Côte d'Ivoire: 75 Opfer des Machtkampfs ziehen vor Gericht

Schwere Menschenrechtsverletzungen nach den Präsidentschaftswahlen

Von Fulgence Zamblé | 01.06.2012

Abidjan. In Côte d'Ivoire wird die Internationale Menschenrechtsliga in Paris zusammen mit zwei lokalen Mitgliedsorganisationen die Klage von 75 Opfern schwerer Menschenrechtsverletzungen im Anschluss an die umstrittenen Wahlen 2010/2011 unterstützen. Die Angst vor Repressalien hatte die Betroffenen bislang davon abgehalten, vor Gericht zu ziehen.

Als Truppen des gewählten und inzwischen amtierenden Präsidenten Alassane Ouattara in der westivorischen Stadt Duékoué einfielen, versteckte sich Bertrand Koué, der eigentlich anders heißt, in der Nähe seines Hauses im Busch. "Weil die Soldaten mich nicht finden konnten, ermordeten sie meine Frau und meine beiden Kinder", berichtete er. Der 37-jährige wagt sich bis heute nicht nach Hause. Doch nun ist er sich sicher: "Ich werde diesen Männern noch einmal gegenüberstehen, und zwar vor einem Tribunal."

Als die 27-jährige Fatim Konaté aus Abidjan – auch ihr Name wurde geändert – an einem Tag im März mit ihrer Tante zum Markt ging, schlugen in ihrer Nähe Granaten ein. Eine Panzerbesatzung von Kämpfern des Wahlverlierers und damaligen Präsidenten Laurent Gbagbo hatte sie abgefeuert. Die Tante und elf weitere Menschen kamen dabei ums Leben. "Die Soldaten drohten jedem, der vorbeikam, mit 'wir kriegen Euch'", berichtete Fatim Konaté. Inzwischen will sie gegen die Männer aussagen und ist sich sicher, dass sie sie wiedererkennen wird.

Gerechtigkeit durch ein Ende der Straffreiheit

Menschenrechtsaktivisten erhoffen sich von ihrer juristischen Initiative Gerechtigkeit und Versöhnung, doch sie wollen auch sichergehen, dass die Täter nicht straflos davonkommen. "Mit diesem juristischen Verfahren können die Opfer ihren Beitrag dazu leisten, dass es in Côte d'Ivoire wieder Gerechtigkeit geben kann", sagte Patrick Baudouin, der die Aktion für den FIDH koordiniert. Bei den den Tätern zur Last gelegten Verbrechen handelt es sich um Massenexekutionen, Morde und um die Zerstörung von Eigentum.

"Wir wollen den Opfern zu ihrem Recht verhelfen, damit solche Gräuel nie wieder vorkommen", sagte der Leiter der Ivorischen Menschenrechtsliga (LIDHO), René Hokou Legré. "Die Behörden sollten sich verpflichten, ein Zeugenschutzprogramm einzurichten", fügte er hinzu.

"Côte d'Ivoire braucht Wahrheitsfindung und Gerechtigkeit ebenso nötig wie die nationale Versöhnung", betonte Karim Ouattara, Berater des Vorsitzenden der Kommission für Dialog, Wahrheit und Versöhnung. "Es ist gut, wenn es eine Initiative gibt, die den Opfern erlaubt, über das zu sprechen, was ihnen angetan wurde. Doch ist es wichtig, dass auch die Täter dazu gebracht werden, ihre Schuld zu akzeptieren."

Unterdessen setzt die nationale Kommission, die die Gewalttaten im Anschluss an die Präsidentschaftswahlen untersucht, ihre Arbeit fort. Im Februar war ihr Mandat verlängert worden, damit sie die von allen Konfliktparteien begangenen Verbrechen unparteiisch und umfassend untersuchen kann. (afr/IPS)

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