Kamerun: Angst vor Boko Haram im Hohen Norden

Bildungssystem leidet unter Angriffen der Terrormiliz

Von Ngala Killian Chimtom | 21.01.2015

Maroua. "Ich würde eher meinen Beruf aufgeben, als an einem solchen Ort zu unterrichten", so der Grundschullehrer James Ngoran. Gerade hat er eine Stelle in Kameruns Far-North-Region ausgeschlagen. Dort, im äußersten Norden des Landes an der nigerianischen Grenze, kommt es immer wieder zu Blitzanschlägen der aus dem Nachbarland stammenden islamistischen Boko-Haram-Miliz.

Landscape with baobab and peakDie Rhumsiki-Spitze in den Mandara-Bergen an der Grenze zu Nigeria (Bild: Carsten ten Brink, CC BY-NC-ND 2.0).

So wie Ngoran denken viele seiner Kollegen. "Wer in die Far-North-Region geschickt oder versetzt wird, tritt seinen Dienst einfach nicht an. Denn ansonsten müsste er um sein Leben fürchten", erläutert Wilson Ngam, ein Mitglied der für Grundschulbildung zuständigen Far-North-Regional-Delegation. Seinen Angaben zufolge haben sich mehr als 200 Lehrer geweigert, ihre Arbeit in der Far-North-Region aufzunehmen.

Die Überfälle von Boko Haram haben vor Ort ein Klima der Angst und Unsicherheit geschaffen. Immer mehr Lehrer flüchten aus der 'Todeszone' und versuchen sich mit Hilfe von Bestechungsgeldern alternative Arbeitsplätze zu erschließen.

Erst kürzlich hat der Boko-Haram-Führer Abubakar Shekau Kamerun in einer über YouTube ausgestrahlten Videobotschaft damit gedroht, Kamerun zu einem zweiten Nigeria zu machen, wo die Terrororganisation zuletzt etliche Dörfer ausgelöscht hat. Seine Warnung kam nach einer Reihe von militärischen Auseinandersetzungen mit der kamerunischen Armee. Berichte, wonach Shekau im September von kamerunischen Truppen getötet worden sei, stellten sich somit als falsch heraus.

Immer mehr Schulen geschlossen

Während die nigerianische Sekte ihre Angriffe auf kamerunischem Territorium intensiviert, sieht sich die Regierung gezwungen, zahlreiche Schulen zu schließen. Nach Angaben von Mounouna Fotso, einem Beamten im Ministerium für Sekundarbildung, mussten bereits 130 Schulen geschlossen werden. Betroffen sind vor allem die Einrichtungen in Mayo-Tsanaga, Mayo-Sava und dem Logone-et-Chari-Bezirk an der kamerunisch-nigerianischen Grenze.

"Die Regierung sieht sich gezwungen, die Schulen zu schließen und Lehrer und Schüler anderswo unterzubringen. Schließlich bedrohen die Boko-Haram-Kämpfer das Leben tausender Schüler. Wir dürfen unsere Kinder nicht gefährden", meint Fotso. Die Terrormiliz Boko Haram, für die westliche Bildung Sünde ist, hat in den letzten fünf bis sechs Jahren hunderte Schulkinder in Nigeria massakriert. Die Gesamtopferzahl liegt bei mehr als 10.000.

"Nach jedem Angriff, auch wenn er noch so viele Kilometer entfernt von hier stattfindet, bleiben mehr Schüler weg", berichtet Christophe Barbah, der Leiter einer Schule in Kolofata, einem Gebiet in Far North.

Die Schließung der Einrichtungen bedeutet auch einen herben Rückschlag für das Millenniumsentwicklungsziel der universellen Bildung. Schon jetzt ist klar, dass es in Far North bis Ablauf der Frist Ende 2015 nicht zu erreichen ist. Die Einschulungsrate liegt dort mit 49 Prozent weit unter dem nationalen Durchschnittswert von 83 Prozent.

