Ghana: Boomende Wirtschaft, doch der Arbeitsmarkt lahmt

Jugendliche und Hochschulabsolventen in der Job-Warteschlange

Von Billie McTernan | 25.09.2013

Accra. Die Wirtschaft Ghanas hat im letzten Jahr um 7,1 Prozent zugelegt. Das starke Wachstum hat allerdings bislang nicht zu einer entsprechenden Anzahl neuer Arbeitsplätze geführt. Für die 23-jährige Universitätsabsolventin Jennifer Esi Avemee ist es schwer, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. "Den Lebensunterhalt zu verdienen, bedeutet vor allem eines: Stress", sagt sie. 

Avemee hat 2011 ihr Studienfach Öffentlichkeitsarbeit am Ghanaischen Journalismusinstitut abgeschlossen. Im Jahr darauf absolvierte sie ein Praktikum beim Ghanaischen Tourismusamt. Ihre Hoffnungen, von der Behörde übernommen zu werden, erfüllten sich nicht.

2008 hatte der Internationale Währungsfonds (IWF) der Regierung des westafrikanischen Landes auferlegt, die Staatsausgaben durch einen zweijährigen Einstellungsstopp bis 2011 zurückzufahren. Lediglich die Bildungs- und Gesundheitsbereiche waren von der Entscheidung ausgenommen.

Wie Avemee gegenüber IPS berichtet, hat sich die finanzielle Lage für viele ihrer Landsleute seither drastisch verschlechtert. Sie weiß sogar von ehemaligen Kommilitonen, die ihr Geld inzwischen mit Prostitution und 'Sakawa' (Cyberkriminalität) verdienen.

In Ghana fehlen verlässliche Zahlen über die derzeitige Beschäftigungssituation. Im letzten Jahr hatte der damalige Minister für Arbeit und soziale Wohlfahrt, Moses Asaga, erklärt, es bestehe Bedarf an einer Aktualisierung der Daten.

Run auf den Arbeitsmarkt

Informationen, die das Institut für statistische, soziale und wirtschaftliche Forschung (ISSER) der Universität von Ghana in Legon zur Verfügung gestellt hat, legen nahe, dass von 250.000 jungen Leuten, die jährlich auf den Arbeitsmarkt strömen, gerade einmal 5.000 eine Anstellung im formellen Sektor finden.

Die ISSER-Untersuchungen ergaben ferner, dass 23 Prozent der 15- bis 24-Jährigen und 28,8 Prozent der Hochschulabgänger im Alter von 25 bis 35 Jahren mindestens zwei Jahre warten müssen, bevor sie einen festen Job finden.

William Baah-Boateng, einer der Wissenschaftler, die an der ISSER-Studie mitgewirkt haben, bescheinigt Ghana seit zwei Dekaden ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von jährlich 5,1 Prozent. Leider habe sich dieser Anstieg nicht in neuen Arbeitsstellen niedergeschlagen.

Nach Angaben der Afrikanischen Entwicklungsbank (AfDB) verdankt der Staat der Erdölproduktion, dem Dienstleistungssektor und dem Export von Kakao und Gold 2012 ein wirtschaftliches Plus von 7,1 Prozent. 2011 waren es sogar 14,4 Prozent gewesen, was allgemein auf den Beginn der Ölförderung zurückgeführt wurde.

Einem Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zufolge beschäftigt der öffentliche Sektor sechs Prozent und die Schattenwirtschaft 86 Prozent der ghanaischen Arbeitnehmer. "Was man nicht kontrollieren kann, lässt sich schlecht handhaben", meint dazu der 30-jährige Edward Tagoe, der Mitbegründer der Software-Firma 'Nandimobile' im IPS-Gespräch.

Tagoe selbst hatte 2007 seinen Abschluss an der Universität von Ghana gemacht. 2010 startete er Nandimobile. Erfahrungen als Jungunternehmer hatte er bereits während seines Studiums gesammelt, als er ein kleines Unternehmen betrieb. Nach seinem Universitätsabschluss schloss er einen zweijährigen Trainingskurs an der 'Meltwater Entrepreneurial School of Technology' an, einer Non-Profit-Organisation in der Hauptstadt Accra, die Betriebsführungskenntnisse vermittelt.

Wenn junge Leute die Schule oder Universität verlassen, können sie meist keine praktischen Erfahrungen vorweisen. "In unserem Land gibt es keine Praktika, wie sie in anderen Ländern üblich sind, oder eine Kultur der Teilzeitbeschäftigung", sagt Tagoe. Für Avemee ist die fehlende Berufserfahrung der Haupthinderungsgrund für die erfolglose Jobsuche.

Der 27-Jährige Gameli Adzaho, der nach seinem Hochschulabschluss gerne weiterstudiert hätte, dies aus finanziellen Gründen jedoch nicht tun konnte, fand sich in einer ähnlich prekären Situation wie Avemee wieder. "Als ich 2007 meinen Abschluss machte, wollte ich in die Forschung gehen, was mit einem einfachen Abschluss jedoch nicht möglich war. Entweder hätte ich weiterstudieren oder eine mehrjährige Berufsausbildung vorweisen müssen", sagt er. 

Stipendien als Chance

Adzaho fand am Keta-Gymnasium in der Volta-Region eine Anstellung als Lehrer für Naturwissenschaften. Im August gewann er ein Stipendium für ein Masterstudium am Institut für Umwelt und menschliche Gesundheit an der Universität von Exeter. Das Stipendium ist eine Partnerschaftsinitiative von 'Tullow Oil' und dem Britischen Rat in Ghana. Das Programm verschafft 50 jungen Ghanaern in Großbritannien das Wissen, dass sie brauchen, um in der Erdölindustrie und anderen Entwicklungsbereichen in ihrem Land eine Stelle zu finden.

2006 hatte Ghanas vorherige Regierung, die National-Patriotische Partei, das Nationale Jugendbeschäftigungsprogramm mit dem Ziel auf den Weg gebracht, jungen Leuten alternative Beschäftigungsmöglichkeiten zu erschließen. Das Programm wurde 2012 von der derzeitigen Regierung des National-Demokratischen Kongresses in Ghanaische Agentur für Jugendbeschäftigung und Unternehmensentwicklung (GYEEDA) umgetauft.

GYEEDA ist jedoch in Misskredit geraten, seit eine Untersuchung die Veruntreuung von Geldern festgestellt hat. Während eines Staatsbesuchs in Benin Anfang September räumte der ghanaische Präsident John Mahama ein, dass GYEEDA Schlupflöcher aufweise, die es dringend zu schließen gelte. "Wir arbeiten daran", versicherte er.

Arbeitsminister Nii Armah Ashietey, der Asaga nach einer Kabinettsumbildung im April ins Amt gefolgt ist, hat inzwischen eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die ein Arbeitsmarkt-Informationssystem entwickeln soll. Im Juli appellierte Ashitey an die jungen Leute seines Landes, sich praktische Kenntnisse anzueignen, anstatt sich in den Städten nach nicht vorhandenen Bürojobs umzusehen.

92.000 Dollar stellte sein Ministerium inzwischen für Berufsausbildungskurse bereit. Auch wurde ein Hilfsprogramm für arbeitslose Akademiker aufgelegt. Doch diese Angebote überzeugen Avemee nicht. Sie überlegt, sich in Frankreich nach Arbeit umzusehen. Adzaho wiederum ist fest entschlossen, nach seinem Master in Großbritannien in sein Heimatland zurückzukehren. "Ich bin zu 100 Prozent überzeugt, dass ich wiederkommen werde." (afr/IPS)

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