Côte d'Ivoire: Schwieriger Aufstieg in die Mittelschicht

Mehr Flexibiltät bei der Kreditvergabe durch Banken gefordert

Von Marc-André Boisvert | 31.03.2014

Abidjan. "Ich gehöre definitiv der Mittelschicht an", versichert Sonia Anoh, eine studierte Marketing-Expertin in Côte d’Ivoire. Mit einem Monatseinkommen in Höhe von 1.470 US-Dollar kann sie sich einen eigenen Wagen leisten und denkt an den Kauf eines Eigenheims. Doch Anoh ist eher die Ausnahme als die Regel.

Es ist schon schwierig, den Begriff 'Mittelschicht' zu definieren. Laut Weltbank darf sich jeder in dem westafrikanischen Land der Mittelschicht zugehörig fühlen, der zwischen zwei und 20 Dollar am Tag verdient. Allein schon die hohe Verdienstspanne, die von der Afrikanischen Entwicklungsbank (AfDB) als Maßstab übernommen wurde, verlangt nach einer Präzisierung.

Die Erscheinungsformen der Mittelschicht in Côte d’Ivoire sind vielfältiger geworden, und es sind schon längst nicht mehr nur die Staatsbediensteten, die zu dieser Kategorie zählen. So gibt es die obere Mittelschicht, deren Mitglieder zwischen zehn und 20 Dollar am Tag verdienen. Auf der anderen Seite der Skala steht die untere Mittelschicht, der täglich zwischen zwei und vier Dollar am Tag zur Verfügung steht. Damit bewegt sie sich bedenklich nah an der Armutsgrenze von 1,5 Dollar pro Tag und läuft Gefahr, darunter abzusinken.

Côte d’Ivoire war einst das Land Westafrikas mit der stärksten Mittelschicht. Doch dann schlugen Ende der 1980er Jahre der wirtschaftliche Niedergang und die politische Krise im Anschluss an die Wahlen von 2010 zu, ausgelöst durch die Weigerung des damaligen Präsidenten Laurent Gbagbo, dem Sieger Allassane Ouattara das Feld zu überlassen. Mehr als 3.000 Menschen fielen der Gewalt bis zum Ende des Konflikts 2011 zum Opfer. Inzwischen werden mehr als zwei Millionen Ivorer zur Mittelschicht des 23 Millionen Einwohner zählenden Landes gerechnet.

Mittelschicht erholt sich wieder

Obwohl die Zahl der Mitglieder der Mittelschicht zurückgegangen ist, gibt es Anzeichen dafür, dass sie allmählich wieder steigt. Wie das Institut für Schwellenmarktforschung mit Sitz in Moskau erläutert, wird sich die afrikanische Mittelschicht von 23 Millionen im Jahr 2009 bis 2030 auf 107 Millionen mehr als verdreifachen. Das ist der größte Zuwachs weltweit. Und die Vorhersage der Weltbank, dass die Wirtschaft von Côte d’Ivoire 2014 um 8,2 Prozent wachsen wird, nährt Hoffnungen, dass der Boom noch mehr Menschen aus der Armut befreit.

"Der Aufbau einer starken Mittelschicht war ein großes Anliegen des 1993 verstorbenen Präsidenten Félix Houphouet-Boigny", berichtet Marcel Benie Kouadio, Wirtschaftswissenschaftler an der Félix-Houphouet-Boigny-Universität von Cocody westlich von Abidjan. Der ehemalige Staatschef hatte viele Maßnahmen ergriffen, um eine vom Staat getragene Mittelschicht zu Unternehmern zu machen. Die Mittelklasse wurde gestärkt, um sie in die Lage zu versetzen, in Kakao- oder Palmölproduktion zu investieren", betonte er.

Jean Coffie, ein Staatsbediensteter im Ruhestand, ist ein Bespiel für das, was sich Houphouet-Boigny von der Mittelschicht erträumt hatte. "Meine Rente reicht nicht aus zum Leben", meint er. "Doch ich habe in Gummibäume investiert. Die Einnahmen sind nicht besonders hoch, aber immerhin stehe ich besser da als ohne." Mit einem Teil dieses Zusatzeinkommens kann er sogar das Frankreich-Studium seines Enkels finanzieren.

