Côte d'Ivoire: Giftabfälle aus Europa

Neuer Bericht über Verseuchung der Menschen von Akouedo

Von Robbie Corey-Boulet | 03.10.2012

Abidjan. Nouma Camara erinnert sich noch an den Morgen des 20. August 2006. Damals wachte der heute 40-jährige Schneider mit einem Gestank in der Nase auf, den er als "katastrophal" beschreibt. Sein Haus liegt im Dorf Akouedo in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer offenen Mülldeponie. Dort waren am Abend zuvor Giftabfälle abgeladen worden, wie Camara später herausfand.

Direkt nach dem Gestank setzten die Schmerzen ein: Kopfweh, Übelkeit, juckende Augen und schließlich auch Blasen überall dort, wo seine Haut nicht von Kleidung bedeckt war. Seine Frau war zu dem Zeitpunkt im achten Monat schwanger. Um die Gesundheit des Kindes nicht zu gefährden, floh sie in den Norden des Landes. Camara folgte ihr für eine Weile. "Wir konnten hier nicht bleiben und uns jede Minute diesem Gestank aussetzen", sagte der Schneider. Andere Betroffene sagten, der Geruch erinnere sie an eine Mischung aus Knoblauch, Gas und verfaulten Eiern. Nach sechs Jahren bekommt Camara noch immer von Zeit zu Zeit Blasen an den Händen. Er bleibt dann seiner Werkstatt fern. Häufig halten die Hautirritationen einige Tage an.

Der Giftmüll stammt von 'Trafigura Ltd' in London, einer Filiale des gleichnamigen Unternehmens mit Sitz in den Niederlanden, das weltweit mit Rohstoffen handelt. Den ivorischen Behörden zufolge sind 15 Menschen an den Folgen des giftigen Mülls gestorben und mehr als 100.000 Bewohner Abidjans haben sich medizinische Hilfe geholt. Zwar hat sich das Unternehmen bereit erklärt, Entschädigungen zu zahlen, aber bei Camara und seiner Familie ist wie bei vielen anderen bis heute kein einziger Dollar angekommen.

NGO-Bericht untersucht Umstände des Trafigura-Falles

Auf 18 Deponien rund um Abidjan wurden die Abfälle abgeladen. Am 25. September dieses Jahres veröffentlichten 'Greenpeace' und 'Amnesty International' die Ergebnisse einer drei Jahre währenden Untersuchung, die sich mit dem ganzen Ausmaß der Verseuchung befasst.

Dem Bericht zufolge hat Trafigura ein unraffiniertes Benzin namens Koker Naphtha einem Prozess ('Caustic washing') unterzogen, bei dem Natronlauge eingesetzt wird, um den Rohstoff von Verunreinigungen mit Schwefel zu säubern. Dabei entstehen giftige Rückstände, weshalb der Prozess in vielen Ländern verboten ist. Trafigura habe in mehreren Ländern den giftigen Schlick loszuwerden versucht. Doch sowohl in Europa als auch in Nigeria wurden sie abgelehnt. Ein Tochterunternehmen habe schließlich einen Partner in Côte d'Ivoire gefunden.

Der Bericht beschreibt den Weg des Giftmülls von den Vereinigten Arabischen Emiraten über Europa nach Côte d'Ivoire und wirft Trafigura vor, sich die teils schwache Durchsetzungsfähigkeit internationaler Rechtsrahmen zunutze gemacht zu haben. Dies sei jedoch keine Entschuldigung für die Behörden, den Konzern ungestraft davonkommen zu lassen.

Die Nichtregierungsorganisationen fordern in ihrem Bericht Großbritannien dazu auf, Ermittlungen gegen den Konzern einzuleiten. Côte d'Ivoire solle außerdem die Vereinbarung zwischen Trafigura und der Regierung aus dem Jahr 2007 überprüfen, in der sich der Konzern zu einer Zahlung von 200 Millionen US-Dollar an Schadenersatz und zur Säuberung der Müllkippen bereit erklärt hatte. Im Gegenzug hatte Côte d'Ivoire versprochen, von Ermittlungen gegen das Unternehmen abzusehen.

Konzern: "Ungenauigkeiten und falsche Angaben"

Trafigura veröffentlichte auf seiner Website eine Gegendarstellung zu dem NGO-Bericht, in der das Unternehmen sagte, der Bericht sei voller "bedeutender Ungenauigkeiten und falscher Angaben". Er vereinfache stark juristische Verhältnisse, analysiere sie aufgrund schlecht begründeter Annahmen und ziehe selektive Schlüsse, die die Komplexität der rechtlichen Situation nicht adäquat darstellten. "Gerichte in fünf verschiedenen Jurisdiktionen haben sich des Falles angenommen und nach eingehender Prüfung Entscheidungen getroffen. Es ist schlicht falsch zu behaupten, dass der Fall nicht ausreichend juristisch untersucht worden sei", heißt von Seiten des Unternehmens.

Der Konzern ficht auch die Angaben über die Zahl der Opfer und Ausmaße der Krankheiten an, die von den ivorischen Behörden gemacht wurden. Der Müll könne nicht mehr als "schwache grippeähnliche Symptome und ein leichtes Angstgefühl" ausgelöst haben.

Immerhin gab der Konzern zu, dass die Weitergabe der Entschädigungszahlungen zeitweise "bedauerlich" verlaufen sei. Gaughran zufolge wurde ein Regierungsprogramm zur Verteilung der Gelder abgebrochen, weil es "Vorwürfe über Unregelmäßigkeiten" gegeben habe. Auch eine Vereinbarung aus dem Jahr 2009 zur Zahlung von 45 Millionen Dollar an 30.000 Opfer wurde schließlich gebrochen, weil Korruptionsvorwürfe im Raum standen. Diese führten unter Umständen, die im Report näher beschrieben werden, letztlich zum Rücktritt des ivorischen Ministers für die afrikanische Integration, Adama Bictogo.

Für Helene Djeke wären Entschädigungszahlungen ein Segen. Die 59-Jährige aus Akouedo pflegt ihre 32 Jahre alte Tochter, die nach Angaben der Mutter Herzprobleme hat und schlecht sieht, seit im August 2006 der Giftmüll in Abidjan abgeladen worden sei. Seitdem kann die Tochter nicht mehr arbeiten. "Ich bin unglücklich darüber, dass die Menschen, die dafür verantwortlich sind, immer noch nicht bestraft wurden." (afr/IPS)

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