D. R. Kongo: Des einen Leid, des anderen Freud

Auszug der M23-Rebellen aus Goma

Von William Lloyd-George | 06.12.2012

Goma. Am Rande eines staubigen Weges, der sich in die grünen Berge windet, die die Stadt Sake im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRC) umrahmen, sitzen hunderte Rebellen am Straßenrand wartend in der Sonne. Vereinzelt kommen Dorfbewohner vorbei. Dann fassen die Männer in ihren Tarnanzügen ihre Waffen fester.

Einige Rebellen halten Maschinengewehre, andere Granatenwerfer. Sogar Speere sind zu sehen. Ihre müden Gesichter sind von dem insgesamt sieben Monate dauernden Aufstand gegen die kongolesischen Regierungstruppen gezeichnet. Automotorengeräusche bringen die Männer schnell auf die Beine. Ein Konvoi aus vier Fahrzeugen fährt vorüber, jedes einzelne voll bepackt mit schwer bewaffneten Rebellen.

General Mekenga, der Chef der M23, sticht aus der Menge seiner Kämpfer hervor. "Wir werden uns in den nächsten 48 Stunden zurückgezogen haben. Wir werden Goma bis Samstag 22 Uhr verlassen." Die 25 Kilometer entfernte, zweitgrößte Stadt in der DRC befand sich seit dem 20. November in Rebellenhand. Inzwischen wurde sie von den Rebellen geräumt.

Die UN-Stabilisierungsorganisation im Kongo (MONUSCO) unterhält auf dem Flughafen ein Lager, das die Waffen und Munition der kongolesischen Armee (FARDC) enthält, die an die Armee zurückgegeben werden sollen. Das hat die M23-Führer zornig gemacht, wollten sie das Waffenarsenal mit sich nehmen. Dennoch hielten sich die Kämpfer an ihr Versprechen und traten, wie angekündigt, am 1. Dezember den Rückzug an, der das Ende einer wochenlangen Belagerung von Goma markiert.

Die M23, benannt nach dem am 23. März 2009 zwischen den Führern der ehemaligen Rebellengruppe Nationalkongress für Volksverteidigung (CNDP) geschlossenen Friedensabkommen, hatte ihren jüngsten Aufstand im April begonnen. Die Rebellenführer warfen der Regierung vor, sich nicht an die Abkommen gehalten zu haben und gaben an, gegen die Korruption und schlechte Führung der kongolesischen Regierung zu kämpfen.

Ruanda als Drahtzieher vermutet

Viele hatten mit Skepsis auf die M23-Ankündigung reagiert. So erklärten Einwohner von Goma gegenüber IPS, dass sie Ruanda als treibende Kraft hinter der jüngsten Rebellion vermuten. Die gleichen Vorwürfe erheben auch die Vereinten Nationen, denen zufolge die Rebellen von der Regierung in Kigali logistisch, finanziell und mit Waffen versorgt werden.

Unbestätigten Berichten zufolge sollen Mitglieder der Ruandischen Streitkräfte den M23-Einheiten Schützenhilfe geleistet haben. Ruanda wirft seit langem seinen begehrlichen Blick auf den ressourcenreichen Bundesstaat Kivu, der reich an Gold und Coltan ist.

Eine weitere Theorie lautet, dass Kigali seine Bemühungen verstärkt hat, um den vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gesuchten CNDP-Führer Bosco 'Terminator' Ntaganda dingfest zu machen, was diesen dazu veranlasste, die kongolesische Armee zu verlasen.

Während die M23-Führer jede Verbindung zu Ntaganda zurückweisen, wird angenommen, dass er die Desertation von CNDP-Führern und die Gründung der M23 in die Wege geleitet hat.

Als die M23 Goma einnahm, berichteten viele Einwohner, dass sich die Sicherheitslage seit der Präsenz der Rebellen in der Stadt spürbar verbessert hat. "Obwohl dies hier zu Anfangs Kriegsgebiet war, ist es hier sicherer geworden", meint Robert Minuni, ein Ingenieur. "Keiner weiß so genau, was die M23 getan hat, doch kaum waren sie ein paar Tage da, gab es keine Entführungen, Plünderungen und Tötungsdelikte mehr", so der 32-Jährige.

Vor der Übernahme der Stadt durch die M23 hatten die Rebellen und die FARDC einige schmutzige Tricks auf Lager, um sich gegenseitig zu diskreditieren. So gaben sie sich beispielsweise als den jeweiligen Feind aus. Eine Bombe auf einen Markt, eine Granate auf einen Friseursalon und die Entführung eines bekannten Musikers gehören zu den schrecklichen Ereignissen, die die Stadt zu verkraften hatte.

"Zum ersten Mal nicht mehr bestohlen"

Entsprechend groß ist die Angst vieler Bewohner, dass sich die Situation nach dem Abzug der M23 wieder verschlechtern wird. Auf einem Hang in Karuba in der Nähe der Frontlinie berichtet eine Gruppe von Dorfbewohnern, dass sie den Abzug der M23 bedauern. "Ich habe keine Ahnung, welche Gruppe tatsächlich besser ist. Doch eines lässt sich mit Sicherheit sagen. Zum ersten Mal seit langer Zeit wurden wir nicht mehr bestohlen", sagt Nelson, der seinen Nachnamen nicht nennen will. "Wir waren wirklich dagegen, dass die M23 abzieht."

Die herumstehenden Menschen stimmen ihm zu. "Wir wollen die FARDC hier nicht. Sie verursachen nur Probleme und bestehlen die Menschen", sagt ein weiterer Dorfbewohner, der sich Anonymität ausbat.

Doch gibt es auch gegenläufige Meinungen. So berichtet ein junger Soldat, der mehrere Monate auf Seiten der M23 gekämpft hat: "Alle bewaffneten Gruppen sind gleich im Kongo. Es dreht sich alles ums Geld, und jeder verfährt nach dem Muster 'ich bin auf der Seite derer, die am besten zahlt'."

Lokale Menschenrechtsorganisationen werfen der M23 eine Vielzahl von Verbrechen wie extralegale Hinrichtungen, Vergewaltigungen und die Belästigung angeblicher Feinde vor. Auch gilt die M23 als Ursache für die Vertreibung hunderttausender Menschen. "Wir wollen die Rebellen nicht, sie verursachen nur noch mehr Probleme", meint ein junger Mann. "Wie alle anderen hier wollen wir hier endlich Frieden." (afr/IPS)

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