Afrika: Urbane Landwirtschaft floriert

Kleingärten in den Städten werden zur Überlebensfrage

Von Jeffrey Moyo | 23.09.2015

Harare. Agness Samwenje ist Lehrerin an einer Vorschule in der simbabwischen Hauptstadt Harare. Mit ihren drei Kindern lebt sie im dicht bevölkerten Viertel Mufakose. "Mit den 200 Dollar, die ich monatlich verdiene, kommen wir nicht hin", sagt sie. Deshalb bewirtschaftet sie eine Miniparzelle. "Seit wir den Kleingarten haben, geben wir weniger Geld für Nahrungsmittel aus", meint sie.

Urban farming pictureViele Menschen zieht es vom Land in afrikanische Städte, doch Jobs sind rar. Für immer mehr Familien wird die urbane Landwirtschaft zur Überlebensstrategie. (Bild: Jeffrey Moyo/IPS)

Wie Samwenje wenden sich immer mehr Menschen in afrikanischen Städten der urbanen Landwirtschaft zu. Unzureichende Einkommen und unsichere Ernährungssituation gelten als die Hauptgründe für diese Entwicklung.

Auch für die arbeitslose Silveira Sinorita, eine in der simbabwischen Stadt Mutare lebende Mosambikanerin, hat sich die urbane Landwirtschaft zu einer Art Vollzeitjob entwickelt. "Ich pflanze Kartoffeln, Bohnen, Gemüse und Mais. Die Überschüsse verkaufe ich", erzählt sie.

Angesichts eines wachsenden Nahrungsmitteldefizits beschränken sich die Stadtbauern in anderen afrikanischen Ländern schon längst nicht mehr nur auf den Anbau von Nutzpflanzen. In Städten wie Kampala in Uganda und Jaunde in Kamerun halten sie Hühner, Milchkühe und Schweine.

Nach Schätzungen der UN-Agrarorganisation FAO wird die urbane Landwirtschaft weltweit von rund 800 Millionen Menschen praktiziert. Sie hilft den Stadtbauern und ihren Familien, die Kosten für Nahrungsmittel gering zu halten und ihre Ernährung zu sichern. Gleichzeitig weist die FAO darauf hin, dass die Zahl der Hungernden auf über eine Milliarde Menschen gestiegen ist. Besonders hungergefährdet seien die städtischen Armen.

Vielen Stadtregierungen ein Dorn im Auge

Die städtische Landwirtschaft wird in afrikanischen Ländern, in denen Land Eigentum der lokalen Gemeinden ist, von den Behörden nicht gern gesehen – für Landwirtschaftsexperten angesichts der zunehmenden Ernährungsunsicherheit eine unsinnige und unverständliche Haltung.

"Auf dem Kontinent sinkt die Zahl der Beschäftigungsverhältnisse. Das bekommen auch die Städter zu spüren. Dies erklärt, warum die urbane Landwirtschaft immer populärer wird. In Simbabwe ist sie aber per Gesetz verboten", so der Agrarbeamte Norman Hwengwere.

Laut FAO bedroht das regionale Wirtschaftswachstum die städtischen Kleingärtner in ihrer Existenz bedroht, die zudem nicht gesetzlich geschützt, geschweige denn gefördert werden.

In einer 2011 von Anna Plyushteva, Doktorandin am 'University College London', vorgelegten Studie mit dem Titel 'Growing Potential: Africa’s Urban Farmers' wird den Staaten Afrikas empfohlen, die urbane Landwirtschaft aus der Marginalisierung und Illegalität zu holen, damit sie ihre ökologischen und sozialen Möglichkeiten voll entfalten kann.

"Ohne eine offizielle Regulierung könnte die urbane Landwirtschaft Probleme verursachen. So besteht die Gefahr, dass organische und nicht-organische Schadstoffe die Farmer und ihre Erzeugnisse vergiften, was sich wiederum negativ auf die öffentliche Gesundheit auswirken könnte", warnt Plyushteva.

Je mehr Menschen in die Städte kommen, umso mehr erhöht sich dort der Druck. "In Afrika nimmt die Landflucht zu, weil sich die Menschen in den Zentren bessere Arbeitsmöglichkeiten erhoffen, die sie in den Städten dann aber nicht antreffen", erläutert der unabhängige sambische Entwicklungsexperte Mulubwa Nakalonga. "Deshalb suchen sie sich Brachen, um anzubauen, was sie zum Überleben brauchen."

Die zugewanderten Farmer verlagern somit ihre ländliche Tätigkeit in die neue Umgebung. In der tansanischen Hauptstadt Dar es Salaam beispielsweise sind die urbanen Kleingärten kleinere Versionen der größeren ländlichen Ackerflächen.

Allerdings gibt es in der Region Stadtverwaltungen, die die landwirtschaftliche Nutzung brachliegender Flächen unterstützen. Die Lokalbehörde in Kapstadt in Südafrika hatte bereits 2007 ein Strategiepapier herausgegeben, in dem die Bedeutung der städtischen Landwirtschaft für die Armutsbekämpfung und Arbeitsbeschaffung gewürdigt wird.

FAO-Förderprogramm gegen den Hunger

Die FAO, die davon ausgeht, dass es in Afrika bis 2030 35 Millionen Stadtbauern geben wird, hat ein Programm zur Förderung des urbanen Gemüseanbaus aufgelegt. Das unter anderem in der Demokratischen Republik Kongo (DRC) umgesetzte Projekt ist als Versuch gedacht, nachhaltig auf die massive Landflucht nach einem fünfjährigen Krieg zu reagieren. Es hilft den städtischen Bauern bei der Produktion von jährlich 330.000 Tonnen Gemüse. Auf diese Weise kamen 16.000 Kleinbauern in den Städten in Lohn und Brot.

Nach Angaben der FAO verkaufen die Stadtbauern des Landes 90 Prozent ihrer Ernten an die städtischen Märkte und Supermärkte. Damit tragen sie zur Ernährungssicherheit einer stetig wachsenden Stadtbevölkerung bei. Viele Kongolesen verlassen insbesondere aus Sicherheitsgründen die ländlichen Gebiete.

Währenddessen haben verschiedene Gruppen und Organisationen in der kenianischen Hauptstadt dazu beigetragen, die 'vertikalen Sackgärten' populär zu machen. Sie halten das Konzept für eine ideale Antwort auf den in Städten und ländlichen Gebieten um sich greifenden Hunger. (afr/IPS)

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