Afrika: Wachstum mit Hilfe erneuerbarer Energien

Staaten sollen Stromversorgung revolutionieren

Von Kwame Buist | 17.06.2015

Kapstadt. Die erneuerbaren Energien bieten Afrika enorme Vorteile in dreierlei Hinsicht: Wie aus einem neuen Bericht hervorgeht, besitzen sie das Potenzial, die landwirtschaftliche Produktion zu steigern, die Klimaresilienz des Kontinents zu erhöhen und einen wichtigen Beitrag zur Verringerung der Treibhausgasemissionen zu leisten.

Ohne TitelDie Klipheuwel-Windfarm in der südafrikanischen Provinz Western Cape (Bild: Lollie-Pop, CC BY 2.0)

In seinem neuen Report 'Power, People, Planet: Seizing Africa’s Energy and Climate Opportunities' (*.pdf) fordert das 'Africa Progress Panel' des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan die afrikanischen Regierungen auf, die regionale Stromgewinnung zu verzehnfachen, um allen Afrikanern bis zum Jahr 2030 den Zugang zu Elektrizität zu ermöglichen.

Eine solche Entwicklung würde Afrika helfen, Armut und Ungleichheit zu besiegen, das eigene Wirtschaftswachstum zu steigern und die Führung in der internationalen Klimadebatte zu übernehmen, um die Klimaverhandlungen zum Erfolg zu führen.

Das 'Africa Progress Panel' drängt afrikanische Regierungen, Investoren und internationale Finanzorganisationen ferner zu umfangreichen Investitionen in den Energiesektor, damit sich Afrika zu einer "Niedrig-CO2-Supermacht" entwickeln könne.

"Wir weisen den Gedanken, dass Afrika nur zwischen Wirtschaftswachstum oder einer Entwicklung wählen kann, die auf niedrigen CO2-Emissionen beruht, kategorisch zurück", erklärte Annan bei der Vorstellung der Untersuchung. "Afrika muss alle seine Energiequellen kurzfristig ausschöpfen und parallel dazu die Fundamente für eine wettbewerbsfähige Niedrig-CO2-Energie-Infrastruktur legen."

Subsahara-Afrika verbraucht weniger Strom als Spanien

Mehr als 62 Millionen Menschen in Subsahara-Afrika haben derzeit keinen Zugang zu Strom – eine Zahl, die aller Voraussicht nach steigen wird. Zusammengenommen verbrauchen die Länder südlich der Sahara, Südafrika ausgeschlossen, weniger Strom als Spanien. Und um an den monatlichen Stromverbrauch eines US-Amerikaners heranzukommen, würde ein durchschnittlicher Bürger in Tansania acht Jahre brauchen.

Den Schätzungen zufolge schmälern die Stromengpässe in Afrika das regionale Wachstum um zwei bis vier Prozent pro Jahr. Sie bremsen zudem die regionalen Bemühungen aus, Arbeitsplätze zu schaffen und die Armut zu bekämpfen.

Trotz eines Jahrzehnts wirtschaftlichen Wachstums klafft das Stromproduktionsgefälle zwischen Afrika und anderen Weltregionen immer weiter auseinander. Obwohl Nigeria zum Beispiel einer der größten Erdölexportstaaten ist, decken 95 Millionen Nigerianer ihren Energiebedarf nach wie vor mit Holz, Holzkohle und Stroh.

Der Report weist ferner darauf hin, dass afrikanische Haushalte, die pro Einheit mit weniger als 2,5 Dollar am Tag auskommen müssen, jedes Jahr zusammengenommen zehn Milliarden Dollar in Energieträger wie Holzkohle und Kerosin sowie in Leuchtmittel wie Kerzen und Taschenlampen investieren.

Afrikas ärmste Haushalte müssen bis zu jeweils zehn Dollar pro Kilowattstunde für Beleuchtungszwecke zahlen – das entspricht dem 20-Fachen des Betrags, den Afrikas reichste Haushalte berappen. Im Vergleich dazu liegen die nationalen Durchschnittskosten für Elektrizität in den USA bei nur 0,12 Dollar pro Kilowattstunde und in Großbritannien bei 0,15 Dollar.