Mahamat Abba ist Vater von vier Kindern, die einst eine staatliche Schule in Fotocol besuchten. Doch inzwischen ist die gesamte Familie nach Kouseri an der kamerunischen Grenze zum Tschad geflohen. "Ich sah meine Kinder und meine wunderbare Frau und wusste, dass sie jederzeit von einer Kugel oder Bombe getötet werden könnten", sagt er. "Deshalb haben wir uns ein sichereres Umfeld gesucht. Doch der Neuanfang mit nichts ist ein Albtraum."

Alhadji Abakouras Heimatstadt Amchidé ist quasi zu einer Geisterstadt verkommen. "Hier gab es einst sechs Grundschulen und eine Kindertagesstätte. Sie alle mussten geschlossen werden."

Überfüllte Klassenräume

Dass viele Schüler, Lehrer und Eltern zu sicheren Ufern aufbrechen, setzt die dortigen Schulen unter einen enormen Druck. Dass sie Unmengen an neuen Kindern beschulen müssen, bedeutet für sie, die ohne Extra-Mittel auskommen müssen, eine immense Belastung.

Nach Angaben des Weltkinderhilfswerks UNICEF gingen im Jahr 2013 90 Prozent der Jungen und 85 Prozent der Mädchen in Kamerun zur Schule. Doch im Hohen Norden ist der Anteil deutlich geringer. Dem Nationalen Statistikamt zufolge ist die Region nur zu 40 bis 50 Prozent alphabetisiert. 60 bis 70 Prozent sind es in dem nordzentralen Bundesstaat Adamawa.

"Viele von uns sind gezwungen, dem Unterricht durchs Fenster zu folgen, weil es in dem Klassenzimmern selbst nicht genug Platz gibt", erzählt Ahmadou Saidou, Schüler an der staatlichen weiterführenden Schule in Maroua. Er ist aus Amchidé geflohen, nachdem zwei Mitschüler und ein Lehrer bei einem Anschlag im September ums Leben kamen. Teilten sich einst drei Schüler eine Bank, seien es nun sechs, berichtet er.

"Unter normalen Umständen sind in jedem Klassenraum höchstens 60 Schüler untergebracht. Doch nun befinden wir uns in einer Situation, dass es mehr als 130 sind", berichtet Mahamat Ahamat, regionaler Delegierte für Grundschulbildung. "Wir setzen Lehrer aus Risikogebieten ein. Wir holen sie an die Schulen, zu denen die Schüler geflohen sind. Diese Angriffe machen uns das Leben sehr schwer."

Angriffe nehmen zu, Armee wird aufgestockt

Die nigerianischen Boko Haram haben ihre Angriffe in Kamerun in den letzten Jahren intensiviert. Immer wieder kommt es zu Massakern und Entführungen zwecks Lösegelderpressungen.

Um auf diese Gefahr zu reagieren, hat Kamerun eine Reihe militärischer und rechtlicher Reformen eingeleitet. So wurde eine neue Miltärregion in der Far-North-Region mit dem Ziel geschaffen, die Soldaten näher an die Gefahrenzonen heranzubringen, damit sie die Rebellen aufhalten. Die dafür erforderliche militärische Ausrüstung soll Berichten zufolge mit internationaler Hilfe finanziert werden.

Mebe Ngo’oo zufolge wird Kamerun in den nächsten zwei Jahren 20.000 Soldaten rekrutieren, um den Kampf gegen die Terroristen zu verstärken. Neben der militärischen Option setzt Kamerun auch auf rechtliche Maßnahmen. So hat das Land im vergangenen Dezember ein Anti-Terror-Gesetz verabschiedet, das die Todesstrafe für Personen vorsieht, die terroristischer Aktivitäten für schuldig befunden werden. Doch Oppositionspolitiker, sowie Vertreter der Zivilgesellschaft und Kirchen lehnen das Gesetz als undemokratisch ab. Es diene vor allem der Unterdrückung der bürgerlichen Freiheiten, heißt es. (afr/IPS)

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