in einem engen Zusammenhang", ist der Menschenrechtler überzeugt.

"Muslime in Nordkenia und in der Küstenprovinz waren die Hauptziele der Rekrutierungs- und Radikalisierungsbemühungen der Al-Shabaab und ihrer Sympathisanten. Die Menschen dort sind mehrheitlich Muslime, die sich von der Zentralregierung ausgegrenzt fühlen", erläutert Muhamud.

Laut ICG hat Kenia die Bemühungen des Westens, mutmaßliche Terroristen aufzuspüren und festzunehmen, seit dem 11. September 2001 aktiv unterstützt. Muhamud zufolge hat dies Kenia anfällig für Anschläge der "Feinde westlicher Staaten" gemacht. "Wir haben es hier nicht mit einem kenianischen, sondern mit einem globalen Krieg zu tun."

Cyprian Nyamwamu von der pro-demokratischen Stiftung 'East African Democracy Foundation' ist der gleichen Meinung. Er weist darauf hin, dass die Extremisten in der Regel nicht aus Kenia stammen. "Wir brauchen uns nur den Anschlag auf das Westgate-Einkaufszentrum anzusehen. Das dabei eingesetzte Humankapital kommt in erster Linie aus dem Ausland. Den internen Untersuchungsergebnissen zufolge sind die meisten Angreifer Europäer. Vielleicht haben wir es mit einer Neuerfindung der Al-Qaeda-Gruppe zu tun."

Doch nach Ansicht von Muhamud ist Kenia Teil des Problems, weil es die Ausbreitung des Radikalismus in verschiedenen Teilen des Landes ignoriert habe. Der Anwalt ist der Meinung, dass die geographische Nähe Ostafrikas zur Nahostregion den Westen veranlassen sollte, das Nahostproblem zu lösen, um ein Überspringen des Konflikts auf die Subsahara-Länder über Somalia zu verhindern.

Problem der Jugendarbeitslosigkeit

Es gibt auch kritische Stimmen, die die zunehmende Radikalisierung auf die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Kenia zurückführen. Nach staatlichen Angaben drängen jedes Jahr 500.000 junge Leute auf den Arbeitsmarkt. Von den 19,8 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter in dem 41 Millionen Einwohner zählenden Land sind mindestens 70 Prozent zwischen 18 und 34 Jahre alt. Mehr als 65 Prozent dieser jungen Leute sind arbeitslos.

Die Statistiken zeigen ferner, dass jedes zweite Verbrechen, das bei der der Polizei zur Anzeige kommt, von Tätern im Alter von 16 bis 25 Jahren begangen wird.

"Wir haben Nicht-Somalis, die eine zunehmende Zahl arbeitsloser Jugendlicher ausbeuten", sagt Vater Gabriel Dolan, ein prominenter kenianischer Menschenrechtsaktivist. "Diese Terroristen sind keine jungen Leute, die in die Moscheen gehen. Bei den meisten Menschen, die in Verbindung mit Al-Shabaab-Aktivitäten festgenommen wurden, handelt es sich um junge Leute, die von sich sagen, zum Islam übergetreten zu sein und aus Nicht-Somali-Gemeinden zu stammen."

Dolan zufolge hat Kenia es mit einer winzigen Zahl Radikaler zu tun. Bedauerlicherweise sei für die Verbreitung extremen Gedankenguts keine Vielzahl von Personen erforderlich. Das Gleiche lasse sich auch über das Gewaltpotenzial radikalisierter Kräfte sagen. Die auf 15 geschätzten Attentäter im Westgate-Einkaufszentrum haben in nur einem einzigen Zwischenfall 68 Menschenleben ausgelöscht und mindestens 200 Menschen verletzt.

"Terroristen sind Ausländer"

Nach Ansicht von Hussein Gullet vom Nationalen Forum muslimischer Führer, der für den mehrheitlich von ethnischen Somalis bewohnten Norden Kenias zuständig ist, kann der Islam nicht dafür verantwortlich gemacht werden, dass junge Menschen ohne Arbeit anfällig für radikale Kräfte sind. "Man kann Muslimen nicht einfach unterstellen, dem Terrorismus nahe zu stehen", meint er. "Die in Kenia operierenden Terroristen sind Ausländer, deren Einsätze von ausländischen Kräften finanziert werden."

Eine Radikalisierung von Muslimen sei nur in Ländern verbreitet, in denen es Feindseligkeiten zwischen Mitgliedern des Islams und Christen gebe. "Die kenianischen Muslime genießen die gleichen Rechte wie die Angehörigen anderer Religionen", unterstreicht Gullet und fordert eine Untersuchung der Ursachen hinter den Terroranschlägen sowie Lösungsvorschläge, die den zugrundeliegenden Realitäten Rechnung tragen. (afr/IPS)

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