Der Bericht drängt die afrikanischen Entscheidungsträger zu einer Energierevolution, um die stromlosen Afrikaner mit Strom zu versorgen, damit die Nachfrage der Verbraucher, Privatwirtschaft und Investoren nach bezahlbarer und zuverlässig verfügbarer Energie gedeckt werden kann.

Konkret sollen die afrikanischen Regierungen die regionalen Erdgaslager sowohl für die Versorgung des Binnenmarktes als auch für den Export verwenden und gleichzeitig das weitgehend ungenutzte Potenzial der erneuerbaren Energien entwickeln. Darüber hinaus müsse die Korruption bekämpft werden. Ferner gelte es den Energieverwaltungsapparat transparenter zu gestalten und die öffentlichen Ausgaben für den Ausbau der Energieinfrastruktur zu erhöhen.

Ebenso sollen die 21 Milliarden Dollar, mit denen verlusteschreibende Versorgungsbetriebe und Stromverbraucher subventioniert werden, in den Ausbau der erneuerbaren Energien und in Energieversorgungsprogramme für die Armen umgeleitet werden.

Der Bericht ruft ferner zu einer Stärkung der internationalen Zusammenarbeit bei der Schließung der klaffenden Finanzierungslücke im afrikanischen Energiesektor auf, die auf jährlich 55 Milliarden Dollar bis 2030 geschätzt wird.

Ein globaler Vernetzungsfonds soll die Versorgung mit Strom aus der Steckdose und aus anderen Quellen von zusätzlichen 600 Millionen Afrikanern sicherstellen. Geber und Finanzinstitutionen fordert der Bericht auf, mehr zu tun als private Investitionen mit Risikogarantien abzusichern.

Klimapoker beenden

Der Bericht appelliert an die afrikanischen Staaten und ihre internationalen Partner, auf dem Klimagipfel im Dezember in Paris mehr Ehrgeiz bei den Zielsetzungen an den Tag zu legen. Es sei höchste Zeit für eine Reform des bislang fragmentierten, unterfinanzierten und unwirksamen Klimafinanzierungssystems.

An die G20-Staaten ergeht der Aufruf, sich auf feste Fristen für ein Ende kontraproduktiver Subventionen festzulegen. Bis 2018 sollen die Zuschüsse für die Exploration und Produktion fossiler Brennstoffe abgeschafft sein.

"Viele reiche Länder geben vor, ein zufriedenstellendes Klimaabkommen anzustreben. Doch gleichzeitig werden Milliarden Dollar an Steuergeldern für die Ausbeutung neu entdeckter Kohle-, Öl- und Gaslager ausgegeben", kritisierte Annan. "Kohle sollte besteuert, nicht subventioniert werden, wollen wir Klimakatastrophen verhindern."

Der Bericht würdigt zwar die jüngsten Zugeständnisse von EU, USA und China bei den Verhandlungen. Gleichzeitig kritisiert er, dass die derzeitigen Zusagen bei weitem nicht ausreichten, um die schlimmsten Prognosen der Wissenschaftler zu verhindern.

Der ehemalige UN-Generalsekretär monierte zudem, dass einige Staaten durch ihre abwartende Haltung mit dem Planeten und den künftigen Generationen Poker spielten. "Es ist der falsche Moment für Ausflüchte sowie für kurzsichtige und selbstsüchtige Eigeninteressen. Was die Welt jetzt braucht, sind Führungsstärke und entschlossenes Handeln."

Länder wie Äthiopien, Kenia, Ruanda und Südafrika entwickelten sich zu Zugpferden des Übergangs zu Niedrig-CO2-Energie. Afrika sei gut aufgestellt, um den für das eigene Wachstum benötigten Strom zu generieren, einen universellen Energiezugang zu ermöglichen und eine Führungsrolle in den Klimaverhandlungen zu übernehmen. (afr/IPS)

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