Afrika: Staaten sollen bisherige Agrarpolitik überdenken

Neuer Weltbankbericht rät zu Ausbau der kommerziellen Landwirtschaft

Von Carey L. Biron | 18.03.2013

Washington. Die Weltbank hat den afrikanischen Staaten in einem neuen Bericht 'Growing Africa' nahegelegt, ihre Agrarpolitik zu überdenken. Nach Ansicht der internationalen Finanzorganisation sollte der Kontinent im Interesse der regionalen Entwicklung sein Augenmerk stärker als bisher auf die kommerzielle Landwirtschaft legen.

Der Weltbank zufolge könnten sich die Einnahmen aus der afrikanischen Landwirtschaft in den kommenden 17 Jahren im Zuge der steigenden Binnen- und internationalen Nachfrage auf drei Billionen US-Dollar verdreifachen. Die Einkünfte durch die Nachfrage einer wachsenden afrikanischen Mittelschicht könnten sich demnach bis 2030 auf mehr als 400 Milliarden Dollar vervierfachen.

"Nach Jahren der Vernachlässigung stößt die Landwirtschaft bei afrikanischen Regierungen, Unternehmen, Gemeinschaften und Entwicklungshilfegebern als Triebfeder eines unerhörten Wirtschaftswachstums erneut auf Interesse", schreibt Makhtar Diop, der Afrika-Vizedirektor der Weltbank, im Vorwort des neuen Reports.

Die Bedeutung der Landwirtschaft könne nicht hoch genug bewertet werden, so Diop. Afrika stehe nun am Scheideweg: Entweder unternehme der Kontinent konkrete Schritte, um eine größere Rolle auf den regionalen und internationalen Agrarmärkten zu spielen, oder aber es lasse wieder einmal die Chance einer Strukturreform im Interesse der eigenen Wettbewerbsfähigkeit ungenutzt verstreichen lasse.

Potenziale ausschöpfen

Afrikanische Farmer tragen zwar derzeit am stärksten zum Wirtschaftswachstum des Kontinents bei, doch ist das landwirtschaftliche Potenzial, was die Ernten, das Exportvolumen und den Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt angeht, bei Weitem noch nicht ausgeschöpft, wie Nicholas Minot vom internationalen Nahrungsmittelforschungsinstitut IFPRI im Gespräch mit IPS betont.

"Dies liegt zum Teil daran, dass die Landwirtschaft überwiegend von Kleinbauern betrieben wird, die kein Geld haben, um sich Düngemittel und andere Agrarinputs zu leisten", betonte Minot. Dieser Umstand in Kombination mit den vergleichsweise kargen Böden des Kontinents erkläre, warum sich der afrikanische Handel auf einige wenige Exportgüter wie Kaffee, Kakao und Tee beschränke. Was den Anbau von Getreide und vieler anderer Nahrungsmittelpflanzen betreffe, seien die Länder kaum in der Lage, sich selbst zu versorgen.

Der Weltbank zufolge erzielt die afrikanische Landwirtschaft nur die Hälfte der Ernteerträge, wie sie Asien und Lateinamerika vorweisen können. Hinzu komme, dass das landwirtschaftliche Wachstum des Kontinents weitgehend auf die Erschließung neuen Landes für die Agrarproduktion zurückzuführen sei – zum Schaden der Artenvielfalt, der Wälder und Böden.

Der neue Weltbankbericht drängt die die afrikanischen Regierungen und Geber dazu, ihre Aufmerksamkeit verstärkt dem Agrobusiness zuzuwenden. Ohne eine Beteiligung agrarindustrieller Organisations- und Produktionsformen unter Beteiligung kleiner, mittelständischer und multinationaler Unternehmen ließen sich die regionalen Entwicklungsziele nicht erreichen.

Unter Agrobusiness versteht man das ganze Spektrum landwirtschaftlicher Prozesse einschließlich Produktion, Vertrieb, Kommerzialisierung und Ressourcenrückfluss in Form von Einnahmen. Schon jetzt erwirtschaften Landwirtschaft und Agrobusiness die Hälfte des afrikanischen Bruttoinlandsprodukts.

