Ghana: Immer mehr Klimaflüchtlinge

Vor allem junge Frauen zieht es in die Hauptstadt

Von Albert Oppong-Ansah | 20.12.2013

Accra. Fizer Boa war 20 Jahre alt, als sie aus dem Norden Ghanas in die Hauptstadt zog, um sich auf dem lokalen Abobloshie-Markt als Trägerin oder 'Kayayei' zu verdingen. "Als meine Mutter meinte, ich solle wie eine Freundin von mir als Kayayei in Accra arbeiten, hatte ich nichts dagegen", erzählt Boa. "Ich wusste ja, wie es um meine Familie stand."

Da die Niederschläge in den letzten zwei Jahren in ihrem Heimatbezirk Bunkpurugu-Yunyoo gering ausgefallen sind, wirkte sich auf die Ernten aus. "Mit Müh und Not reichte es für drei vernünftige Mahlzeiten am Tag", schildert Boa. In Accra besteht Boas Job darin, Waren auf dem Kopf von Punkt A nach B zu transportieren.

Kaum war sie in der Hauptstadt angekommen, brachen ihre beiden Schwestern die Schule ab, weil das Familieneinkommen nicht reichte, um davon Schulmaterialien zu kaufen und die anfallenden Gebühren zu zahlen. In Ghana ist der Schulbesuch zwar kostenfrei, doch legt jede Schule einen Teil ihrer Kosten auf die Eltern um und erhebt Verwaltungsgebühren.

Inzwischen sind alle drei Schwestern auf dem Abobloshie-Markt beschäftigt. Zusammen verdienen sie an guten Tagen umgerechnet 30 US-Dollar. Kayayei ist eine Arbeit, die häufig Kinder und Erwachsene aus der Nordregion nach ihrer Ankunft im Süden des Landes verrichten.

Wilson Dogbe, Wissenschaftler am Savannen-Agrarforschungsinstitut des Rates für wissenschaftliche und industrielle Forschung macht den Klimawandel im ländlichen Norden für die Landflucht in den Süden verantwortlich. "Das Problem ist, dass die Nordregion derzeit unter geringen Niederschlägen, unproduktiven Böden und steigenden Temperaturen von um die 47 Grad Celsius leidet. Die Forschung der letzten Jahren hat gezeigt, dass Landknappheit und unfruchtbare Böden entscheidende Gründe sind, die junge Leute veranlassen, sich im Süden nach Arbeit umzusehen", betont er.

Mehr als 80.000 Klimaflüchtlinge

Das 'Northern Sector Action on Awareness Centre' (NORSAAC), eine Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Tamale, der Hauptstadt der Nordregion, schätzt die Zahl der Kayayei in Accra and Kumasi im Süden auf mehr als 80.000. Einige dieser Klimaflüchtlinge, mehrheitlich junge Frauen zwischen 18 und 30 Jahren, arbeiten als Wasserholer, in Restaurants, als fliegende Händler oder Verkäufer.

Doch laut NORSAAC-Direktor Mohammed Awal sind die jungen Frauen von allen Klimaflüchtlingen am schlechtesten dran. Da sie keinen Ort zum Übernachten haben, schlafen sie auf Lkw-Rastplätzen unter freiem Himmel und sind den Launen des Wetters und anderen Gefahren schutzlos ausgeliefert. "Wenn diese Frauen in ihre Dörfer heimkehren, bringen viele sexuell übertragbare Krankheiten mit nach Hause", berichtet er. Andere seien schwanger oder litten an den Folgen einer illegalen Abtreibung. Auch Boa hat bereits lebensbedrohliche Situationen erlebt, wie sie berichtet. Sie sei sexuell belästigt worden und müsse ebenfalls auf Lkw-Rastplätzen übernachten.

Dogbe wirft der 2010 von der Regierung gegründeten Entwicklungsbehörde SADA vor, nicht genug getan zu haben, um die Armut in Ghanas Norden zu bekämpfen und den Nord-Süd-Flüchtlingsstrom zu unterbrechen. "Sie sollte den armen Bauern und insbesondere den Frauen helfen, Einkommen zu generieren. Sie sollte ihnen bei der landwirtschaftlichen Produktion helfen und die fragilen Savannen-Ökoysysteme im Norden schützen." Wie Dogbe weiter kritisiert, sind 80 Prozent der Straßen im Norden nach wie vor unpassierbar. Dort fehlt es den Bauern zudem an Landmaschinen und weichen Krediten, die sie jedoch benötigten, um Dünger und Saatgut zu kaufen.

Ehrgeizige Entwicklungsziele

Doch dem ghanaischen Vizeminister für Ernährung und Landwirtschaft, Ahmed Yakubu Alhassan, zufolge werden SADA und das Ghana-Projekt für kommerzielle Landwirtschaft dafür sorgen, dass der Norden wieder zum Brotkorb des Landes wird. Die Weltbank und die US-Entwicklungshilfebehörde USAID finanzieren derzeit mit 145 Millionen Dollar ein Projekt zur Entwicklung der ländlichen Infrastrukturen wie Straßen und Bewässerungssystemen, um die landwirtschaftliche Produktivität in der Accra-Ebene im Südosten Ghanas und in den Savannengebieten im Norden wieder zu steigern.

Bis es allerdings soweit ist, werden Boa und ihre Schwestern auch weiterhin nach Wegen suchen, um sich fern von der Heimat ein Auskommen zu schaffen. "Wenn wir hart genug arbeiten, können wir ein bisschen Geld an unsere Eltern schicken", sagt Boa. Die jungen Frauen hoffen zudem, dass sie irgendwann einmal eine Ausbildung zur Modedesignerin oder Friseurin machen können, die ihnen ein sicheres Einkommen ermöglicht. (afr/IPS)

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