D. R. Kongo: Zwangserbe

Kinder getöteter Sicherheitskräfte treten in die Fußstapfen ihrer Väter

Von Passy Mubalama | 19.04.2013

Goma. Die Kinder getöteter Polizisten und Armeeoffiziere in Nord-Kivu im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRC) sehen sich oft dazu gezwungen, den Beruf ihrer Väter zu ergreifen, um die Familie über Wasser zu halten. Tun sie dies nicht, droht der Verlust von Privilegien wie die Gesundheitsversorgung und die Unterbringung in Armeebaracken.

"Mein Vater war Polizist. Als er starb, wollten sie uns aus unserem Haus jagen. Wir wussten aber nicht, wohin wir gehen sollten. Wir mussten also einen Weg finden, um die Familie zusammenzuhalten", berichtet Pistchen Kalala. Er wurde mit 20 Polizist. "Ansonsten hätten wir kein Dach mehr über dem Kopf gehabt und keine ärztliche Versorgung in Anspruch nehmen können." Das Einkommen kongolesischer Soldaten ist mit umgerechnet etwa 80 US-Dollar im Monat sehr niedrig. Deshalb sind die Betroffenen froh über die Bereitstellung von Wohnraum.

Nach dem Tod seines Vaters und der Heirat seiner Mutter mit einem anderen Soldaten ging der heute 24-jährige Dibwa Ntambwe ebenfalls zur Armee. Damit wollte er seinen Geschwistern die Versorgung sichern, die sie genossen hatten, als der Militär noch lebte.

Etwa ein Viertel aller Soldaten in der DRC sind Kinder ehemaliger Sicherheitskräfte, wie Augustin Lukubashi, der Vorsitzende der unabhängigen Entwicklungsorganisation für Kinder von Polizisten und Soldaten erklärt. Er selbst ist auch Sohn eines verstorbenen Soldaten.

Lukubashis Schätzungen stützen sich auf Informationen der Kommunikationsabteilungen von Polizei und Armee in Goma, der Hauptstadt der Provinz Nord-Kivu. "Wenn ein Militär stirbt, erhalten die Kinder oftmals bis zu zwei Jahre weiterhin den Sold ihres Vaters. Das ermuntert viele dazu, selbst Soldat zu werden", sagt Lukubashi.

Witwen raten ihren Söhnen häufig, sich mit 18 Jahren der Armee oder der Polizei anzuschließen, um ihre Familien besser schützen zu können. "Als mein Mann starb, wollte man uns aus dem Haus werfen. Es geschieht häufig, dass die Familie des Verstorbenen einfach vergessen wird", erzählt Sifa Nyota, eine Soldatenwitwe aus Goma. "Um den Anspruch auf Unterkunft und Gesundheitsversorgung nicht zu verlieren, entschlossen wir uns, dass unser ältester Sohn den Platz seines Vaters in der Armee einnehmen sollte."

Menschenrechtsaktivisten verlangen Alternativen

Menschenrechtsorganisationen in Nord-Kivu haben die Regierung aufgefordert, die Kinder verstorbener Soldaten fortzubilden, damit sie alternative Jobs annehmen können. "Die prekären Lebensbedingungen, die Armut und Arbeitslosigkeit sowie die Vernachlässigung dieser Kinder durch die Regierung sind die Wurzel dieses sozialen Übels", sagt Favien Ciza von der Koordinationsgruppe der zivilgesellschaftlichen Organisationen in Nord-Kivu.

Einer Studie von 2011 zufolge leben 70 Prozent aller Familien unterhalb der Armutsgrenze und müssen mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen. "Die kongolesische Regierung sollte darüber nachdenken, den Kindern Bildung zu bieten und ihnen ein minimales Einkommen zu verschaffen, so dass ihre Zukunft gesichert ist", fordert Ciza.

Nach Ansicht von Duffina Tabu von der kongolesischen Freiwilligenvereinigung hat die derzeitige Situation negative Auswirkungen auf das Militär. "Die kongolesische Armee wird geschwächt, da weniger erfahrene Männer ins Feld geschickt werden. Die jungen Leute bleiben aus Verzweiflung in der Armee oder um den Tod ihrer Väter zu rächen anstatt aus persönlicher Überzeugung." (afr/IPS)

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