Côte d'Ivoire: Humaner Strafvollzug

Erste Gefängsnisfarm macht Häftlinge zu Bauern

Von Marc-André Boisvert | 08.08.2014

Saliakro/Abidjan. François Kouamé, der Häftling mit der Nummer 67, zeigt stolz auf eine Sau und ihre vier Ferkel. In Gummistiefeln läuft er an zwei neuen Traktoren vorbei bis zu einem Feld, auf dem bald Maniok und Mais wachsen werden. "Schau dir diese Pflanzen an, sie machen viel Arbeit!", Kouamé verbüsst den Rest seiner Haftstrafe in der Gefängnisfarm Saliakro.

In einem der ärmsten Länder der Welt im Gefängnis zu sitzen, ist der blanke Horror. Die Zellen sind hoffnungslos überfüllt, die Nahrungsmittel unzureichend, sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeiten nicht gegeben. Bei der Suche nach Alternativen gerade für Menschen, die wegen geringfügiger Vergehen hinter Gittern sitzen, ist den Behörden offenbar ein Coup gelungen.

Die Farm Saliakro, auf der Kouamé den Rest seiner einjährigen Haftstrafe verbüßt, ist das erste Gefängnis seiner Art in dem westafrikanischen Land. Im Dezember vergangenen Jahres kam er als einer der ersten Gefangenen hierher. In den 21 Gebäuden, die auf dem Grundstück eines ehemaligen Sommerlagers errichtet wurden, sind nun 150 Häftlinge untergebracht. Ihre Haftstrafen beschränken sich auf bis zu drei Jahre. Sie haben sich also keines Gewaltverbrechens schuldig gemacht.

Drei Mahlzeiten am Tag und saubere Zellen 

Kouamé ist froh, auf der Farm zu arbeiten, nachdem er sechs Monate im Gefängnis in der Stadt Soubré verbracht hat. Er kam dorthin, weil er Bäume auf einer benachbarten Kakaoplantage gefällt hatte. "Zu viert schliefen wir in einer Einzelzelle", berichtet er über die Zeit in Soubré. "Zu essen bekamen wir eine einzige Schale Reis am Tag." In Saliakro erhält der junge Mann täglich drei Mahlzeiten. Mit 16 weiteren Häftlingen teilt er sich einen sauberen Raum. Jeder hat sein eigenes Bett. Es gibt eine Toilette und genug Platz, um sich zu bewegen.

Mamadou Doumbia wurde wegen Computerdiebstahl zu zwei Jahren Haft verurteilt. Der 32-Jährige macht einen ruhigen Eindruck und ist wortgewandt. Nach elf Monaten im Gefängnis von Agboville nahe der Wirtschaftsmetropole Abidjan ist auch er heilfroh, auf der Farm zu sein. Denn dadurch entkam er der Hölle, in der Vergewaltigungen, Unterernährung und Krankheiten zum Alltag gehörten.

"Erst jetzt fühle ich mich wieder als Mensch", sagt Doumbia. Das Leben auf der Farm ist allerdings kein Urlaub. Die Häftlinge werden um 5.30 Uhr geweckt und treten anderthalb Stunden später zur Arbeit an. Mittags gibt es eine kurze Essenspause, doch um 15 Uhr ist Feierabend. Die Nachmittage und Abende können die Gefangenen so verbringen, wie sie wollen, doch müssen sie spätestens um 21 Uhr in den Schlafräumen sein.

Mit Hilfe des Projekts von Saliakro wollen die Behörden und Befürworter eines alternativen Strafvollzugs gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Haftbedingungen sollen verbessert, die Kosten gesenkt und die Rehabilitierung erleichtert werden. Verglichen mit anderen Staaten Westafrikas hat Côte d'Ivoire noch relativ moderne Gefängnisse. Andere Länder haben seit den 1970er Jahren nicht mehr in diesen Sektor investiert. In Ghana diente die in der Kolonialzeit errichtete Festung in Jamestown in Accra noch bis 2008 als Haftanstalt.

In Guinea-Bissau waren Häftlinge so lange in einem Gebäude aus der Kolonialzeit zusammengepfercht, bis die Vereinten Nationen ein Gefängnis bauen ließen. Heute ist das Kolonialzeitgebäude das Haus der Menschenrechte. In Mali, Guinea, Sierra Leone und Liberia stammen die überfüllten Gefängnisse aus den 1960er Jahren.

