Kenia: Dürren werden immer häufiger

Katastrophale Aussichten für Hirtenvölker

Von Miriam Gathigah | 29.10.2014

Nairobi. Auf dem Viehmarkt im nordkenianischen Garissa können Hirten in einer guten Saison bis zu 5.000 Tiere die Woche verkaufen. Das sei an und für sich ein glänzendes Geschäft, sagen sie. So berichtet Seif Hassan, dass er, wenn alles gut geht, einen Ochsen für rund 1.000 US-Dollar verkaufen kann. Für eine Kuh erhält er 560 Dollar und für ein Kamel sogar 3.400 Dollar.

About 4,000 pastoralist households are benefiting from a livestock insurance product that now covers half of northern Kenya. Credit: Miriam Gathigah/IPSIn Kenia besitzen Hirtenvölker 60 Prozent des nationalen Viehbestands. Der Großteil der Hirten lebt in ariden oder semiariden Gebieten, die vom Klimawandel besonders stark betroffen sind. (Bild: Miriam Gathigah/IPS)

Doch getrübt wird die Aussicht auf gute Einkünfte durch die gravierenden Wetterveränderungen, die zu einer Häufung und Intensivierung von Dürreperioden geführt haben. In solchen Zeiten fallen die Viehpreise, wie Michael ole Tiampati, Koordinator des Kenianischen Hirtenentwicklungsnetzwerks weiß. Dann bringt ein Ochse nur noch 200 bis 300 Dollar ein, eine Kuh 50 bis 170 Dollar und ein Kamel 1.000 bis 1.700 Dollar.

Der fünfte Sachstandsbericht des Weltklimarats prognostiziert Afrika und insbesondere den Trockengebieten des Kontinents einen rapideren Temperaturanstieg als anderen Regionen. Sollte die inzwischen verkürzte Regenperiode im Oktober ganz ausbleiben, droht den ariden und halbariden Gebieten sowie ihren Bewohnern, den Hirten, eine Katastrophe.

George Keya, Vizedirektor für die Entwicklung von Weide- und Trockengebieten, zufolge sind gerade diese Nomadenvölker besonders anfällig für die Folgen des Klimawandels, "weil ihre Fähigkeiten, sich an extreme und unvorhersehbare Klimaveränderungen anzupassen, äußerst gering sind". Dieser Umstand in Verbindung mit den eingeschränkten Verdienstmöglichkeiten mache sie besonders angreifbar, sagt er.

Dürren alle drei Jahre

"Die Erderwärmung wird die Verfügbarkeit von Wasser insbesondere in semi-ariden Gegenden weiter verringern, warnen die Autoren des fünften Klimaberichts. Eine Einschätzung, die Tiampati teilt. Er weist darauf hin, dass Kenia in der Vergangenheit alle zwölf Jahre mit einer Dürre konfrontiert gewesen sei. Inzwischen jedoch stellen sie sich alle zwei bis drei Jahre ein. Dies wiederum bedeutet, dass die Böden viel weniger Zeit haben, um sich zu regenerieren.

Zudem wird eine Aufteilung der Herden, um sie an unterschiedlichen Plätzen zu weiden, nicht mehr viel nützen. Der Klimawandel hat Tiampati zufolge dafür gesorgt, dass es kaum noch Orte gibt, an denen die Herden vor den Folgen der Erderwärmung sicher sind.

Keya gibt zu bedenken, dass mit steigenden Temperaturen auch Tierkrankheiten zunehmen, die leicht eine ganze Herde ausrotten können. "Die Trockenheit begünstigt den Ausbruch der Pseudorinderpest, einer ansteckenden Krankheit, die Ziegen und Schafe befällt", sagt er.

Den Hirtengemeinschaften machen aber nicht nur Dürren das Leben schwer. Auch sintflutartige Regenfälle und Überschwemmungen stellen eine Gefahr dar. So tritt das Ostküstenfieber, eine von Zecken übertragene Rinderkrankheit, häufig während Überschwemmungen auf und ist genauso gefährlich wie die Pseudorinderpest.

"Die Viehhaltungssysteme in ihrer jetzigen Form können dem Klimawandel nicht standhalten", meint der Experte. Der Strategieplan 'Vision 2030', der Kenia den Übergang zu einem Land mit mittleren Einkommen ermöglichen soll, sieht zwar die Einrichtung viehseuchenfreier Zonen vor. Doch bisher wurde der Plan nicht umgesetzt.

Keya empfiehlt den Hirten, ihre Kühe nicht erst nach vier Jahren, sondern schon nach 18 Monaten zu verkaufen. "Ein Tier zu verlieren, das vier Jahre lang großgezogen wurde, ist ein schwerer Schlag", fügte er hinzu.

Dem wissenschaftlichen 'Arid and Range Lands Research Institute' zufolge besteht Kenia zu 80 Prozent aus ariden und semiariden Gebieten. Sie sind der Lebensraum der meisten Hirten, die im Besitz von 60 Prozent des nationalen Viehbestands sind. "Es gäbe genügend Land, das Investoren nutzen könnten, um Nutztiere, die sie zuvor von den Hirten erwerben müssten, in drei Monaten zu mästen und das Fleisch entweder lokal zu verkaufen oder ins Ausland zu exportieren", meint Keya. Er rechnet vor, dass Kenia derzeit 40 Prozent der Rindfleischnachfrage des Landes mit Auslandsimporten deckt. Dieses nationale Defizit ließe sich leicht abbauen, wenn man den Hirten helfen würde, ihre Herden besser zu managen.

Alternative Einkommensmöglichkeiten

Tiampati ist jedoch der Meinung, dass die Hirten ihre Einnahmenquellen diversifizieren sollten. Vereinzelt wird dies auch schon getan. So haben sich Frauen mit der Produktion von Seife aus Aloe, die sie in Laikipia in der Region Rift Valley anbauen, ein eigenes Einkommen verschafft.

In Narok, das ebenfalls in Rift Valley liegt, machen Hirten gute Erfahrungen damit, ihr Vieh während der Regenperioden im Hochland und in den Trockenzeiten in den Tälern zu weiden. Die Tiere würden im Hochland mit dem im Tiefland produzierten Heu gefüttert. Den Tiefebenen werde auf diese Weise die nötige Zeit eingeräumt, sich zu regenerieren. Experten zufolge gibt es also durchaus Möglichkeiten für die kenianischen Hirten, den klimabedingten Widrigkeiten zu trotzen. Sie müssten nur identifiziert und umgesetzt werden. (afr/IPS)

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