Dschibuti: Kleinstaat will Afrikas Dubai werden

60 Prozent der Bevölkerung trotz Wirtschaftsaufschwung arbeitslos

Von James Jeffrey und Martin Sturmer | 19.04.2017

Dschibuti-Stadt/Salzburg (IPS/afr). Wenn sich die milde Nacht über den Golf von Tadjoura legt, gehen in den Häfen von Dschibuti-Stadt die Lichtstrahler an. Hier werden rund um die Uhr Schiffe entladen, die Fracht für Bestimmungsorte in ganz Ostafrika an Bord haben.

Die Häfen von Dschibuti werden immer mehr zum Bindeglied zwischen Afrika und dem Nahen Osten. In den Ausbau der Infrastruktur werden Milliarden US-Dollar investiert. (Bild: James Jeffrey/IPS)

Seit der Unabhängigkeit von Frankreich im Jahr 1977 ist die Rolle von Dschibuti-Stadt als wirtschaftlicher Knotenpunkt zwischen Afrika und dem Nahen Osten stetig gewachsen. Die Stadt mit ihren 470.000 Einwohnern liegt südlich der 27 Kilometer breiten Meeresstraße von Bab al-Mandab, die für die Schifffahrt eine ähnlich hohe Bedeutung hat wie der Suezkanal.

"Es ist ein seltsamer Ort, wirklich", sagt ein ausländischer Diplomat, der in Addis Abeba stationiert ist. "Dschibuti ist strategisch enorm wichtig. Ich weiß nicht, warum nicht mehr darüber berichtet wird."

Mehr als die Hälfte der 900.000 Einwohner des Landes am Horn von Afrika leben in der Hauptstadt. Dschibuti-Stadt besitzt einen modernen Tiefwasserhafen mit Freihafen, der sich zum wichtigsten Schifffahrtszentrum in Ostafrika entwickelt hat. Außerdem verfügt das Land über einen der größten Container-Terminals der Region.

Milliarden-Investitionen in Infrastruktur

2016 wurde die 756 Kilometer lange normalspurige Bahnstrecke vom Hafen in Dschibuti nach Addis Abeba fertiggestellt. Die moderne Eisenbahnlinie ersetzt die 1917 eröffnete Schmalspurstrecke zwischen den beiden Hauptstädten. Für den Neubau der Bahnlinie wurden 3,3 Milliarden Euro von chinesischen Banken bereitgestellt.

Und China investiert kräftig weiter: Erst kürzlich wurde mit der Regierung von Dschibuti ein 12-Milliarden-Dollar-Deal unterzeichnet, mit dem die Errichtung von sechs neuen Häfen vorangetrieben wird. Die Vision der Regierung ist klar: Sie möchte die größte Freihandelszone in ganz Afrika schaffen und Dschibuti-Stadt zum Dubai von Afrika werden lassen.

"Etwa zwei Millionen afrikanische Kunden reisen jedes Jahr nach Dubai", verrät Dawit Gebra-ab von der Djibouti Ports & Free Zones Authority (DPFZA). "Wir wissen, was sie auf ihren Einkaufslisten stehen haben. In Zukunft könnten diese Kunden hierher statt nach Dubai kommen."

Kampf gegen Piraterie

Die großen Ambitionen der Regierung werden durch die Tatsache begünstigt, dass Dschibuti mittlerweile als eine der größte Militärbasen der Welt gilt. Der Grund für die starke militärische Präsenz ist der Kampf gegen die Piraterie: Allein im Jahr 2011 wurde 151 Schiffe vor dem Horn von Afrika angegriffen, 25 wurden entführt.

Seit der Verstärkung der militärischen Aktivitäten ist die Piraterie stark zurückgegangen. Im Jahr 2014 sicherte die US Navy zu, ihren Mietvertrag für Camp Lemonnier zumindest auf zehn weitere Jahre zu verlängern. Camp Lemonnier ist die einzige permanent besetzte Militärbasis der USA in Afrika.

Ursprünglich diente die militärische Anlage der Französischen Fremdenlegion und der dschibutischen Armee als Stützpunkt. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde hier ein US-Kommando eingerichtet, um den Kampf gegen den Terrorismus am Horn von Afrika zu verstärken.

Ex-Präsident Barack Obama bezeichnete Camp Lemonnier als "außerordentlich wichtig - nicht nur für unsere Arbeit am Horn von Afrika, sondern in der ganzen Region."

China errichtet Militärbasis

Eine ähnliche Haltung herrscht in China. Die Volksrepublik hat am Horn von Afrika zig-Milliarden US-Dollar an Investitionen getätigt, die abgesichert werden sollen. Wichtigster chinesischer Partner in der Region ist dabei Äthiopien, das zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt zählt aber über keinen eigenen Meerzugang verfügt. Daher gehen 90 Prozent der äthiopischen Einfuhren durch Dschibuti.

