Côte d'Ivoire: Schwieriger Entwaffnungsprozess

Kämpfer wollen eine Zukunft

Von Robbie Corey-Boulet | 28.09.2012

Abidjan. Mit seinen schwarzen Stiefeln, der grünen Uniform und dem eingenähten Armeeabzeichen der Republikanischen Streitkräfte Côte d’Ivoires könnte man Ousmane Kone für einen regulären Soldaten halten. Doch der Schein trügt. Der 22-Jährige hat weder eine Militärausbildung durchlaufen noch war er jemals bei den Streitkräften registriert.

Das Gebäude, vor dem Kone Wache schiebt, gehört nicht dem Staat, sondern seinem ehemaligem 'Kommandanten', einem Ex-Rebellen der Neuen Streitkräfte Côte d’Ivoires (FNCI). Kone ist einer von vielen, die nach den letzten Wahlen zu den Waffen griffen, um den ehemaligen Präsidenten Laurent Gbagbo zu zwingen, dem Sieger der Novemberwahlen 2010, Alassane Ouattara, das Feld zu räumen.

Aufgestachelt von Berichten, wonach Pro-Gbagbo-Kämpfer Angehörige seiner Ethnie Dioula in den Straßen der Wirtschaftsmetropole Abidjan bei lebendigem Leib verbrannt hätten, zögerte Kone nicht lange, sich der Entscheidungsschlacht anzuschließen, die im April 2011 zur Verhaftung Gbagbos führte. "Unsere Freunde wurden massakriert, weil wir keine Waffen hatten", sagt er. "Jeden Tag mussten wir uns verstecken, bis die Ouattara-Anhänger im April 2011 mit dem Angriff auf Abidjan begannen", begründet Kone seinen damaligen Entschluss.

Angst vor der Zukunft

Heute blickt der ehemalige Kämpfer in eine unsichere Zukunft. Während sich Côte d’Ivoire auf den lang erwarteten Entwaffnungs-, Demobilisierungs- und Reintegrationsprozess (DD&R) vorbereitet, der mit weitreichenden Reformen des Sicherheitssektors einhergehen soll, macht tausenden jungen Männern die Vorstellung Angst, ihre Waffen abgeben zu müssen. Analysten zufolge wird diese Angst nicht zuletzt von den jüngsten Anschlägen auf militärische Einrichtungen geschürt, die im August mindestens zwölf Soldaten das Leben kosteten.

Die noch nicht angelaufene DD&R-Abrüstungsinitative wäre nicht die erste ihrer Art in Côte d’Ivoire. Nach einem misslungenen Putschversuch gegen Gbagbo 2002 war das Land acht Jahre lang in einen von der Regierung kontrollierten Süden und einen von der FNCI kontrollierten Norden geteilt. Schon damals gab es Abrüstungs- und Reintegrationsbemühungen, die jedoch zu keinem Ergebnis führten.

Wie Alain-Richard Donwahi, Ouattaras Verteidigungs- und Sicherheitsberater und Sekretär des nationalen Sicherheitsrats gegenüber IPS erklärte, gab es bereits vor den blutigen Machtkämpfen nach den Wahlen 70.000 bewaffnete Kämpfer: 32.000 auf Seiten der FNCI, 38.000 auf Seiten Gbagbos.

Donwahi zufolge fehlen verlässliche Informationen über die Zahl der Menschen, die sich während der gewaltsamen Auseinandersetzungen den jeweiligen Konfliktparteien angeschlossen hatten. Arthur Boutellis vom Internatonalen Friedensinstitut fürchtet, dass allein die Gbagbo-Milizen 100.000 Personen ausmachen könnten. "Auch wenn uns keine konkreten Angaben vorliegen, so dürfte die Zahl gewaltig sein."

Laut Donwahi gibt es eine Reihe von Schlüsselfragen zu klären, bevor der Entwaffnungsprozess anlaufen kann. "So muss zunächst die Frage beantwortet werden, wer für die Berufsausbildungsprogramme verantwortlich sein soll, die die Krux einer erfolgreichen Reintegration sein wird."

Auch stellt sich das Problem, dass nicht alle Kämpfer in die Programme aufgenommen werden können: "Es gibt Personen, die behaupten, Teil eines unabhängigen Kampfverbands gewesen zu sein. Doch wir wissen genau, dass es aufgrund der klaren Kommandostrukturen keine solchen Kämpfer hier gegeben hat", betont Donwahi. Diese Personen fielen aus den Programmen heraus.