In Côte d'Ivoire sind die Strafvollzugsanstalten längst nicht mehr zeitgemäß. Das MACA-Gefängnis in Abidjan ist mehr als überbelegt. In den 1980er Jahren für etwa 1.500 Häftlinge konzipiert, sind hier mittlerweile über 5.000 Menschen eingesperrt. "Die Hygiene ist ein großes Problem", sagt Jean, ein Insasse, im Telefongespräch mit IPS. "Oft fällt die Wasserversorgung aus." Jean möchte anonym bleiben, denn Häftlinge dürfen nicht mit der Presse sprechen.

Herkömmliche Gefängnisse überbelegt

In Man, einer Stadt im Westen von Côte d'Ivoire, sitzen viele Menschen ein, die bei den Unruhen nach den Wahlen 2010 bis 2011 mit etwa 3.000 Toten festgenommen wurden. Auch wenn der Komplex im vergangenen Jahr renoviert wurde, sind dort immer noch viele zu viele Häftlinge untergebracht. Statt der ursprünglich geplanten 300 sitzen dort nun doppelt so viele Gefangene ein.

Didier, der in Man auf seinen Prozess wartet, wird von den spärlichen Reisportionen nicht satt. "Meistens bekommen wir nur einmal am Tag etwas zu essen", sagt er. Im Mai starben fünf Gefangene in Man, weitere kamen ins Krankenhaus. Wie die Gefängnisärztin Viviane Lawson Kiniffo berichtet, sind Überbelegung, Unterernährung und mangelnde Hygiene große Probleme in den Haftanstalten.

Justizminister Gnenema Coulibaly weihte die erste Gefängnisfarm in Côte d'Ivoire in Anwesenheit von Prominenten ein und versprach die Eröffnung weiterer Einrichtungen, die diesem Vorbild folgen sollen. Sobald der Betrieb in Saliakro vollständig aufgenommen sein wird, dürfte die Gefängnisverwaltung etliche hundert US-Dollar einsparen. Die Häftlinge werden auf den rund 450 Hektar Land nicht allein für den Eigenbedarf, sondern zudem für die lokalen Märkte produzieren.

Beitrag zur Rehabilitierung 

"Es geht nicht nur darum, dass sich die Häftlinge selbst ernähren können. Wir wollen sie in ein normales Leben zurückführen. Sie sollen etwas lernen, damit sie sich wieder vollständig in die Gesellschaft einfügen können", sagt der Gefängnisleiter Pinguissie Ouattara. "Wir wollen den Häftlingen Alternativen zu kriminellen Handlungen aufzeigen und dadurch die Verbrechensraten senken."

Saliakro ist auf keiner Landkarte zu finden. Der Name setzt sich zusammen aus 'Kro' ('Dorf' in der lokalen Sprache Baoule) und 'Salia' (dem Vornamen des 2007 verstorbenen Polizeipräsidenten Salia Ouattara).

"Unser Ziel ist, dafür zu sorgen, dass die Gefangenen die Haftzeit sinnvoll nutzen", sagt Bernard Aurenche, Ländervertreter der französischen Organisation 'Prisoners Without Borders', die sich am Kauf eines Traktors beteiligt hat. Die 150 Häftlinge werden von Agrarwissenschaftlern ausgebildet und erhalten für ihre Arbeit täglich umgerechnet 70 Cent. Mit den Ersparnissen können sie sich nach ihrer Entlassung eigenes Getreide kaufen.

Kouamé hat schon früher in der Landwirtschaft gearbeitet. In Saliakro hat er viel dazugelernt, wie er sagt. "Ich weiß jetzt, wie ich meine Farm profitabler machen kann: Ich muss stärker diversifizieren."

Der Weg bis zum Ziel ist allerdings steinig. Die Europäische Union unterstützt das Projekt finanziell. Doch gilt es längerfristige Finanzierungsmöglichkeiten zu finden. Ouattara, der Leiter der Gefängnisfarm, ist zuversichtlich: "Wir stehen gerade einmal am Anfang. Für die Männer hier wird alles gut ausgehen. Sie sind hier, wo sie etwas Sinnvolles zu tun haben, auf jeden Fall besser aufgehoben." (afr/IPS)

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