Im Jahr 2016 hat China seine Pläne für die Errichtung einer Militärbasis in Obock - einem kleinen Hafen nördlich des Golfs von Tadjoura - präsentiert. Nach Fertigstellung sollen 10.000 Chinesen in der Basis ihren Dienst versehen.

Darüber hinaus sind noch weitere 25.000 ausländische Soldaten im Land stationiert, die vor allem aus Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, Spanien und Japan stammen.

Koloniales Erbe im "Europäischen Viertel"

Dschibuti hat seine Unabhängigkeit von Frankreich erst im Jahr 1977 erreicht. Die ehemalige Kolonialmacht hat aber einen gewaltigen Fußabdruck hinterlassen: Zusammen mit Somali, Afar und Arabisch ist Französisch bis heute die wichtigste Sprache.

Wer am Abend das sogenannte "Europäische Viertel" von Dschibuti-Stadt besucht, wird fast ausschließlich mit "Bonsoir" begrüßt. Am "Place du 27 Juin 1977", der nach dem Zeitpunkt der Unabhängigkeit benannt wurde, ist der Geist der Vergangenheit deutlich spürbar: Der Platz ist von weiß getünchten Gebäuden mit maurischen Arkaden umgeben. In der näheren Umgebung befinden sich alle wichtigen Banken, Restaurants und Hotels.

Enorme Arbeitslosigkeit und Armut

Das Wirtschaftswachstum von Dschibuti liegt gegenwärtig bei 6,5 Prozent. Nach Weltbank-Klassifikation zählt der Kleinstaat damit zur Gruppe der Ländern mit unterem mittlerem Einkommen ("Lower-middle-income economies").

Doch das für die Region vergleichsweise hohe Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist ungleich verteilt. Denn hinter all den Baukränen, auffälligen Hotels und Militärlagern gibt es noch eine ganz andere Seite nach Dschibuti. Für die meisten Menschen scheint der Traum von Wohlstand unerreichbar.

Nach Schätzungen sind 60 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung in Dschibuti arbeitslos. Laut Angaben der Weltbank leben 23 Prozent der Bevölkerung gar in extremer Armut. Außerdem gilt das Land als ausgesprochen anfällig für Ernährungsunsicherheit, da es völlig auf Nahrungsmittelimporte angewiesen ist.

In der kleinen Stadt Tadjoura, etwa 40 km westlich von Obock, bildet sich jeden Morgen eine Schlange von Menschen, die ihre tägliche Ration an Baguettes abholen wollen. Das ist längst kein Einzelfall - Szenen wie diese gibt es im ganzen Land.

Kritik an "Wirtschaftsdiktatur"

Immer häufiger wird aber Kritik an der Regierungsführung laut. Viele Einheimische sprechen von einer "Wirtschaftsdiktatur", die sich mit mächtigen Staaten arrangiert aber nichts gegen die Armut unternimmt. So wird China für seine Basis in Obock eine Miete von 20 Millionen US-Dollar pro Jahr leisten, die USA bezahlen für Camp Lemonnier bereits jetzt einen jährlichen Betrag von 60 Millionen US-Dollar.

"Die Regierung kümmert sich nur darum, wie man den Reichtum des Landes verwertet", meint ein Journalist aus Dschibuti, der wegen seiner kritischen Berichterstattung schon mehrmals verhaftet worden ist. "Sie schert sich nicht um freie Meinungsäußerung, Menschenrechte, Gerechtigkeit und die Chancengleichheit der Menschen."

Vielen Bürgern fehlt es angesichts der wenigen Arbeitsplätze an Perspektiven - sie wollen ihrem Land den Rücken zukehren. "Ich kann hier nicht bleiben", sagt der Marine-Ingenieur Mohammed, "meine drei Kinder werden keine Arbeit haben. Ich hoffe sehr, dass mein Bruder in den USA uns eine Green Card besorgen kann."

Die Zukunft entscheidet sich in Äthiopien

In der Zwischenzeit gleiten ununterbrochen Schiffe in die Häfen von Dschibuti-Stadt. Riesige Kräne hieven die Container auf die wartenden LKWs. Im Ausbau der Infrastruktur liegt die ganze Hoffnung der kleinen Nation.

Dschibuti hat keine andere Wahl. Fast 90 Prozent der Fläche sind Ödland oder Wüste, Landwirtschaft und Industrie sind kaum entwickelt, es gibt wenig Mineralienvorkommen.

Die wirtschaftliche Entwicklung hängt daher stark von jener in Äthiopien ab. Denn der große Nachbar ist und bleibt aufgrund des fehlenden Meereszugangs auf Dschibuti angewiesen.

"Äthiopiens Bevölkerung ist 100 mal so groß wie unsere, aber ihre Importe und Exporte betragen nur das Sechsfache von Dschibuti", erklärt Aboubaker Omar, Geschäftsführer der Djibouti Ports & Free Zones Authority (DPFZA). "Stellen Sie sich vor, was passiert, wenn eines Tages die Nachfrage in Äthiopien mit der Bevölkerungsgröße übereinstimmt." (Ende)

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