Côte d'Ivoire: Kahlschlag im Mont-Péko-Nationalpark

Illegale Siedler sollen weichen

Von Marc-André Boisvert | 24.07.2013

Dix-Huit Montagnes. In Côte d’Ivoire will die Regierung alle illegalen Siedler aus den Naturschutzgebieten des Landes und vor allem aus der Verwaltungsregion Dix-Huit Montagnes entfernen. Doch der ökologisch notwendige Schritt könnte zu Konflikten in einer ohnehin schon spannungsgeladenen Region führen.

"Ich bin für die Räumung, allerdings sollte sie nicht mit brutaler Gewalt vor sich gehen. Es handelt sich bei den Betroffenen schließlich um fragile Bevölkerungsgruppen", meint Egnankou Wadja Mathieu, Professor am Botanischen Institut der Félix-Houphouët-Boigny-Universität und Leiter der Waldschutzorganisation 'SOS Forêt'.

Im Juni waren rund 25.000 Siedler aus dem Niègre-Wald in Dix-Huit Montagnes im Westen des Landes gewaltsam entfernt worden. Ihre Häuser und Felder wurden von Bulldozern niedergewalzt.

Schutzgebiet weitgehend abgeholzt

Eine derart aggressive Vorgehensweise ist im Nationalpark Mont Péko 200 Kilometer nördlich von Niègre undenkbar. Die Gebirgslandschaft, benannt nach ihrer höchsten Erhebung, war einst mit dichtem Wald bedeckt. Doch in den letzten 20 Jahren haben illegale Siedler, die meisten aus den Nachbarländern, die Bäume niedergeholzt, um dort Kakao anzupflanzen. Auf diese Weise sind fast 70 Prozent des 34.000 Hektar großen Schutzgebiets der Axt zum Opfer gefallen.

Die zugewanderten Kakao-Farmer blieben lange vor dem Zugriff der Sicherheitskräfte verschont. Das Naturschutzgebiet ist abgelegen, die schmalen Zufahrtswege für Bulldozer unzugänglich.

Am 18. Mai kam es schließlich doch zu einem Militäreinsatz. Als Emmanuel Ouedrogo die Sicherheitskräfte anrücken sah, floh er. "Wir mussten verschwinden. Denn wir waren nicht stark genug, um Widerstand zu leisten", erzählt der Mann aus Burkina Faso. "Ich habe meine gesamte Ernte verloren", sagt er. "Und ich weiß nicht, wohin ich gehen soll."

Ouedrogo Boureila, der seit 2006 im Naturschutzgebiet lebt, hat sich nach Guézon-Tahouaké abgesetzt, einem nahe gelegenen Dorf. Wie er berichtet, ist es bei der Räumung zu keinerlei Gewalt gekommen. "Ich habe Mont Péko freiwillig verlassen." Er will vorerst nicht zurückkehren.

"Die illegalen Zuwanderer werden aus den geschützten Wäldern entfernt. Wir müssen jede weitere Erosion verhindern", meinte der Wasser- und Waldminister Mathieu Babaud Darret auf einer Pressekonferenz am 13. Juni beim Start eines Partnerschaftsabkommens mit der EU gegen den illegalen Holzeinschlag. Nach EU-Angaben sind mehr als 75 Prozent der ivorischen Wälder verschwunden.

Professor Mathieu verwies in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung des von Wäldern erzeugten Mikroklimas, das auch für die Kakao-Produktion so wichtig ist. "Wenn wir die Wälder abholzen, geht die Kakao-Produktion zugrunde. Und wir müssen uns auf Folgen für die Fauna, Flora und den Klimawandel gefasst machen", warnte der Wissenschaftler. Kakao trägt zu zehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt des Landes und zu 40 Prozent zu den Deviseneinnahmen bei. Für den Waldschwund im Lande seien alle verantwortlich – die Forstaufseher ebenso wie die lokalen Gemeinschaften.

Doch die Situation im Nationalpark Mont Péko ist kompliziert. Die Sicherheitskräfte hielten sich vor allem deshalb in der Region auf, um den Milizenführer Amadé Oueremi wegen seiner Mitverantwortung für die Gewalt nach den Novemberwahlen 2010 festzunehmen. Mehr als 3.000 Menschen starben infolge der Weigerung des ehemaligen Präsidenten Laurent Gbagbo, den Wahlsieg des derzeitigen Staatschefs Alassane Ouattara anzuerkennen und das Amt für seinen Nachfolger zu räumen.

Oueremi soll Mont Péko mehr als 20 Jahre als Stützpunkt genutzt haben. Seine schwer bewaffneten Leutnants halten sich angeblich immer dort auf. Viele befürchten, dass der Versuch, sie zu vertreiben, noch mehr Gewalt nach sich ziehen wird.

Einwohner registriert, Milizionäre entwaffnet

Die Behörde für Abrüstung, Demobilisierung und Wiedereingliederung (ADDR) erfasst derzeit alle Bewohner der Mont-Péko-Region und entwaffnet die Milizen unter ihnen. Die Regierung hat den illegalen Siedlern mitgeteilt, dass sie bis zum Abschluss des dreimonatigen Registrierungsprozesses im Wald bleiben können, dann aber ultimativ weichen müssen.

"Die Lage ist unter Kontrolle. Die Mehrheit der Siedler ist in die Mont-Péko-Region zurückgekehrt", berichtet Gbane Mahama, der Präfekt von Bangolo. "Wir müssen zusammen mit den Betroffenen eine nachhaltige Lösung finden."

Nach Ansicht von Patrice Kouassi, einem Oberleutnant im Ruhestand, der die ADDR-Operation überwacht, müssen die Räumungen umsichtig geplant werden, um eine Krise zu verhindern. "Die Menschen, die hier seit mehr als zehn Jahre leben und wirtschaftliche Interessen haben, umzusiedeln, stellt uns vor enorme Herausforderungen."

Eine Erhebung über die Zahl der Betroffenen ist nicht vorhanden. Doch Behördenvertreter gehen von rund 20.000 Menschen aus, die in dem Nationalpark leben, der seit 1968 unter Schutz steht.

"Es gibt kein Agrarland in der Region. Das ist der Grund für die Besiedlung der Wälder", erläutert Mathieu. Der Mangel an Land und Eigentumstiteln hat in der Vergangenheit bereits zu zahlreichen Zusammenstößen zwischen ethnischen Gruppen und ausländischen Kakaobauern aus den Nachbarländern geführt.

Robert Kouhi Dje, der traditionelle Chief der Kommune Guézon-Tahouaké, sieht ein hohes Gewaltpotenzial. "Unser Dorf ist ungeschützt", sagt er im IPS-Gespräch und weist darauf hin, dass es unter den Siedlern etliche Milizionäre gebe, die in den letzten zehn Jahren in bewaffnete Konflikte verwickelt gewesen seien. Als Beispiel nennt er den Angriff auf die westliche Stadt Duékoué. Dort starben in der Postwahlzeit 300 Menschen.

Spannungen nehmen zu

Anzeichen für neue Spannungen sind bereits erkennbar. Die jüngste Zunahme krimineller Handlungen hat einige lokale Einwohner veranlasst, den Siedlern von Mont Péko die Schuld dafür zu geben.

"Wir sollten vorsichtig sein mit unseren Anschuldigungen", meint hingegen Kouhi Dje. "Wir wissen nicht, wie viele der Männer dort Waffen tragen. Es ist an der Zeit, zu handeln. Doch ist Fingerspitzengefühl gefragt – im Interesse unserer Zukunft. " (afr/IPS)

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