Afrika: Schrumpfende Parzellen gefährden Ernährungssicherheit

Erbrechtsbestimmungen und Land Grabbing führen zur Zerstückelung von Böden

Von Miriam Gathigah | 17.09.2014

Nairobi. Der Maisbauer Kiprui Kibet besitzt eine Farm im fruchtbaren Landkreis Uasin Gishu in Kenias Rift-Valley-Region. Doch die Aussicht, sich mit der Landwirtschaft ein sicheres Auskommen zu schaffen, ist gering. Das hat vor allem mit der Größe seiner Parzelle zu tun. "Einst stand mir eine Anbaufläche von 40 Hektar zur Verfügung. Jetzt sind es nur noch 0,8 Hektar", berichtet er.

"Ich habe neun Brüder, die alle ihr eigenes Stück Land haben wollten", so Kibet. "Wir mussten also teilen. Das bedeutet, dass ich nicht mehr 3.200 Sack, sondern nur noch höchstens 20 Sack Mais einfahren kann." Ein Sack wiegt 90 Kilogramm.

Agrarexperten zufolge gefährdet die Aufteilung der Böden die Ernährungssicherheit des Kontinents. Zahlen der UN-Agrarorganisation FAO belegen, dass die Parzellen einer Mehrheit afrikanischer Bauern inzwischen auf unter einen Hektar zusammengeschrumpft sind.

Die Zahl der Menschen mit einem Hektar Land ist in Kenia während der letzten zehn Jahre um 17 Prozent zurückgegangen, in Sambia und in Uganda waren es im gleichen Zeitraum 13 respektive 16 Prozent.

Land Grabs verschärfen das Problem

Allan Moshi, Experte für Landrechte in Subsahara-Afrika mit Sitz in Sambia, warnt vor einer weiteren Verschärfung des Problems durch Land Grabbing. Dass sich Investoren riesige Flächen Agrarland beschafften, verringere die Landzugangsmöglichkeiten lokaler Bauern, was wiederum bedeute, dass die Parzellen aufgrund der lokalen Erbrechtsbestimmungen noch kleiner ausfielen.

Weitere Faktoren, die zur Zerstückelung der Böden führen, sind das Bevölkerungswachstum und die Abkehr von traditionellen Landeigentumsverhältnissen zugunsten von Privatbesitz, der angeblich das produktive Potenzial von Land wirksamer auszubeuten vermag.

Aus dem Bericht 'Emerging Land Issues in Africa' ('Drängende Landfragen in Afrika') der US-Entwicklungsbehörde USAID aus dem Jahr 2012 geht hervor, dass 25 Prozent aller jungen Afrikaner, die in den ländlichen Gebieten groß geworden sind, kein Land mehr erben, weil es keines mehr zu erben gibt.

"Menschen wollen einen Landtitel, auch wenn die Farmen immer weiter in wirtschaftlich unrentable Miniparzellen zerfallen. Gleichzeitig setzen große Investoren auf Energiepflanzen oder den Anbau von Blumen, wodurch sich das für Nahrungspflanzen verfügbare Land immer weiter verkleinert", warnt Moshi.

Afrikas Kleinbauern erzeugen mindestens 75 Prozent der nationalen Agrarproduktion. "Sie sind noch immer effektiver als Großbauern, deren Flächen oftmals brach liegen. Investoren horten Land zu Spekulationszwecken, selten nutzen sie es für den Anbau von Grundnahrungsmitteln", meint Isaac Maiyo von der kenianischen landwirtschaftlichen Graswurzelorganisation 'Schemers'.

Maiyo zufolge sind 93 Prozent der Farmer in Botswana Kleinbauern, auf deren Konto fast 100 Prozent der nationalen Maisproduktion geht. Dennoch stehen ihnen lediglich acht Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche zur Verfügung.

In Sambia sind 41,9 Prozent der Farmen weniger als einen Hektar groß. 616.867 solcher Betriebe produzieren 300.000 Tonnen Mais. Im Gegensatz dazu erzeugen 6.626 sambische Farmen, die über eine Anbaufläche von zehn bis 20 Hektar verfügen, 145.000 Tonnen Mais.

Entweder fehlen Gesetze, oder sie werden nicht umgesetzt

Anthony Mokaya von der lokalen Nichtregierungsorganisation 'Kenya Lands Alliance' zufolge gibt es noch sehr viele afrikanische Länder, denen die entsprechenden Gesetze fehlen, um das Problem der Zerstückelung von Agrarland in den Griff zu bekommen. Und dort, wo es solche Bestimmungen gibt wie etwa in Südafrika und Kenia, "sind sie weitgehend wirkungslos".

In Kenia verbietet das Agrargesetz die Aufteilung von Farmen, die nur noch 0,8 Hektar groß sind. Doch dazu meint der Kleinbauer Kibet, dass die wenigsten Farmer von der Existenz einer solchen Bestimmung wüssten. "Wir richten uns bei der Aufteilung unserer Böden nicht nach dem Gesetz, sondern nach der Zahl der Erben, die darauf angewiesen sind."

Das südafrikanische Agrarlandgesetz verbietet die Aufteilung von Land, wenn dadurch Parzellen entstehen, "die so klein werden, dass sich der landwirtschaftliche Anbau nicht mehr lohnt". Südafrikanische Landeigentümer sind rechtlich nicht befugt, Agrarland ohne die Zustimmung des Agrarministeriums aufzuteilen. Doch wie in vielen afrikanischen Ländern kommt das Gesetz nicht zur Anwendung.

"Das Problem ist nicht das Gesetz, sondern seine Umsetzung. Viele Landeigentümer sind sich gar nicht bewusst, dass es ein solches Gesetz gibt, das die Aufteilung von Agrarland ab einer bestimmten Schmerzgrenze verbietet", erläutert Kibet.

Titus Rotich, ein für Rift Valley zuständiger Agrarberater, berichtet, dass "die Agrarflächen mit der Zeit so klein geworden seien, dass sich der landwirtschaftliche Anbau nicht mehr rentiert. "Die meisten Familien, die vor zehn bis 20 Jahren 40 Hektar Land besaßen, verfügen inzwischen noch nicht einmal mehr über einen Hektar. Das bedeutet, dass das auf diesen Grundstücken angebaute Gemüse gerade für den Eigenbedarf langt. Ein bisschen Gemüse, ein paar Hühner – das war's."

Wie Rotich weiter berichtet, konnten die Bauern früher auf 0,4 Hektar Land 2.500 bis 3.420 Kilogramm Mais ernten. Verkauft wurde der 90-Kilo-Sack zu 35 bis 50 US-Dollar. Doch inzwischen könnten die Bauern froh sein, wenn sie 20 Sack (1.800 Kilogramm) einfahren, um sich und ihre Nutztiere zu ernähren, weil sie auf ihren 0,4 Hektar Land auch noch ihr Haus, ihre Kühe und Hühner unterbringen müssen. (afr/IPS)

| Tags: , , , , , , , ,

icon Ihre Meinung?

blog comments powered by Disqus