China: "Little Africa" verliert an Zugkraft

Afrikanische Händler beklagen starken Rückgang ihrer Geschäfte

Von Franck Kuwonu, Africa Renewal* | 29.01.2019

New York (AR/afr). Der Stadtteil Xiaobei im Zentrum der chinesischen Megacity Guangzhou wird "Little Africa" genannt. Hier versuchen tausende afrikanische Kleinhändler ihr Glück. Ihre Geschäfte laufen aber längst nicht mehr so gut wie noch vor wenigen Jahren.

Blick auf das Zentrum der Megacity Guangzhou (Bild: Shutterstock.com)

In den Straßen von Xiaobei kann man eine Vielzahl von afrikanischen Sprachen vernehmen. Vor allem Bambara, Lingala, Malagasy, Yoruba und Igbo sind häufig zu hören. Der Hauptumschlagplatz der afrikanischen Händler die "Oversea Trading Mall" auf dem Marktplatz. In den Abendstunden füllt sich der Platz zunehmend mit Menschen.

Magloire stammt aus Côte d’Ivoire, seinen vollen Namen will er nicht nennen. Wie viele andere Afrikaner auch bezeichnet er sich als Makler, der Neuankömmlinge unterstützt. Eben erst hat er für Landsleute die Preisverhandlungen mit einem chinesischen Taxifahrer geführt. "Wir helfen unseren Brüdern und Schwestern bei ihren geschäftlichen Bemühungen", erzählt er.

Guangzhou ist die Hauptstadt von Guangdong, der bevölkerungsreichsten Provinz Chinas. 120 Millionen Menschen leben in der Provinz im südlichen China. Guangzhou ist mit über 11 Millionen Einwohnern die größte Stadt am Perlflussdelta. In der Wirtschaftswelt ist sie bekannt für die zahlreichen Großhandelsmärkte und die alljährlich stattfindende Kanton-Messe.

Goldene Zeiten sind vorbei

Bis vor Kurzem hat Guangzhou eine Vielzahl afrikanischer Händler angezogen. So wurden in den ersten neun Monaten des Jahres 2014 an den Grenzposten der Stadt 430.000 Menschen aus Afrika gezählt, welche die Stadt betraten oder verließen. Einige der Migranten machten zu diesem Zeitpunkt gute Geschäfte. Laut einer Umfrage unter den Bewohnern von "Little Africa" verdiente ein Fünftel von ihnen mehr als 4.800 US-Dollar pro Monat.

Seit etwa vier Jahren hat aber Xiaobei an Anziehungskraft verloren. Belief sich das Handelsvolumen zwischen China und Afrika 2014 noch auf 215,91 Milliarden US-Dollar, lag es 2016 nur noch bei 127,97 Milliarden US-Dollar. Seit 2017 geht es wieder etwas aufwärts, das Niveau bleibt jedoch unter dem Höchststand von 2014 zurück.

Barry kommt aus Guinea, auch er möchte seinen Nachnamen nicht verraten. Der junge Westafrikaner finanziert sich sein Studium als Elektronikhändler und Smartphone-Mechaniker. Barry bemängelt, dass die Geschäfte in den letzten Jahren deutlich nachgelassen hätten. Für den Einbruch macht er die abgeschwächte Konjunktur in Angola, Nigeria und Sambia verantwortlich. Außerdem gebe es nun restriktive Visabestimmungen und häufigere Polizeiaktionen gegen Afrikaner ohne Papiere.

Ein weiterer Hauptgrund für die nachlassenden wirtschaftlichen Aktivitäten in Xiaobei ist die direkte Konkurrenz durch chinesische Händler, die sich in afrikanischen Ländern niedergelassen haben. Niedrige Einfuhrzölle sorgen dafür, dass sie Waren günstig aus China importieren können. Viele afrikanische Händler halten es deshalb nicht mehr für wirtschaftlich, den weiten Weg nach China zu reisen, um Waren zu kaufen.

Wird die “Stadt der Weihnacht” das neue “Little Africa”?

Lokale Medien in China schätzen die afrikanische Bevölkerung in Guangzhou auf 100.000 Menschen. Auf dem Höhepunkt der Ebola-Epidemie im Jahr 2014 wurde spekuliert, dass bis zu einer halben Million Afrikaner in der Stadt lebten. Die Behörden entlarvten diese Angaben jedoch rasch als falsch und legten die offizielle Zahl mit 20.000 fest.

Allerdings wird davon ausgegangen, dass sich viele Afrikaner illegal in Guangzhou aufhalten. Das liegt an den Aufenthaltsbestimmungen: Ein erstmaliges Einreisevisum ist relativ einfach zu bekommen, aber die Erneuerung des Visums gilt als schwierig. Wer die Aufenthaltsfrist überschreitet, muss mit hohen Geldstrafen rechnen. Viele Afrikaner sehen sich dadurch gezwungen, ein Dasein im Untergrund zu fristen.

Magloire macht sich Gedanken, wie lange er wohl noch in Guangzhou sein Auslangen finden wird. Wie viele andere Afrikaner denke er darüber nach, nach Yiwu zu gehen. Die Stadt, die zwei Zugstunden von Shanghai entfernt liegt, gilt als Zentrum für den Handel mit Kleinwaren.

In Yiwu werden fast zwei Drittel aller weltweit verkauften Weihnachtsartikel hergestellt. Die "Stadt der Weihnacht" gilt außerdem als gastfreundlich, weil es viel weniger Polizeikontrollen gibt. Gut möglich also, dass Yiwu in absehbarer Zeit Chinas neues "Little Africa" wird. (Ende)

*Franck Kuwonu ist Redakteur unseres Partnermagazins "Africa Renewal" der Vereinten Nationen. Der englischsprachige Originalbeitrag ist erstmals in Ausgabe August-November 2018 (*.pdf) erschienen.

| Tags: , , , , , , ,

icon Sagen Sie uns Ihre Meinung?