Algerien: Leben im 'Open-Air-Gefängnis'

Unterdrückung und Menschenrechtsverletzungen in der Kabylei

Von Karlos Zurutuza | 10.08.2012

Tizi Ouzou. Schroffe Steindörfer starren aus grünen Tälern. In der Ferne leuchtet das Meer in einem satten Blau. "Ist das nicht ein großartiger Anblick?", fragt Amuzi aus seinem gelben Taxi heraus. "Niemand würde auf die Idee kommen, dass wir in einem Open-Air-Gefängnis leben." In der Kabylei kommt es immer wieder zu schweren Menschenrechtsverletzungen.

Die Straßenschilder in arabischer Sprache sind mit Graffiti beschmiert. Auch wenn sie ihren Zweck nicht mehr erfüllen, so sind sie doch Zeitzeichen eines latent schwelenden politischen Konflikts, der Algerien seit der Unabhängigkeit von Frankreich 1962 beschäftigt.

Die an der nördlichen Mittelmeerküste gelegene Kabylei war im Mittelalter und im Osmanischen Reich ein unabhängiger Landstrich gewesen. Das Gebiet von der Größe Dänemarks wurde Mitte des 19. Jahrhunderts Französisch-Algerien zugeschlagen. Die mehr als sechs Millionen Einwohner sind Amazigh (Berber). Sie waren schon lange vor der Ankunft der Araber im siebten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung da.

"Französisch-Algerien wurde einfach durch Arabisch-Algerien ersetzt. Es war eine bloße Machtübergabe, bei der die Menschen nicht gefragt wurden", sagt Razik Zouaoi in einer Cafeteria in Tizi Ouzou, dem Verwaltungszentrum der Kabylei 110 Kilometer östlich der algerischen Hauptstadt Algier.

"Opfer eines Arabisierungsprozesses"

Zouaoi setzt sich für den Erhalt der Amazigh-Sprache ein, die noch immer in einem Gebiet von der marokkanischen Atlantikküste bis zum Westufer des Nils in Ägypten und auch von den Tuareg in der Sahara gesprochen wird. "Wir sind alle Opfer eines Jahrhunderte langen Arabisierungsprozesses, der sich verheerend auf uns ausgewirkt hat", sagt Zouaoi. Auf einer Karte lässt sich die Assimilierung an den Namen ablesen. Vgayett wurde zu Bejaia; Tubirett heißt heute Bouira.

Tief im Hinterland der Kabylei, etwa 56 Kilometer von Tizi Ouzou entfernt, liegt das Dorf Beni Yenni – Ait-Yenni in der Sprache der Amazigh. Auf dem kleinen aber umtriebigen Marktplatz macht ein Mann seinem Zorn über die zahlreichen Kontrollen Luft, die die Bergbewohner über sich ergehen lassen müssen.

"Die Polizei setzt sogar Bombendetektoren an den Kontrollposten ein", erbost er sich. "Heute musste ich auf dem Weg von Tizi Ouzou hierher ganze drei Mal den Kofferraum öffnen. Wie kommt es, dass die islamistischen Gangs ausgerechnet hier operieren – mit schweren Waffen und Munition?"

"Wir leben hinter den Mauern einer riesigen Kaserne", kommentiert Bouaziz Ait-Chebib, Vorsitzender der Bewegung für eine autonome Kabylei (MAK) die Situation. "Mehr als 40 Prozent der algerischen Sicherheitskräfte sind in der Kabylei stationiert. Es gibt die Armee, die Gendarmerie, die Polizei und den Geheimdienst DRS."

Ait-Chebib charakterisiert seine 2001 gegründete Bewegung als "eine Gruppe, die das arabisch-islamische Joch abschütteln will und für das Recht auf Selbstbestimmung eintritt". Und stolz fügt er hinzu: "Wir sind die führende politische Kraft in der Region."

Nach einem 1991 ausgebrochenen blutigen Bürgerkrieg, der 200.000 Menschen das Leben kostete, leitete der algerische Präsident Abdelaziz Bouteflika einen Versöhnungsprozess ein, der auch die Amnestierung der Islamisten beinhaltete. Doch im Juni sprach der algerische Polizeichef Abdelghani Hamel in Anspielung auf die algerischen Aktivitäten der Al Kaida von einer weiterhin vorhandenen Terrorismusgefahr.

Angriffe mutmaßlicher Dschihadisten sind in der Kabylei offenbar zu einem endemischen Problem geworden. Im Juni starben 14 Islamisten bei Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften.

Der MAK-Präsident hat für die zunehmende Zahl bewaffneter Gangs in der Region eine Erklärung parat. "Auch wenn sie häufig als feindliche Kräfte bezeichnet werden, so haben die Regierung und die Fundamentalisten nie lange gezögert, sich zu verbrüdern, wenn es darum ging, unser Volk auszulöschen", sagt er. "Und das nur, weil wir keine Araber und keine Muslime sind. Regierung und Fundamentalisten sind zwei Seiten einer Medaille."

Menschenrechtsverletzungen

"Zu den Fällen von Verschwindenlassen und willkürlichen Festnahmen kommen noch die Entführungen durch bewaffnete Banditen hinzu", beschreibt Hocine Azem, Vorsitzender der Amazigh-Menschenrechtsliga (LADH), die Probleme in der Kabylei. Allein in Tizi Ouzou seien seit 2005 69 Menschen verschleppt worden, ohne dass dies die Polizei in irgendeiner Weise interessiert hätte. Azem spricht von einer "organisierten Lösegelderpressungskampagne gegen lokale Unternehmer und einer gezielten Zerstörung der örtlichen Wälder".

"Die Polizei brennt unter dem Vorwand, Anti-Terrorismus-Operationen durchzuführen, unsere Olivenhaine nieder", prangert Azem an. "Solche Übergriffe sollen uns wirtschaftlich ruinieren, damit wir freiwillig unser Land verlassen." Einen entsprechenden Bericht hat seine Organisation an den UN-Menschenrechtsrat in Genf weitergeleitet.

Internationale Organisationen wie 'Amnesty International' und 'Human Rights Watch' haben bereits über Hunderte von Folter- und Misshandlungsfällen berichtet. Beiden Nichtregierungsorganisationen zufolge werden viele dieser Verbrechen vom DRS in geheimen Haftzentren verübt, in denen den Gefangenen jeder Kontakt zur Außenwelt versagt ist.

Maraghna, 25 Kilometer südöstlich von Tizi Ouzou, ist das Heimatdorf von Ferhat Mehenni, einem bekannten Amazigh-Sänger und ersten MAK-Vorsitzenden. Sein 19-jähriger Sohn Ameziane Mehenni war 2004 in Paris ermordet worden. Viele in der Kabylei glauben, dass es sich dabei um einen Racheakt handelte, um Ferhat Mehenni für seine politischen Aktivitäten zu bestrafen. Ferhat Mehenni ist Präsident der 'Vorläufigen Regierung der Kabylei' (PGK) mit Sitz in Paris.

Die PGK warf der algerischen Polizei Ende Juli in einer Mitteilung vor, sich in eine "islamische Moralmiliz nach iranischem Vorbild" zu verwandeln. Zuvor hatten die Sicherheitskräfte einen jungen Ramadan-Fastenbrecher brutal zusammengeschlagen.

"Algerien ist ein riesiges Minenfeld", meint der Juwelier Mohamed Akbal in seinem kleinen Laden in Beni Yenni. "Du weiß nie, wo und wann dir der Sprengsatz um die Ohren fliegt. (afr/IPS)

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