Kamerun: Gefährliche Billig-Medikamente

Armut lässt illegalen Handel boomen

Von Monde Kingsley Nfor | 19.09.2013

Yaoundé. Als François Biloa erneut einen Malaria-Schub bekam, versorgte ihn die Familie wie immer mit den preisgünstigen Antibiotika vom Markt. Als sich sein Zustand jedoch immer weiter verschlechterte und er sogar ohnmächtig wurde, brachten ihn die Angehörigen in ein lokales Krankenhaus in der kamerunischen Hauptstadt Yaoundé.

Für die Klinikärzte war der Fall klar. Wie sie berichten, sind sechs von zehn Patienten, die in dem Hospital behandelt werden, Opfer illegaler gefälschter Medikamente. Biloa muss noch immer stationär behandelt werden. Wie er berichtet, hat er sich in einem Geschäft eine gefälschte Packung des Malaria-Mittels Coartem beschafft, das ihm schon früher geholfen hat. Die Schachtel kostete nur zwei US-Dollar. In der Apotheke hätte er für das echte Präparat sieben bis acht Dollar bezahlen müssen. Weitere vier Dollar wären für den Besuch beim Arzt fällig gewesen, der die Krankheit diagnostiziert und das Medikament verschrieben hätte.

Wie Biloa inzwischen erfahren hat, wird ihn sein Krankenhausaufenthalt nun richtig teuer zu stehen kommen. Auf 75 Dollar haben sich die Behandlungskosten inzwischen summiert. Nicht nur, dass er mit einem resistenten Stamm von Malariaerregern zu kämpfen hat. Zu allem Übel hat er sich auch Typhus eingefangen.

Mangelnde Kontrollen und marodes Gesundheitssystem

Auf Märkten und an Straßenständen in Yaoundé sind gefälschte und illegale Arzneien auf Holzregalen und Tischen für alle sichtbar aufgestapelt. Dabei ist der Handel mit solchen Produkten eigentlich verboten. Dass sie trotzdem leicht erhältlich sind, liegt an den laschen Kontrollen, dem schlecht funktionierenden Gesundheitssystem und den hohen Behandlungskosten in Kamerun.

Über die Menge der illegal eingeschleusten Medikamente ist nichts Genaues bekannt. Christophe Ampoam vom Nationalen Rat der Pharmazeutischen Gesellschaft in Kamerun geht aber davon aus, dass 70 Prozent aller Arzneien auf dem Schwarzmarkt verkauft werden. Dieser Handel sei so gut organisiert, dass Regierungsbeamte und die Polizei dagegen machtlos seien.

Laut Ampoam steht dahinter ein "einflussreiches Mafia-ähnliches Netzwerk, das schwer zu zerschlagen ist". Schätzungen zufolge sollen Investitionen in den illegalen Verkauf von Medikamenten das Fünffache des Gewinns im regulären Handel abwerfen. Lokale Beamte trauten sich nicht, gegen die Kriminellen vorzugehen, da die Mafia bereits Justiz und Zoll infiltriert habe.

Der größte Teil der gefälschten Medikamente stamme aus Nahost sowie aus Ost- und Südasien, sagt er. Auf vielen Verpackungen stehe 'Made in Germany'. Nach Kamerun gelangten sie über das Meer und die durchlässigen Grenzen zu Nigeria und der Zentralafrikanischen Republik. Ampoam äußerte sich besorgt darüber, dass diese Produkte auf Märkten, in Läden und entlang der Autostraßen ungehindert angeboten werden könnten. "Das zeigt, wie beklagenswert die Lage in Kamerun ist."

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO könnten global 200.000 Todesfälle verhindert werden, wenn die gefälschten Medikamente eingezogen würden. Das 'International Policy Network' stellte fest, dass allein gefälschte Arzneien gegen Tuberkulose und Malaria jährlich etwa 700.000 Menschen umbringen.

"Die meisten Medikamente, die bei uns im Umlauf sind, wurden in anderen Ländern verboten, weil sie toxisch oder gefälscht sind. Einige haben die richtigen Inhaltsstoffe, aber in niedrigen Dosen. Manche Arzneien, die verkauft werden, sind nur Muster oder wurden von Hilfsorganisationen gespendet."

Marlise Loudang, die Leiterin des Pharmazieaufsichtsdienstes im Gesundheitsministerium erklärte, dass Inspektoren in jeder Region des Landes Kontrollen durchführten – bisher aber ohne Erfolg. "Die Selbstmedikation mit illegalen und gefälschten Arzneien ist ein großes Problem für den öffentlichen Gesundheitssektor", sagte sie. "Im ganzen Land sind Medikamente zweifelhafter Herkunft leicht erhältlich." Die Einnahme solcher Arzneien kann lebensbedrohliche Folgen haben,vor allem bei Krankheiten, die wie Malaria häufig zum Tode führen.

Sporadische Razzien schrecken Verkäufer nicht ab

Marcel Olinga, der diese Mittel unerlaubt verkauft, lässt sich auch durch Razzien der Behörden nicht davon abbringen. "Ab und zu kommt die Polizei und beschlagnahmt meine Ware. Diese Verluste nehme ich aber gern in Kauf, weil die Razzien unregelmäßig stattfinden und wir unser Hauptlager anderswo haben." Olinga verdient am Tag etwa 40 Dollar.

Williams Takang von dem Lehrkrankenhaus der Universität von Yaoundé berichtet zudem von schlimmen Zuständen in Kliniken, die sich in Elendsvierteln und armen ländlichen Gebieten befinden. "Die Einnahme solcher Arzneien kann lebensbedrohliche Folgen haben, vor allem bei Krankheiten, die wie Malaria häufig zum Tode führen."

Nach WHO-Angaben kommen auf einen Arzt in Kamerun durchschnittlich etwa 13.500 Patienten. Beobachter sind aber davon überzeugt, dass die Zahl vor allem in ländlichen Regionen noch höher ist. Arme Menschen sind oft nicht in der Lage, sich in Krankenhäusern behandeln zu lassen. (afr/IPS)

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