"Will sich der Kontinent in einem größeren Ausmaß selbst versorgen, müssen Bauern als Geschäftsleute anerkannt, Unternehmer mit neuen Vermarktungsmethoden vertraut gemacht und deren Fähigkeiten zugunsten der Ernährungssicherung verbessert werden", meint auch Danielle Nierenberg, Mitbegründerin von 'Food Tank', einer Denkfabrik mit Sitz in Washington.

Gleichwohl warnte Nierenberg davor, zu großes Interesse auf die Schaffung neuer Jobs und Einkommen durch den Nahrungsmittelexport zu legen. Größere Investitionen würden benötigt, um Nahrungsmittelproduktion und -konsum über das ganze Jahr hinweg zu gewährleisten sowie Ernährungs- und Einkommenssicherheit zu garantieren, sagt sie.

"Einheimische Agrarerzeugnisse, über die Verbraucher der Mittelschicht oftmals die Nase rümpfen, sind reich an Spurenelementen, resistent gegen Seuchen, Überschwemmungen und Dürren", so Nierenberg. "Ihr Anbau könnte gerade in Zeiten des Klimawandels für Afrika immer wichtiger und wirtschaftlich sinnvoll sein."

Kleinbauern stärken

Nierenberg zufolge müssten afrikanische Regierungen und Geber ihre Aufmerksamkeit darauf lenken, die Kleinbauern und insbesondere die Kleinbäuerinnen zu stärken. "Für afrikanische und andere Entwicklungsländer hängt jeder Erfolg von einer Fokussierung auf Kleinbauern, Familienbetriebe und Farmerinnen ab", erläutert sie.

Minot zufolge gibt es in Afrika bereits einige kleine Agrobusiness-Aktivitäten. Der IFPRI-Vertreter warnt afrikanische Regierungen davor, sich ausschließlich auf Großprojekte zu konzentrieren. Die kleinen Getreidemühlen seien zum jetzigen Zeitpunkt das Richtige. "Diese Mühlen sind relativ effizient, kostengünstig und es gibt keinen Grund, warum eine Regierung große Mühlen subventionieren sollte, damit diese die kleinen ersetzen."

Der afrikanische Kontinent besitzt mehr als die Hälfte der weltweit brachliegenden landwirtschaftlich nutzbaren Flächen. Dies wiederum hat in den letzten fünf Jahren das Interesse internationaler Investoren geweckt. "Das Interesse von Privatinvestoren am afrikanischen Agrobusiness ist beispiellos", schreibt die Weltbank. Das gelte für ausländische Anleger ebenso wie für Investmentfonds.

In den letzten Jahren ist die Weltbank für die Rolle, die sie bei der Förderung sogenannter 'Land Grabs' gespielt hat, in die Kritik geraten. Gemeint sind die Landnahmen durch ausländische Investoren. Meist pachten die Unternehmen riesige Flächen Land über viele Jahrzehnte, um dort Agrar- und Energiepflanzen in Monokulturen für den Export anzubauen. Oft gehen diese Projekte mit Vertreibungen und Umweltproblemen einher.

Vorkehrungen gegen Land Grabbing

Die Bank hat die Vorwürfe wiederholt zurückgewiesen und macht sich in dem neuen Bericht für starke ökologische und soziale Sicherungssysteme und Landrechte stark. "Die Herausforderung besteht darin, sich das Interesse der Investoren zunutze zu machen, damit Arbeitsplätze geschaffen, Möglichkeiten für Kleinbauern entstehen können, die Rechte der lokalen Gemeinschaft respektiert und die Umwelt geschützt wird", heißt es in der Untersuchung. Auch gelte es spekulative Landinvestitionen oder Landnahmen zu verhindern, die sich die Schwäche afrikanischer Institutionen zunutze machten, um gegen die Prinzipien einer verantwortungsvollen Agrarinvestition zu verstoßen.

Nach Ansicht von Nicholas Minot besteht die größte Herausforderung in der Sicherung der Landrechte für ländliche Familien und Gemeinschaften. "Doch das ist ein langer, lästiger und technischer Prozess", sagte er. "Und dieser Prozess kommt nur im Schneckentempo voran." (afr/IPS)

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