Côte d'Ivoire: Robuste Tablets für Schulkinder

IT-Entwickler finden maßgeschneiderte Lösungen

Von Marc-André Boisvert | 25.04.2014

Abidjan. Die Beobachtung, dass Schulkinder in seinem Land über lange Strecken schwere Bücherranzen schleppen müssen, hat  Thierry N'Doufou auf die Idee gebracht, die digitale Kluft im Lande dort zu schließen, wo sie am größten ist: in den Klassenzimmern. N'Doufou gehört zu einem Team von zehn einheimischen IT-Experten, die 'Qelasy' erfunden haben, ein acht Zoll großes Tablet.

Das Tablet soll im Mai von dem Technologieunternehmen 'Siregex' auf den Markt gebracht werden. 'Qelasy' bedeutet in mehreren afrikanischen Sprachen wie Akan, Malinke, Lingala und Bamileke 'Klassenraum'. "Es ist nicht nur, dass mir die Kinder leid tun", meint der Siregex-Geschäftsführer N'Doufou. "Mir geht es vor allem darum, die digitale Kluft zwischen dem Süden und dem Norden zu überbrücken und das ivorische Bildungssystem ins 21. Jahrhundert zu bringen."

Zunächst hatte das Entwicklerteam damit begonnen, alle von der Regierung genehmigten Schulbücher in digitale Formate zu übertragen. "Es ging beispielsweise darum, hochwertige Bilder für hoch auslösende Bildschirme zu generieren. Das war viel Arbeit", sagt N'Doufou. "Außerdem haben wir den Schulstoff mit Bildern und Videos aufgepeppt."

Strapazierfähiger und leichter Computer

Der Tablet-Computer funktioniert mit dem Betriebssystem Android und hält Feuchtigkeit, Staub und Hitze stand. "Qelasy ist gegen alles geschützt, was einem afrikanischen Schulkind ohne Mitfahrgelegenheit auf dem Nachhauseweg von der Schule passieren kann", sagt er. "Wir wussten, dass wir ein eigenes Produkt brauchten. Unsere Zielgruppen haben ganz spezielle Bedürfnisse."

Der von Eltern und Lehrern verwaltete Computer ersetzt Schulbücher, Taschenrechner und Wandtafeln, die oft in ivorischen Klassenzimmern verwendet werden. Er kann auch so programmiert werden, dass Kinder nach einem vorgegebenen Zeitplan im Internet surfen oder spielen können. Siregex hat zudem einen Online-Shop entwickelt, in dem Eltern und Pädagogen Apps, Lehrmaterialien und Bücher kaufen können.

Zurzeit ist Qelasy ganz auf Schulbildung ausgerichtet. Schon bald könnten Nutzer damit aber auch andere Dinge anfangen, meint Siregex-Marketing-Direktor Fabrice Dan. "Wir glauben, dass Technologien positive Veränderungen herbeiführen können. Und wir glauben an Bildung. Am Ende werden wir aber auch Lösungen in anderen Bereichen wie der Landwirtschaft und dem Mikrokreditwesen anbieten."

Qelasy wurde auf der Mobilkommunikationskonferenz 'Mobile World Congress 2014' in Barcelona vorgestellt. Wie viel der Tablet-Computer kosten soll, steht noch nicht genau fest. Schätzungen bewegen sich aber zwischen 275 und 315 US-Dollar. Das ist ein hoher Preis in einem Land, in dem nach offiziellen Angaben nur zwei Millionen der insgesamt 23 Millionen Einwohner der Mittelschicht zugerechnet werden. Deren Einkommen bewegen sich zwischen zwei und 20 Dollar am Tag. Deshalb ist anzunehmen, dass das neue Produkt in erster Linie der Mittel- und Oberschicht zugute kommen wird. N'Doufou rechnet aber damit, dass die Regierung einige Tablets für den Einsatz in den Schulen kaufen wird.

Bis jetzt ist Qelasy ausschließlich in Côte d'Ivoire erhältlich. Der Hersteller nimmt aber bereits das frankophone und anglophone Afrika ins Visier. Hergestellt wird der Computer am Industriestandort Shenzen in China, wo bereits 10.000 Stück gefertigt wurden.

Hindernis Strommangel

Das größte Problem bleibt allerdings das Stromdefizit. In einem Staat, in dem laut der Weltbank nur 59 Prozent der Bevölkerung Zugang zu Elektrizität haben, dürfte sich ein Tablet-Computer, dessen Akku für acht Stunden reicht, nicht flächendeckend durchsetzen. N'Doufou hebt allerdings hervor, dass die Verbreitungsrate von Mobiltelefonen in dem Land trotz des Strommangels bereits 80 Prozent beträgt. Deshalb ist er zuversichtlich, dass die Dorfbewohner auch für das Tablet eine Lösung finden werden.

Qelasy ist nicht das erste Produkt, das in Côte d'Ivoire entwickelt wurde, um landesspezifische Probleme zu lösen. Kürzlich hat der junge ivorische Programmierer Regis Bamba die App 'Taxi Tracker' vorgestellt, die Nummernschilder und andere Details von Taxis registriert. Um sich vor Überfällen zu schützen, können Fahrgäste mittels der App an ausgewählte Adressaten Informationen über das Fahrzeug weitersenden, in das sie eingestiegen sind. Die Empfänger können die Fahrt in Echtzeit verfolgen.

Damit soll Gewalttaten wie dem Anschlag auf das Fotomodell Awa Fadiga während einer Taxifahrt im März vorgebeugt werden. Ihr tragischer Tod hat den Menschen im Land klar gemacht, dass Sicherheit und Gesundheitsversorgung im Lande unzureichend sind. Fadiga lag mehr als zwölf Stunden in einem lokalen Krankenhaus in einem komaähnlichen Zustand, ohne behandelt zu werden. Die Ärzte hatten die Behandlung angeblich so lange verweigert, bis die Kostenfrage geklärt war.

"Als ich ihr Foto sah, dachte ich, das könnte auch meine kleine Schwester sein" sagt Bamba. "Ich wollte nicht einfach nur abwarten und meine Hände in den Schoß legen." Mit seiner App will er einen konkreten Beitrag zum Schutz der Bürger leisten. "Awa soll nicht umsonst gestorben sein", betont er.

Geburten durch App an Behörden gesimst

Die von Jean Delmas Ehui 2013 entwickelte App 'Mô Ni Bah' ermöglicht es Ivorern, Geburten per SMS anzuzeigen. Die Informationen werden dann von einem Team zu den Meldebehörden weitergeleitet. Das ist eine wichtige Neuerung in einem Land, in dem die großen Distanzen zwischen Dörfern und Städten bisher oft die Erfassung von Geburten verhindern. Nach Erkenntnissen des Weltkinderhilfswerks UNICEF wird etwa ein Drittel aller Geburten in Côte d'Ivoire nicht aktenkundig.

Der IT-Experte Bacely Yoro Bi beobachtet derzeit einen Boom in der ivorischen Computertechnologie-Branche. "Es passiert viel, auch wenn diese Neuerungen auf die Hauptstadt Abidjan begrenzt bleiben. Es gibt mehrere Start-ups, die mit einem lokalen Fokus gegründet wurden."

Ein Teil des Erfolges liege in der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Entwicklern begründet, meint er. Angesichts der Gründung von zwei Freihandelszonen in Vororten von Abidjan, die ihren Schwerpunkt auf Informationstechnologien legen, sehen N'Doufou und Bamba gute Chancen auf grenzüberschreitende Geschäfte. Auch in die Internet-Infrastruktur wird derzeit investiert. (afr/IPS)

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