Kamerun: Grenzstadt ächzt unter Flüchtlingsstrom

Versorgungssituation in Garoua-Boulai zunehmend schwierig

Von Monde Kingsley Nfor | 24.03.2014

Garoua-Boulai. Abdul Karim aus der Zentralafrikanischen Republik (CAR) erreichte Ende Februar die ostkamerunische Grenzstadt Garoua-Boulai. Er gehört zu den 30.000 Menschen, die im letzten Februar die Grenze passierten, und war somit Teil des bisher größten Flüchtlingszustroms seit Ausbruch der Gewalt im Nachbarland vor gut einem Jahr.

Die Versorgung von Flüchtlingen und Einheimischen bringt Garoua-Boulai an den Rand ihrer Möglichkeiten. Karim und seine 32 Angehörigen teilen sich derzeit ein 50 Quadratmeter großes Zelt, das ihnen das UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) im Pont-Bascule-Übergangslager bereitgestellt hat. "Ich bin hier mit meinen beiden Frauen, meinen Kindern, meinen Neffen und Nichten und meiner Mutter", berichtet er. "Weil wir die CAR mit nichts verlassen haben, sind wir auf die Hilfe des UNHCR angewiesen."

Wie er warten tausende andere Flüchtlinge darauf, von der Kamerun-Sektion des UNHCR registriert und dann einem anderen Ort zugeteilt zu werden, an dem sie leben können. UNHCR-Helfern zufolge sind auch Tschader und Nigerianer vor Ort, die in der CAR bis zu ihrer Flucht gearbeitet hatten.

Die Auseinandersetzungen in der CAR zwischen den vorwiegend muslimischen Séléka-Rebellen und den christlichen Anti-Balaka-Milizen haben inzwischen 2.000 Menschen das Leben gekostet. Ein Viertel der vier Millionen Einwohner zählenden Bevölkerung ist seit dem Putsch im März 2013 geflohen. Den Schätzungen zufolge halten sich derzeit 130.000 der Flüchtlinge in Kamerun auf.

Nach Garoua-Boulai kommen täglich tausende Flüchtlinge

Die Zahl der Flüchtlinge, die täglich in Kamerun ankommen, nimmt immer weiter zu. Jeden Tag holen hunderte Lkws ihre Ladungen vom Internationalen Flughafen nahe der größten kamerunischen Stadt Douala ab und transportieren die Güter in die CAR. Und jeden Tag bringen die um die 100 nach Garoua-Boulai zurückkehrenden Laster muslimische Flüchtlinge mit, die sie auf der Flucht vor den Übergriffen der Anti-Balaka-Milizen mitgenommen haben.

"Immer wenn wir unsere Ladung in der CAR gelöscht haben, nehmen wir viele Flüchtlinge auf", bestätigt Adamu Usman, ein Fahrer. Auf seinen Laster passen an die 100 Menschen. Wie er berichtet, war das letzte Mal eine Schwangere unter seinen Fahrgästen gewesen, die ihr Baby auf dem Weg nach Kamerun verloren habe. "Die jungen Anti-Balaka-Milizionäre, die uns kontrollierten, waren sehr schnell wieder weg, als sie die Frau in ihrem Blut liegen sahen, mit dem toten Säugling an ihrer Seite. Alle anderen Flüchtlinge blieben unbehelligt."

Die meisten Flüchtlinge sind Mitglieder der indigenen Mbororo aus dem Westen und dem Norden der CAR, die von den Milizen wegen ihres Wohlstands und ihres Viehs angegangen werden. "Wir wussten gar nicht, was Séléka ist, dennoch müssen wir leiden, weil wir Muslime sind ", meint ein Mbororo-Flüchtling, der sich als Abdul vorstellte. Selbst wenn die Gewalt ein Ende fände, würde er nicht heimkehren, betont er. "Ich habe alles verloren. Ich musste meine Herde zurücklassen, und die würde ich bei einer Heimkehr bestimmt nicht mehr vorfinden."

Während sich die Erwachsenen Sorgen über ihre Zukunft machen, kann man Kinder dabei beobachten, wie sie sich an ihre Mütter drängen. Den größeren von ihnen scheint das neue Umfeld zu gefallen, das ihnen die Möglichkeit bietet, mit anderen Kindern zu spielen. Doch ist die Lage in Garoua-Boulai alles andere als idyllisch. Die Stadt verfügt nicht über die Kapazitäten, so viele Menschen zu versorgen, wie die Bürgermeisterin Esther Yaffo Ndoe meint. "Sie ist für 40.000 Menschen ausgelegt. Doch inzwischen sind es doppelt so viele. Die Gesundheits-, Nahrungsmittel- und Unterbringungsmöglichkeiten der Behörden und Hilfsorganisationen sind ausgereizt."

Wie sie weiter berichtet, gibt es Flüchtlinge, die bereits seit zwei Monaten darauf warten, umgesiedelt zu werden. Der Zustrom der vielen Menschen aus dem Nachbarland sei zudem für die Lokalbevölkerung eine ungeheure Belastung. Sie müsse die ohnehin knappen Ressourcen nun mit den Flüchtlingen teilen.

Nahrungsmittel sind knapp geworden und die Preise für Waren und Dienstleistungen gestiegen. Auch Grundnahrungsmittel wie Reis und Mais haben sich verteuert. Kostete das Kilo Reis einst einen US-Dollar, werden heute 1,50 Dollar verlangt. Die Maispreise haben sich um 20 US-Cent auf einen Dollar das Kilo erhöht. Ndoe zufolge wirkt sich die starke Präsenz der Flüchtlinge darüber hinaus negativ auf die Sicherheitslage aus. So sei die Jugendkriminalität gestiegen.

Der 24-jährige Buba wirft den Flüchtlingen vor, seine Felder zu verwüsten. "Die Zäune wurden eingerissen, sodass das Vieh über mein Land hergefallen ist. Und einige Flüchtlinge holen sich einen Teil der Feldfrüchte, bevor sie reif sind." Etliche Flüchtlinge versuchen als Kleinhändler über die Runden zu kommen, indem sie ihren Landsleuten Grundnahrungsmittel verkaufen.

Anfällig für Krankheiten

Nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen leiden viele Flüchtlinge unter den Folgen ihrer schlechten Ernährung, an Durchfall, Magenschmerzen und auch an der Malaria. "Bis sie in richtige Lager umgesiedelt werden und Zugang zu sauberem Wasser, Sanitäranlagen, Nahrungsmitteln und Unterkunft erhalten, sind sie der Gefahr von Cholera, Masern und Malaria ausgesetzt. Das Risiko hat sich seit Beginn der Niederschläge verschärft und wir brauchen Impfstoffe", berichtet Jon Irwin, der Leiter der MSF-Mission in Kamerun.

Wie er erläutert, konzentriere man sich auf die Versorgung akut unterernährter Kinder. Laut UNHCR sind 51 Prozent der Flüchtlinge aus der CAR in Kamerun keine elf Jahre alt. "Kinder sind besonders stark gefährdet, an Malaria und Brustkorbinfektionen zu erkranken. Das lässt sich gut an den Flüchtlingen aus der Zentralafrikanischen Republik beobachten", erläutert Irwin. MSF hat die internationale Gemeinschaft um finanzielle Hilfe gebeten.

In der mobilen MSF-Klinik, die derzeit zwischen Städten und Dörfern hin und her pendelt, werden täglich etwa 70 Menschen versorgt. "Es ist auch eine logistische Herausforderung", betont Irwin. "Wir wollen möglichst viele Menschen versorgen, doch verlieren wir durch die Entfernungen viel Zeit." (afr/IPS)

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