Doch so klar sind die Kommandostrukturen in dem Konflikt nicht gewesen. Neben den parallelen FNCI-Kommandoketten waren auch ausländische Söldner und andere Milizen in Côte d’Ivoires Konflikt verwickelt. Hinzu kommen die Dozo, traditionellen Jäger, die lange Zeit informelle Sicherheitsaufgaben übernommen hatten. Auch sie spielten eine aktive Rolle in den Kämpfen und zeigen auch heute noch in weiten Teilen des Landes Präsenz. Auch wenn diese Gruppen nicht Teil des Demobilisierungsprozesses sein werden, könnten sie Boutellis zufolge andere Kämpfer demotivieren, ihre Waffen abzugeben.

Jeder siebte Bürger bewaffnet

Die eigens für die Entwaffnung von Zivilisten eingerichtete Nationale Kommission für den Kampf gegen die Verbreitung von Leicht- und Kleinwaffen schätzt die Zahl der im 20 Millionen Einwohner zählenden Land im Umlauf befindlichen Waffen auf drei Millionen.

Der Konflikt ist seit über einem Jahr zu Ende. Und doch ist Côte d’Ivoire nach wie vor zutiefst polarisiert. Bemühungen um eine Wiederaufnahme des politischen Dialogs zwischen der Regierung und der Gbagbo-Partei Ivorische Volksfront kommen nicht voran. Die Spaltung wird zudem durch einen Strafverfolgungsprozess vertieft, den viele als einseitig ablehnen.

Mehr als 100 Gbagbo-Getreue wurden in Verbindung mit der Gewalt nach den Wahlen festgenommen und verurteilt. Das trifft jedoch nicht für die Verbündeten Ouattaras zu, denen ebenfalls schwere Verbrechen vorgeworfen werden. Aus Kreisen der Staatsanwaltschaft ist zu hören, dass eine strafrechtliche Verfolgung der Ouattara-Kämpfer weitgehend ausgeblieben ist.

All diese Faktoren verstärkten Boutellis zufolge bei den Kämpfern das Gefühl, dass die Waffen für sie eine Art 'Lebensversicherung' darstellen. "Erst müssen die Reintegrationsprogramme anlaufen, um das richtige Klima für die Entwaffnung zu schaffen", meint der politische Beobachter.

Donwahi zufolge lassen sich Arbeitsplätze nicht herbeizaubern. Es sei deshalb wichtig, die Kämpfer ihren Fähigkeiten entsprechend fortzubilden. Als mögliche Betätigungsfelder nennt er Landwirtschaft und Handwerk.

Boutellis sieht noch eine Menge Probleme auf das Land zukommen. Die jüngsten Übergriffe auf die Militärposten im letzten Monat sind für ihn ein weiterer Ausdruck dafür, dass die Kämpfer nicht wissen, was aus ihnen werden wird. Sie brauchten eine Zukunftsperspektive.

Dies trifft auch auf Mohamed Bakayoko zu. Da der 20-jährige Ex-Kämpfer, der wie Ousmane Kone die nationale Armee in der Schlacht um Abidjan unterstützt hatte, nicht als regulärer Soldat registriert ist, erhält er auch keinen Sold.

Wie er erklärt, möchte er festes Mitlied der Armee werden, um seine Familie ernähren zu können. Ein nachvollziehbarer Wunsch in einem Land mit einer Arbeitslosigkeit von 57 Prozent (Weltbank, 2010). "Mir gefällt das Leben bei der Armee und ich möchte, dass sie mich aufnimmt, damit ich meine Familie ernähren kann. Ich denke an nichts anderes mehr", sagt Bakayoko.

Seiner Meinung nach wartet die Mehrheit aller unregistrierten Soldaten darauf, zu einem der geplanten DD&R-Programme zugelassen zu werden. Kone zufolge müssen die Kämpfer die Möglichkeit einer Ausbildung erhalten, die ihnen Zukunftschancen eröffnet. "Das einzige, was ich seit Beginn des Konflikts gelernt habe, ist, eine Waffe zu benutzen", sagt er. "Und die werde ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt gewiss nicht abgeben." (afr/IPS)

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