Afrika: Weg vom Westen

Chefin der Johannesburger Börse Nicky Newton-King im Interview

Von Kristin Palitza | 25.04.2012

Kapstadt. Mehr als drei Jahre nach Ausbruch der Weltfinanzkrise geht von dem afrikanischen Kontinent eine ungeheure Anziehungskraft für ausländische Anleger aus. Diese Entwicklung führt Nicky Newton-King, die erste Frau an der Spitze der Johannesburger Börse (JSE), auf die enormen Investitionsmöglichkeiten in Afrika zurück.

Wie sie im Interview mit IPS weiter erklärte, nimmt der Handel des schwarzen Kontinents mit den Schwellenländern und Asien immer weiter zu, mit dem Norden hingegen immer weiter ab. "Wir beobachten definitiv einen Wandel zugunsten des Süd-Süd- und Ost-Süd-Handels weg vom Westen. BRICS (der Zusammenschluss von Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) und die damit verbundenen Gelegenheiten haben uns mehr zu bieten als je zuvor. Wir erwarten größere Investitionszuflüsse aus Asien und aus Brasilien. Große Banken gehen davon aus, dass sich 40 Prozent des globalen Wohlstands auf die BRICS-Staaten verteilen wird."


Die Möglichkeiten für Anleger seien nicht nur im Bergbausektor immens. Auch der Telekommunikations- und Finanzbereich sei interessant. Was Investitionen in die Mobiltelefonie und die Informations- und Kommunikationstechnologie so viel versprechend machten: Sie ließen sich ohne aufwändige Infrastrukturen tätigen.

Vor vier Monaten wurde Newton-King zur Geschäftsführerin der 123-jährigen JSE ernannt. Es folgen Auszüge aus dem Interview mit der 44-jährigen Juristin und Expertin für Finanzdienstleistungen, die in Cambridge and Südafrika studiert hat.

IPS: Haben die afrikanischen Staaten und insbesondere die rohstoffreichen Länder in irgendeiner Form von der Finanzkrise profitiert?

Nicky Newton-King: Schwellenländer erlebten erst eine negative und dann eine positive Entwicklung. Nachdem sich die Investoren zunächst zurückgezogen hatten, erkannten sie jedoch bald, dass sie in den Schwellenländern höhere Rendite erzielen könnten als in ihren Heimatländern. Das erleichterte ihnen die Entscheidung der Re-Investition.

IPS: Wie viel politische Stabilität ist nötig, um Auslandinvestoren ins Land zu locken? 

Newton-King: Wir erleben derzeit viele angefochtene Wahlen. Das bedeutet, dass der politische Kurs nicht wirklich feststeht. Aus Sicht der Investoren bedeutet dies ein hohes Maß an Unsicherheit. Sie sind unschlüssig, ob sie langfristige Investitionen tätigen sollen, solange sie nicht sicher sein können, dass das politische Umfeld stabil ist.

Das macht auch uns in Südafrika zu schaffen. Wir nehmen uns deshalb viel Zeit, mit unserer Regierung und mit den Entscheidungsträgern zu sprechen, damit sie sich zumindest in entscheidenden Fragen auf einen festen politischen Kurs einschwören, damit sich alle entspannen können.

Es gibt allerdings auch Anleger, die eine höhere Toleranzschwelle haben als andere. Diese Leute werden auch weiterhin in Ländern wie Simbabwe und Kasachstan investieren, weil letztlich das Geld zählt. 

IPS: Im Dezember wurde Südafrika eingeladen, sich den BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China anzuschließen. Hat dies dem afrikanischen Kontinent zusätzliche Handelsvorteile verschafft?

Newton-King: Wir beobachten definitiv einen Wandel zugunsten des Süd-Süd- und Ost-Süd-Handels weg vom Westen. BRICS und die damit verbundenen Gelegenheiten nutzen uns mehr als je zuvor. Wir erwarten größere Investitionszuflüsse aus Asien und aus Brasilien. Große Banken gehen davon aus, dass sich 40 Prozent des globalen Wohlstands bis 2020 auf die BRICS-Staaten verteilen wird. 

IPS: Arbeitet die JSE auch mit anderen afrikanischen Börsen zusammen?

Newton-King: Es gibt afrikaweit 24 Börsen, doch einige machen nur zehn Trades pro Tag (die JSE hingegen mindestens 120.000) Wir sind der Elefant des Kontinents. Ich würde eine tiefer gehende Zusammenarbeit durchaus begrüßen.

Die Kommunikation mit den unterschiedlichen Managementteams afrikanischer Börsen ist gut. Das gilt besonders für Nigeria und Kenia, die sich mit uns um eine Verbesserung der Kooperation bemühen, vor allem bei der Produktvernetzung und der gemeinsamen Nutzung von Technologien. Doch macht sich das bisher nicht in neuen Geschäften bemerkbar.

IPS: 2009 hat die JSE eine Afrika-Behörde für den Handel mit den Aktien der größten afrikanischen Unternehmen gegründet, um das Wachstum des afrikanischen Kapitalmarkts zu fördern. Hat sich diese Strategie ausgezahlt?

Newton-King: Die Afrika-Behörde hat die an sie geknüpften Erwartungen nicht erfüllt. Wir wollten ein Marketingsegment schaffen, um afrikanische Unternehmen zu präsentieren. Doch bisher sind erst 14 afrikanische Firmen gelistet. Wir hoffen auf mehr, doch das braucht Zeit. 

IPS: Wie ist es, die erste Frau an der Spitze der JSE zu sein? 

Newton-King: Es ist interessant. Vor 16 Jahren kam ich zur JSE. Damals hätte mich der Gedanke, auch nur in die Nähe des Auktionssaals zu kommen, erschreckt, denn für Frauen war das ein ziemlich Angst einflößender Ort. Heute hingegen sind die etwa 500 JSE-Mitarbeiter fast zur Hälfte Frauen. Eine vielfältige Organisation zieht mehr Vielfalt an. Darin liegt eine große Stärke. (afr/IPS)

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