Allerdings räumt Coffie ein, dass die Mittelschicht nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. "Damals (unter der Präsidentschaft von Houphouet-Boigny) erhielten wir sehr viel Unterstützung, um uns selbst zu entwickeln. Universitätsbildung und Gesundheitsversorgung waren leicht zugänglich. Wir sind zwar immer noch Mitglieder der Mittelschicht, haben aber unsere Privilegien verloren."

Kaufkraftverlust

Benie Kouadio ist der gleichen Meinung. "Die Mittelschicht ist geschrumpft. 20 Jahre zuvor gehörten ihr noch Lehrer und Ärzte an. Heute können wir uns noch nicht einmal mehr ein Auto leisten. Die ivorische Mittelschicht hat ihre Kaufkraft verloren."

Marcel Anné ist Geschäftsführer der Supermarkt-Kette 'Jour de Marché' in der Innenstadt von Abidjan, der Wirtschaftsmetropole des Landes. Er kennt sich mit dem aufstrebenden Kreis der Konsumenten bestens aus. "Der Supermarkt ist nicht mehr so gut besucht wie einst, weil sich das Verbraucherverhalten geändert hat", erläutert er. "Der Laden war einst ein zentraler Treffpunkt der Mittelschicht. Staatsbedienstete kamen, um hier nach Dienstschluss einzukaufen."

Ousmane Bah leitet die 'Allianz Côte d’Ivoire', ein Unternehmen, das Wohnungen und Häuser für die Mittelschicht baut. So hat seine Firma die Akwaba-Residenz errichtet, eines der vielen am Stadtrand gelegenen Häuser in Abidjan. Die Kosten für eine Zwei-Zimmer-Wohnung liegen bei 21.000 Dollar, für ein Vier-Zimmer-Eigenheim bei 36.100 Dollar. Seine Angebote richten sich vor allem an junge Berufsanfänger und Staatsbedienstete.

Derartige Projekte werden von der Regierung gesponsert und sind Teil einer Initiative, die der Mittelschicht beim Erwerb von Eigentum helfen soll und vor allen diejenigen Haushalte mit Einkommen unter 840 Dollar erreichen will. Die Käufer müssen nur einen zehnprozentigen Eigenanteil leisten und kommen dann in den Genuss eines staatlich bezuschussten Kredits, den sie mit Raten in Höhe von nur 5,5 Prozent abbezahlen.

Das Projekt widmet sich dem schwierigen Problem, dass dem Wachstum der ivorischen Mittelklasse im Wege steht: dem fehlenden Zugang zu Krediten. "Die Menschen sind nicht daran gewöhnt, sich eine Wohnung zu kaufen. Sie mieten. Die Kreditinstitute sind nicht daran gewöhnt, Darlehen für den Kauf von Wohnungen bereitzustellen", meint dazu Bah. "Das ist ein Problem. Wir können jedoch nicht einfach bauen und darauf hoffen, dass die Leute kaufen werden."

Mohamed Diabaté kann dem nur zustimmen. Er selbst hat mehrfach vergeblich einen Kreditantrag gestellt. "Es ist leichter, ein Darlehen für den Kauf einer Ziege für einen muslimischen Feiertag zu bekommen als für ein wirklich nachhaltiges Projekt. Die haben sich meine Anträge erst gar nicht richtig angesehen", meint der 40-jährige IT-Spezialist im Gespräch mit IPS. Auch wenn er ein halbwegs akzeptables Einkommen und seit zwölf Jahren einen festen Job habe, sei es ihm nie gelungen, an einen Kreditvertrag für den Kauf eines Eigenheims zu kommen.

Benie Kouadio zufolge zeigt das die "Grenzen des Wachstums der Mittelschicht". Diese habe keinen Zugang zu Krediten, denn: "Die Banken sind einfach nicht mehr bereit, Eigenheime und Autos vorzufinanzieren." (afr/IPS)

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