Kenia: Die "Briefkasten"-NGOs

TV-Serie nimmt Hilfsorganisationen ins Visier

Von Miriam Gathigah | 07.03.2014

Nairobi. Ben Okoth lebt in Kibera, Afrikas größtem urbanen Slum am Rande der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Über die Jahre hat er zahlreiche Hilfsorganisationen vor Ort dabei beobachtet, wie sie die Lebensbedingungen der Armen zu verbessern suchten. Unter ihnen gibt es allerdings auch "schwarze Schafe", wie der 45-jährige zu berichten weiß.

Für einige Gruppen seien die Armenviertel Mittel zum Zweck der Selbstbereicherung, meint Okoth. "Oft mieten sie ein kleines Gebäude und schreiben ihren Namen an die Tür. Dann sind sie weg und tauchen das nächste Mal in Begleitung Weißer auf, denen sie erzählen, was sie hier Großartiges vollbringen."

Viele Organisationen werden längst "Briefkasten"-NGOs genannt, weil sie gar nicht vor Ort tätig sind. Untersuchungen der lokalen Menschenrechtsvereinigung 'Kibera Law Centre' zeigen, dass die Lebensverhältnisse in den Slums trotz der Anwesenheit zahlreicher Nichtregierungsorganisationen (NGOs) weiterhin schwierig sind. So müssen sich in Kibera etwa 1.300 Menschen eine Toilette teilen.

Die Ineffizienz von Hilfsorganisationen in dem ostafrikanischen Land ist Thema der neuen Comedy-Fernsehserie 'Die Samariter'. "Im Mittelpunkt stehen die Mitarbeiter der Schein-NGO 'Aid for Aid Kenya', die mit den merkwürdigsten Forderungen und Entscheidungen der Kollegen am Hauptsitz in Großbritannien und mit hoffnungslos unfähigen Lokalbürokraten umgehen müssen", erläutert Hussein Kurji, einer der Produzenten. "Ihnen geht es vor allem darum, möglichst viele nutzlose Berichte zu schreiben, um ihr Engagement zur 'Rettung Afrikas' unter Beweis zu stellen."

Vorwurf des Eigennutzes

Auch wenn die Sendung bisher nicht im kenianischen Fernsehen gelaufen ist und nur zwei Episoden im Internet kostenpflichtig angeschaut werden können, sind 'Die Samariter' bereits im In- und Ausland populär. "Sehr lustig, ich habe viel gelacht. Mir gefällt aber nicht, dass Menschen, die von sich behaupten, uns Armen helfen zu wollen, in Wirklichkeit nur ihre Spielchen treiben", meint Okoth.

Nicht nur er findet die Comedy-Serie amüsant. "In den vergangenen zwei Wochen wurden Videos auf Vimeo und YouTube mehr als 150.000 Mal aufgerufen. Allein der Trailer auf YouTube wurde mehr als 90.000 Mal angeklickt", berichtet Kurji.

Zu den Fans gehört auch Mary Anne Karabi, die für eine kenianische NGO arbeitet. "Der Leiter von 'Aid for Aid Kenya' redet im typischen NGO-Jargon und sagt damit nichts. Wir verbringen den ganzen Tag auf Treffen in Fünf-Sterne-Hotels und sprechen über große Dinge wie die Hilfe zur Selbsthilfe. Das hört sich gut an und sieht auch auf dem Papier gut aus. Das war's dann aber auch."

Kurji zufolge waren es diese Diskrepanzen, die zur Entstehung der Serie führten. "Freunde und Bekannte schilderten uns die Bürokratie und Unfähigkeit in den Büros, in denen sie beschäftigt sind. Dass wir dieses Phänomen filmisch verarbeitet haben, brachte gleichzeitig ernsthafte Diskussionen über Hilfe und Entwicklung in Gang."

