DR Kongo/Sudan: Kritik an neuen Riesendämmen

NGOs verurteilen die enormen sozialen und ökologischen Folgen

Von Lyndal Rowlands | 08.06.2016

New York. Es wird mittlerweile als erwiesen angesehen, dass die gewaltigen Megadamm-Projekte in Entwicklungsländern schwerwiegende Folgen für die Bevölkerung und die Natur haben können. Dennoch betrachten viele der ärmsten Staaten in der Errichtung der riesigen Talsperren den einzigen Ausweg, ihren wachsenden Hunger nach Energie zu stillen.

Der Merowe-Staudamm am vierten Nilkatarakt im Sudan gilt als einer umstrittensten Wasserkraft-Projekte der jüngsten Zeit (Bild: Sudani, Eigenes Werk, Gemeinfrei).

Eines dieser Projekte ist der Inga-III-Damm in der Demokratischen Republik Kongo. Im März 2014 hat die Weltbank 73 Millionen US-Dollar für Maßnahmen zur Verfügung gestellt, welche die ökologischen und sozialen Schäden des Projekts beschränken sollen. Zwei Jahre später ist allerdings von diesen Maßnahmen noch immer nichts zu sehen. Die NGO International Rivers mit Sitz in Berkeley befürchtet nun, dass das Vorhaben ohne ökologische und soziale Begleitmaßnahmen in Angriff genommen wird.

Laut International Rivers hat das zuständige Projektbüro den Baustart für 2017 angekündigt – unerheblich, ob bis dahin Begleitmaßnahmen gesetzt wurden oder nicht. Die Weltbank gibt sich indes diplomatisch. Man setze auf die Fortsetzung des Dialogs mit der Regierung der Demokratischen Republik Kongo, damit die Umsetzung nach dem Vorbild international positiver Projekte erfolgen könne.

Die 'Weißen Elefanten' des Mobutu Sese Seko

Peter Bosshard, interimistischer Direktor von International Rivers, verweist allerdings auf die lange Geschichte an schlechten Beispielen in der Demokratischen Republik Kongo selbst. Für ihn zählen Inga I und Inga II zu den Hauptgründen für die Schuldenkrise des zentralafrikanischen Landes. Die beiden Staustufen waren Prestigeprojekte von Mobutu Sese Seko und gelten als 'Weiße Elefanten' des ehemaligen Diktators.

Die Demokratische Republik Kongo leidet unter dem sogenannten Ressourcenfluch. Große Armut und der hohe Reichtum an Rohstoffen befeuern immer wieder bewaffnete Konflikte. Die verzweifelte soziale Lage treibt viele Menschen in die Hände von Rebellenarmeen, die ihre Kriege mit Bodenschätzen wie z. B. dem Blutmineral Coltan finanzieren.

International Rivers geht davon aus, dass auch im Fall von Inga III der Hauptnutznießer nicht die eigene Bevölkerung sein wird. Obwohl 90 Prozent der Staatsbürger keinen Zugang zu Elektrizität haben, soll die gewonnene Energie exportiert oder an die Minen des Landes geliefert werden.

Bedrohung für das antike Nubien

Ähnlich ist die Situation im Sudan. Der 2009 eröffnete Merowe-Staudamm beim vierten Nil-Katarakt gilt als eines der umstrittensten Kraftwerksprojekte der jüngeren Geschichte. Durch das steigende Wasser mussten geschätzte 50.000 Menschen vom fruchtbaren Niltal in die trockene Nubische Wüste umgesiedelt werden. Außerdem wurden 5000 Jahre alte archäologische Stätten überschwemmt.

Ungeachtet der internationalen Proteste feilt die sudanesische Regierung an weiteren Dammprojekten. Manu Ampim, Direktor der NGO Save Nubia Project, befürchtet katastrophale Auswirkungen für die Angehörigen der Volksgruppen Amri, Manasir und Nubier. "Nubien ist eine der ältesten Zivilisationen im Niltal, seine Geschichte reicht mehrere Jahrtausende zurück", erklärt er.

Ampim will, dass die internationale Gemeinschaft ihren Druck auf die Regierung des Sudan erhöht. Diese solle ihre Pläne abändern und effizientere und weniger destruktive Energiequellen verwenden, wie z. B. Solarenergie, Kleinwasserkraftwerke oder Windturbinen.

In der Tat werden in Afrika mittlerweile immer häufiger Projekte mit Sonnen- und Windenergie realisiert. Doch Angus McCrone, Chefredakteur des jährlichen Berichts Bloomberg New Energy Finance, betont die hohe Bedeutung von Dammprojekten für die Energieversorgung des Kontinents: "Es gibt viele Entwicklungsländer, die beides wollen. Sie setzen auf Wasserkraftwerke ebenso wie Wind- und Solarenergie."

Nachhaltigkeit nicht immer gegeben

McCrone schränkt aber ein, dass die Nachhaltigkeit von Staudamm-Projekten sehr unterschiedlich sei. "Es gibt eine Reihe von großen Wasserkraft-Projekten, die stark wegen ihrer fehlenden Nachhaltigkeit in der Kritik stehen. Manche haben einen zu hohen Methanausstoß, andere beeinträchtigen die Biodiversität und wieder andere sorgen für Spannungen zwischen Nachbarstaaten."

McCrone betont, dass Wind- und Solar-Projekte einen klaren Vorteil in der Realisierungsgeschwindigkeit haben. Das mache sie sehr attraktiv für jene Entwicklungsländer, die einen stark wachsenden Energiebedarf haben. Allerdings sei es längst nicht so, dass Entwicklungsbanken alle großen Wasserkraft-Projekte unterstützen würden. Die Projekte würden zuvor in jedem Fall auf ihre Förderungswürdigkeit in punkto Nachhaltigkeit geprüft.

Peter Bosshard räumt ein, dass er nicht prinzipiell gegen Wasserkraft-Projekte sei. Dennoch würden die negativen Folgen vieler Projekte einfach unterschätzt. Außerdem hätten die jüngsten Entwicklungen bei Wind- und Solar-Technologien gezeigt, dass diese eine echte Alternative zu Megadämmen sein könnten. Sie könnten in ein bis zwei Jahren umgesetzt werden und würden sich rascher rechnen. "Warum sollte man dann zehn Jahre auf einen neuen Wasserkraft-Damm warten?", fragt der interimistische Direktor von International Rivers.

"Wind- und Sonnenenergie sind nicht mehr die kleinen Geschwister der Wasserkraft, sondern wirklich Mainstream geworden", fasst Bosshard zusammen. "Es ist schade, dass die Weltbank noch nicht erkannt hat, dass die Ära der Megadämme auf der ganzen Welt vorbei ist." (afr/IPS)

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