Kamerun: Jung, schwanger und HIV-positiv

Gezielte Aufklärung von Teenagern gefordert

Von Dorine Ekwe | 04.11.2013

Jaunde. Die Kamerunerin Beatrice M. war 18 Jahre alt und schwanger, als sie erfuhr, HIV-positiv zu sein. Heute ist sie 20, studiert immer noch Anthropologie an der Universität von Jaunde und lebt nach dem Motto 'Das Leben ist kurz und schön'. Beatrice teilt ihr Schicksal mit vielen jungen Kamerunerinnen. Bisherige Aufklärungsprogramme greifen zu kurz.

"Als mir meine Gynäkologin die schlechte Nachricht überbrachte, dachte ich nur, das war's", erinnert sich Beatrice. Um einer Mutter-Kind-Übertragung vorzubeugen, wurde ihr Zidolan, ein antiretrovirales Medikament, gegeben. Und tatsächlich: Die inzwischen zweijährige Tochter ist HIV-negativ.

In Kamerun sind HIV-Neuinfektionen bei Kindern seit 2009 um ein Viertel gesunken, bei den Frauen der Altersgruppe der 15-bis 49-Jährigen ist die Zahl in etwa konstant geblieben. So hatten sich 2012 21.000 Kamerunerinnen infiziert. Ebenso viele waren es 2009 gewesen.

In der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen sind fast zwei Prozent der Frauen und ein Prozent der Männer HIV-positiv. Jede dritte Frau zwischen 20 und 24 Jahren wird vor Vollendung des 18. Lebensjahrs Mutter.

"Ich bin unbeabsichtigt schwanger geworden", berichtet Beatrice, die ihren richtigen Namen nicht nennen will. "Mein damaliger Freund war für eine Abtreibung, ich dagegen. Als ich ihm meinen HIV-Status mitteilte, ließ er sich ebenfalls testen und war angeblich HIV-negativ. Daraufhin verließ er mich." Beatrice geht davon aus, vom Vater ihres Kindes, einem Kommilitonen, mit der Immunschwäche angesteckt worden zu sein. Als sie ihn kennengelernt habe, sei sie noch Jungfrau gewesen, betont sie.

Extrem hohe Rate ungewollter Schwangerschaften

Laut Flavien Ndonko, Anthropologe der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), werden 20 bis 30 Prozent aller Kamerunerinnen im Alter von 15 bis 24 Jahren ungewollt schwanger.

Dem Jahresbericht 2013 der UN-Aidsorganisation UNAIDS ist zu entnehmen, dass in dem westafrikanischen Land 600.000 Menschen beziehungsweise 4,2 Prozent der 19 Millionen Menschen zählenden Bevölkerung HIV-positiv sind. Vor allem Frauen und junge Menschen sind betroffen. Der Rückgang der Neuinfektionsrate in dem westafrikanischen Land ist moderat.

Beatrice hatte sich erst nach ihrer HIV-Infektion mit der Aids-Problematik auseinander gesetzt. "In meiner ersten Paarbeziehung waren Verhütungsmittel kein Thema", gesteht sie. "Ich wusste, dass es sie gibt, doch hatte ich sie nie mit mir in Verbindung gebracht." Als sie noch zur Schule ging, hatte sie nie an einem der Aufklärungskurse teilgenommen, die landesweit im Rahmen des Programms 'Education for Life and Love' (ELL) angeboten werden.

Der Sozialarbeiterin Arlette Ngon zufolge wird es höchste Zeit für einen neuen Ansatz. Die ELL-Kurse seien zwar wichtige und oftmals die einzigen Informationsquellen für junge Menschen, würden von ihnen aber offenbar nicht angenommen.

Yvonne Oku ist Mitglied des unabhängigen Nationalen Netzwerks der Tanten-Vereinigungen (RENATA). In Kamerun kommt der Tante eines Mädchens traditionell die Rolle der Vertrauten zu. Durch geschulte RENATA-Mitarbeiterinnen, meist junge Mütter, erfahren junge Leute, wie sie Teenagerschwangerschaften und HIV-Infektionen vorbeugen können.

Wie der Anthropologe Aubin Ondoa gegenüber IPS erklärt, muss die Gesellschaft auf die Tatsache, dass die Mädchen in Kamerun früh sexuell aktiv werden, mit Aufklärungsprogrammen reagieren. Der UN-Bevölkerungsfonds UNFPA gibt das Durchschnittsalter, in dem Kameruner sexuell aktiv werden, mit 15,8 Jahren an.

Ondoa zufolge kommt es häufig vor, dass junge Mädchen von älteren Männern umworben werden, die ihnen Geld anbieten. Für viele mittellose und unerfahrene Mädchen münde eine solche Beziehung nicht selten in Schwangerschaft und einer HIV-Infektion.

Beatrice hat inzwischen einen neuen Freund, einen High-School-Lehrer, der HIV-negativ ist, über ihre Krankheit Bescheid weiß und sie heiraten will. Doch eine Ehe schließt die junge Frau derzeit kategorisch aus. Sie will ihren Partner nicht anstecken, denn sie sieht die Gefahr, dass das Paar nach einer Heirat keine Kondome mehr benutzt.

Angst vor Stigmatisierung

Nachdem Beatrice HIV-positiv getestet worden war, wandte sie sich an die 'Positive Generation', eine 1998 gegründete studentischen Aids-Organisation mit etwa 60 Mitgliedern. Diese Gruppe hat ihr nach eigenen Angaben geholfen, mit sich ins Reine zu kommen. Doch vor ihrer Familie hält sie ihr Schicksal geheim. "Meine Eltern wären überfordert, ich ziehe es vor, sie im Ungewissen zu lassen. Auch habe ich Angst, stigmatisiert zu werden", sagt sie.

Dass sie mit ihren beiden Schwestern zusammenlebt, zwingt sie zu außerordentlicher Vorsicht. "Ich bin sehr diskret", versichert sie. "Aber es ist nicht so leicht, die regelmäßige Einnahme von Medikamenten zu verbergen." Auch bringt sie ihr Kind, dass ihre Eltern in ihrem Heimatdorf großziehen, regelmäßig in die Hauptstadt, um es medizinisch untersuchen zu lassen. "In Dörfern gibt es so etwas wie ärztliche Schweigepflicht einfach nicht."

In Kamerun ist die Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten kostenfrei. Beatrice muss lediglich für die halbjährig durchgeführten Blut- und CD4-Untersuchungen aufkommen. Die Kosten liegen bei 34 Dollar. Für die Menschen in den Dörfern ist es schwieriger, an die lebensrettenden Arzneien zu kommen. Oftmals müssen sie bis zum nächsten Gesundheitszentrum mehrstündige Fußmärsche zurücklegen.

"Als mein Kind zur Welt kam, bin ich gerissen", berichtet Beatrice. Doch aufgrund ihres HIV-Status habe sich die Hebamme geweigert, sie zu nähen. Solche Formen der Stigmatisierung will sie sich künftig ersparen, sagt sie. "Ich möchte jetzt mein Leben in vollen Zügen genießen." (afr/IPS)

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