Nach Angaben des staatlichen Koordinationsausschusses, der die NGOs reguliert, gehen jedes Jahr 400 neue Organisationen an den Start – ein Trend, der sich seit gut einer Dekade beobachten lässt. Nach den jüngsten vorliegenden Zahlen von 2009 sind in Kenia 6.075 Gruppen registriert. Je stärker der Sektor wächst, desto kontroverser werden die Auswirkungen seiner Arbeit auf das Leben der Zielgruppen diskutiert.

Javas Bigambo von der Beratungsfirma 'Interthoughts Consulting' führt das Problem vor allem darauf zurück, das sich die meisten NGOs im Besitz von Einzelpersonen befänden, die "die Abhängigkeit von der Geberhilfe zur Perfektion getrieben zu haben, um das eigene Überleben zu sichern". Seiner Ansicht nach sind die wirkungslosesten Organisationen diejenigen, die in den Bereichen Regierungsführung und Zugang zur Justiz tätig seien. Kontrolliert würden sie von etwa 30 Personen mit weit verzweigten Netzwerken.

Auch NGOs "reformbedürftig"

Momentan sei es schwierig festzustellen, welche Wirkung die Arbeit dieser NGOs habe. Sie erhielten etwa sechs Millionen Dollar jährlich für Projekte, schätzt Bigambo. "Sie fordern Reformen und Transparenz ein, sind aber selbst dringend reformbedürftig". Dieser NGO-Sektor zeichnet sich seiner Meinung nach dadurch aus, dass er sich Finanzmittel erschwindelt und ungenaue Berichte abliefert.

Dem NGO-Koordinationsausschuss zufolge führten die NGOs der kenianischen Wirtschaft im Jahr 2003 schätzungsweise 926 Millionen Dollar in Form von Steuern und Sozialversicherungsabgaben zu. Allerdings räumte die Behörde ein, dass sie Schwierigkeiten habe, die NGO-Leistungen zur kenianischen Wirtschaft genau zu erfassen, weil die Angaben viel zu ungenau seien.

Vincent Kimosop, Leiter des Internationalen Instituts für Fragen der Gesetzgebung, macht für die Lage aber nicht in erster Linie die NGOs, sondern die internationalen Geber verantwortlich. Ihnen wirft er vor, weniger die Probleme der Menschen vor Ort als die eigenen Interessen im Blick zu haben.

Bigambo zufolge ist aber wichtig, zwischen dubiosen und seriösen Hilfsorganisationen zu unterscheiden. Letztere, die in den Bereichen Gesundheitsversorgung, Landwirtschaft bis hin zu Forschung, Bildung und Umweltschutz tätig seien, hätten grundlegende Dienstleistungen bereitgestellt und sich für die Menschenrechte eingesetzt.

Die Regierung hat kürzlich ein Gesetz zur Regulierung der öffentlichen Wohlfahrtsverbände (PBOs) vorgelegt, das unter anderem darauf abzielt, die ausländische Finanzierung einheimischer NGOs zu begrenzen. Wenngleich viele der Meinung sind, dass der Sektor einer Reform bedarf, wird der Entwurf von Bigambo als kriminalisierend abgelehnt.

Es gibt seiner Meinung nach andere Möglichkeiten der Regulierung. Immerhin beschäftigten die NGOs in allen Sektoren hunderttausende Kenianer und trügen zur technologischen Entwicklung der lokalen Landwirtschaft, Ernährungssicherheit und Seuchenkontrolle bei, gibt er zu bedenken. "Das PBO-Gesetz ist kontraproduktiv."

Kurji zufolge ist seine Serie Satire mit ernsten Absichten. "Wir hoffen, dass die Kenianer erkennen, dass Kenia mehr zu bieten hat als die 'Slums- und Guns'-Geschichten, die insbesondere von den internationalen Medien verbreitet werden." Nicht zuletzt deshalb sei man daran interessiert, dass die Serie auch von internationalen Fernsehsendern ausgestrahlt werde. (afr/IPS)

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