Ghana: Hoffnung für HIV-positive Teens

Aufklärung statt Stigmatisierung

Von Albert Oppong-Ansah | 28.02.2014

Tamale. Die Nachricht traf sie wie ein Schlag. Als Zainab Salifu im vergangenen Dezember im Lehrkrankenhaus Tamale im Norden Ghanas erfuhr, HIV-positiv zu sein, brach sie zusammen. Was Oberschwester Felicity Bampo nicht vermochte, schaffte der Aktivist Sulemana Sulley: Er nahm die 18-Jährige beiseite und richtete sie seelisch wieder auf.

"Zum Weinen ist keine Zeit", sagte er der jungen Frau. "Du musst deinen Zustand akzeptieren. HIV ist kein Todesurteil. Achte darauf, dass du deine Medikamente nimmst, ernähre dich gut und treibe Sport. Du bist nicht allein."

Tatsächlich ist auch Sulley HIV-positiv. Gnadenlos offen schilderte er Salifu, wie er vor zehn Jahren fremdgegangen war, sich dabei mit dem Virus infizierte und dann später seine Frau unwissentlich ansteckte. "Wir sind zusammengeblieben und haben Zugang zu anti-retroviralen Medikamenten (ARV)", sagte er. "Und unsere beiden Kinder sind HIV-negativ zur Welt gekommen."

Sulley arbeitet für die Freiwilligenvereinigung 'Modell der Hoffnung', die von der Hilfsorganisation 'Catholic Relief Services' gegründet wurde. Ihre 19 Mitglieder in Tamale wurden von der Aids-Kommission Ghanas zu Gemeindeberatern ausgebildet.

Geringe HIV-Infektionsrate

Etwa 240.000 der insgesamt rund 25,2 Millionen Ghanaer tragen das HI-Virus in sich, wie aus dem globalen Jahresbericht 2013 von UNAIDS hervorgeht. Allein 2012 wurden in dem westafrikanischen Land 7.100 Neuinfektionen registriert, darunter bei 850 Kindern. Sieben von zehn Kindern erhalten nicht die benötigte medizinische Behandlung. Acht Prozent aller Todesfälle von Müttern sind auf das Virus zurückzuführen. Im Zeitraum 2009 bis 2012 konnte allerdings die Ansteckungsrate bei Kindern um 76 Prozent gesenkt werden.

Tamale, rund 600 Kilometer nördlich der Hauptstadt Accra gelegen, ist mit etwa 540.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt Ghanas. Jeden Dienstag und Freitag, wenn in dem Lehrkrankenhaus HIV-Tests vorgenommen werden, stehen Freiwillige den Menschen bei, die gerade ihre niederschmetternde Diagnose erhalten haben. Oder aber sie kontrollieren, wie Patienten auf ARVs ansprechen.

Oberschwester Bampo berät täglich sechs bis zehn junge Menschen. "Die meisten werden von Ärzten zu mir geschickt, nur wenige kommen aus freien Stücken", sagt sie. "Freiwillige Tests sind bei jungen Leuten nicht beliebt. Zu groß ist die Angst, im Fall einer Infektion stigmatisiert zu werden. "

Laut dem 'Ghana Multiple Indicator Cluster Survey' (MICS) von 2011 wurden in der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen lediglich 40 Prozent der Frauen und 20 Prozent der Männer jemals auf HIV/Aids hin getestet. "Die meisten wissen zwar, was HIV/Aids ist und wie die Symptome aussehen können, doch nur wenigen ist bewusst, dass ARVs ihr Immunsystem stärken und ihnen ein längeres Leben ermöglichen", sagt Bampo.

Kaum Erfahrungen im Umgang mit HIV-Infizierten

Die HIV-Prävalenz in Ghana ist seit 2001 von 2,3 Prozent auf nur noch 1,4 Prozent der Bevölkerung zurückgegangen. Doch eine niedrige Ansteckungsrate bringt allerdings auch Probleme mit sich. Erfahrungen im Umgang mit der Krankheit fehlen, Betroffene werden häufig ausgegrenzt.

Laut MICS akzeptieren nur sechs Prozent der Frauen und 15 Prozent der Männer ab 15 Jahren HIV-Positive. Salifu, die sich im Abschlussjahr an einer Berufsschule befindet, wurde von ihrem bisher einzigen Freund angesteckt. Sie hat sich inzwischen von ihm getrennt und findet nicht den Mut, ihrer und seiner Familie von ihrer Diagnose im Dezember 2013 zu berichten.

Sieben von zehn Frauen in Ghana halten geheim, wenn sich ein Mitglied der Familie das Immunschwächevirus zugezogen hat. Sulley erklärt dies mit dem weitverbreiteten Irrglauben, dass HIV sofort tödlich wirkt und dass allein schon die Nähe zu Infizierten ein Ansteckungsrisiko birgt.

Im vergangenen Jahr beriet Sulley etwa 200 junge Menschen, die eine frische Diagnose verarbeiten mussten. Viele hätten an Selbstmord gedacht, sagt er. Sulley und seine Kollegen mussten sich sehr bemühen, um sie zu überzeugen, dass sie trotzdem glücklich leben können. Er weiß aber auch von mehreren Teenagern, die keinen anderen Ausweg als den Freitod sahen.

Testsets nur für Schwangere

Nuhu Musah, ein Aidshilfe-Koordinator im Norden Ghanas, bedauert, dass eine Aufklärungskampagne gestoppt wurde, weil es an Testsets fehlt. "Die vorhandenen Kits sind für Schwangere bestimmt."

Im Rahmen der Kampagne waren vorher monatlich Informationsveranstaltungen auf lokaler Ebene abgehalten worden. Auch landesweite Aktionen sollten zu freiwilligen Tests animieren. Wie Musah berichtet, gibt es im Norden des Landes vier Anlaufstellen für junge Menschen, an denen HIV-Tests durchgeführt werden können. Mangels Finanzierung sind sie jedoch nicht geöffnet.

Diese Situation wird kaum dazu beitragen, die Aids-Aufklärung voranzubringen. Wie MICS herausfand, kennt kaum die Hälfte der jungen Männer und Frauen im Alter von 15 bis 24 Jahren die Risiken der Immunschwächekrankheit. Am größten ist das Unwissen im Norden, wo lediglich 17 Prozent der Mitglieder dieser Altersgruppe informiert sind. Damit kann das Land sein Ziel, bis zum nächsten Jahr 95 Prozent der Jugendlichen vollständig über Aids aufgeklärt zu haben, nicht mehr erreichen. (afr/IPS)

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