Kamerun: 27 Jahre in Auffanglagern

Leere Versprechungen an die Giftgasopfer vom Nyos-See

Von Monde Kingsley Nfor | 31.07.2013

Menchum. Ismaela Muhamadu hat im Alter von sechs Jahren seine Eltern und Geschwister verloren. Sie starben an dem Gas, das 1986 aus dem Nyos-See im Norden Kameruns ausgetreten war. Die riesige Kohlendioxidwolke tötete 1.800 Menschen, 3.000 Nutztiere und alles Leben in einem Radius von 25 Kilometern.

27 Jahre sind seit dem Unglück vergangen und der inzwischen 33-jährige Muhamadu lebt mit seinen beiden Frauen und acht Kindern immer noch im Auffanglager von Upkwa im Verwaltungsbezirk Menchum in der kamerunischen Nordwestregion. Seit fast drei Jahrzehnten fristen die Opfer und ihre Nachkommen, insgesamt 12.000 Menschen, ihr Dasein in Lehmhütten, die sich auf insgesamt sieben Camps verteilen. Es gibt dort keine Basisgesundheitsversorgung, Schulen oder andere Einrichtungen.

Adolphe Lele Lafrique, Gouverneur der Nordwestregion und Chef des Lokalen Nyos-See-Katastrophen-Managementausschusses, erklärte unlängst gegenüber dem staatlichen Rundfunk, dass die Opfer des Nyos-Sees bald in ihr Heimatgebiet zurückkehren könnten. Doch die Betroffenen sind skeptisch.

"Ich schenke den Worten über eine nahe Rückkehr keinen Glauben", meint Muhamadu im IPS-Gespräch. "Ich lebe bereits seit 27 Jahren in diesem Lager. Es gibt keine Krankenhäuser, kein Wasser und keine Möglichkeit einer nachhaltigen Existenzsicherung. Selbst wenn es zu einer Umsiedlung käme, denke ich nicht, dass wir es dort besser hätten."

Unfreiwillige Bauern

Die Lagerinsassen führen einen harten Überlebenskampf. Die Menschen dieser traditionellen Hirtengemeinschaften sind gezwungenermaßen Subsistenzbauern geworden. "Wir gehören dem Volk der Boboro an. Wir sind Hirten. Viele mögen die Landwirtschaft nicht und können oft nicht von den Erträgen ihrer Felder leben", berichtet Salifu Buba. Der 57-jährige lebt im Kumfutu-Camp im Verwaltungsbezirk Menchum. Auch seine Begeisterung, in die alte Heimat zurückzukehren, hält sich in Grenzen.

"Im Grunde ist es ganz gleich, wo wir leben. Was wir brauchen, ist Förderung, keine Umsiedlung. Hier haben wir keinen Anspruch auf Weideland. Die 30 bis 50 Quadratmeter, die jedem Haushalt zugewiesen wurden, reichen nicht für den landwirtschaftlichen Anbau geschweige denn für die Viehzucht."

Wie Buba berichtet, hatte die Regierung den 1986 evakuierten Hirten landwirtschaftliche Gerätschaften und Ochsen bereitgestellt, ohne dass die Menschen etwas von der Landwirtschaft verstanden. Buba zufolge wäre den Familien eher damit geholfen gewesen, wenn man ihnen jeweils zwei Kühe gegeben hätte.

Doch gibt es eine Reihe Menschen, die gern wieder heimkehren würden. Dazu gehören die Bantu im Ipalim-Flüchtlingslager. Diese Subsistenzbauern, die vom Verkauf ihrer Agrarerzeugnisse wie Mais, Bohnen, Taro und Bananen leben, würden gern zum Nyos-See zurückkehren.

"Dort herrscht Überfluss", meint der 47-jährige Stephen Nju. "Die paar Quadratmeter, die den Familien zugewiesen wurden, reichen einfach nicht. Und außerdem ist die Landwirtschaft schwierig. Wir haben uns Land von der Gemeinde erbettelt, die uns aufgenommen hat. Doch im Grunde sind wir Fremde geblieben. Außerdem kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Bauern und Hirten."

Lydia Nzeh lebt ebenfalls im Ipalim-Lager. Auch sie würde gern zurückkehren. "Wir haben gehört, dass am Nyos so viel geschehen ist, um ihn zu entgasen und den Damm zu verstärken. Die Natur muss herrlich sein", schwärmt die 55-Jährige. "Doch noch immer warten wir auf die Rückkehrgenehmigungen. Das Lager liegt so weit abseits. Es gibt weder Straßen noch Gesundheitszentren."

Die Ankündigung, 80 Prozent der 12.000 CO2-Opfer wieder am See anzusiedeln, hält David Neng von 'Environment Watch', einer Umweltorganisation im Verwaltungsbezirk Menchum, für verfrüht. "Es muss noch sehr viel an der Infrastruktur getan werden, um so viele Menschen dort ansiedeln zu können", sagt er und berichtet von Problemen mit den Landrechten. Es müsse eine Lösung für all diejenigen gefunden werden, die Jahre nach der Tragödie in die verlassenen Gebiete am Nyos-See geströmt sind.

Ingenieure haben dafür gesorgt, dass nur noch unbedenkliche Mengen Gas aus dem See entweichen. Dem Geologen Njilah Isaac zufolge, der von 2008 bis 2010 an einem Projekt des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) und der Kameruner Regierung zur Reintegration der Opfer der Tragödie teilgenommen hatte, stellt der See keine Gefahr mehr für die Anrainer dar.

"Die Regierung hat große Anstrengungen unternommen, um den See zu entgasen und für die Bevölkerung sicher zu machen", berichtet er. Doch auch er hält die Zurückführung der vielen Menschen für keine gute Idee, sind die Infrastrukturmaßnahmen nicht wirklich vorangekommen.

Eine Rehabilitationsmaßnahme für das Unglücksgebiet sollte 43,8 Millionen Dollar kosten und von Kamerun und seinen Partnern, dem UNDP und der Europäischen Union, umgesetzt werden. Mit den Geldern sollten auch die Kosten für die Bereitstellung der Infrastruktur und der Rückführungsprozess über einen Zeitraum von fünf Jahren ab 2007 abgedeckt werden. Doch von den zugesagten Geldern kamen gerade einmal 16,1 Millionen Dollar zusammen.

Infrastrukturmaßnahmen im Schneckentempo

Im Rahmen des Programms sollten 500 Häuser, zwei Märkte, fünf Grundschulen, zwei weiterführende Schulde, zwei Krankenhäuser, Straßen und Wasser- und Stromanschlüsse finanziert werden. Doch Konfor zufolge, der die Region kürzlich besuchte, wurde nichts von den Plänen umgesetzt.

Dazu meint Jeanvier Mvogo von der Behörde für Zivilschutz des Ministeriums für territoriale Verwaltung und Dezentralisierung: "Der Katastrophenmanagement-Ausschuss hat die Opfer lediglich seelisch auf ihre Rückkehr vorbereiten wollen. Ein genauer Termin steht noch nicht fest, weil die Arbeiten noch nicht abgeschlossen sind." (afr/IPS)

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