Afrika: Renaissance durch Informationstechnologien

Social-Media-Experte Teddy Ruge im Interview

Von Charundi Panagoda | 08.05.2012

Washington. Rund 140 Millionen Afrikaner haben inzwischen Zugang zum Internet, und die sozialen Medien leisten bereits einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Kontinents. Teddy Ruge, ein führender Social-Media-Stratege der 'Connect4Climate'-Kampagne der Weltbank, spricht in diesem Zusammenhang gern von der "afrikanischen Renaissance des Informationszugangs".

Derzeit gibt es Ruge zufolge etwa 600 Millionen angeschlossene Mobiltelefone. "300 Millionen Menschen in der Region sind im Begriff, in die Mittelschicht aufzusteigen." Sie werden sich Smartphones, Laptops und Anschlüsse leisten können und somit ihrerseits an der digitalen Erfolgsgeschichte mitschreiben, die auch aus demografischer Sicht unumkehrbar sein dürfte. So besteht die afrikanische Bevölkerung zur Hälfte aus jungen Menschen unter 15 und zu 70 Prozent aus Menschen unter 30 Jahren.

Nach Meinung Ruges hat die Social-Media-Revolution Afrikanern die Möglichkeit gegeben, sich untereinander über Fragen der Entwicklung, des Klimawandels, der Selbstverwaltung, der wirtschaftlichen Entwicklung und Jugendarbeitslosigkeit auszutauschen.

Es folgen Auszüge aus dem Interview mit Ruge, dem Mitbegründer des 'Project Diaspora', einer Online-Plattform zur Mobilisierung von Afrikanern, die außerhalb Afrikas leben.

Was bedeutet es, dass Afrikaner die sozialen Netzwerke nutzen können und mehr denn je vernetzt sind?

Teddy Ruge: Es finden offene Diskussionen über Entwicklungsfragen statt. Mir gefällt an den sozialen Medien, dass sie Afrikaner auch mit der globalen Sicht von Fragen zu guter Regierungsführung und anderen Themen vertraut machen. Die Menschen können sich ein Bild machen, wie es ihren Ländern geht und sich mit anderen Gruppen vergleichen.

Von einer partizipatorischen Regierungsform sind wir noch weit entfernt. Vielmehr haben wir auf der einen Seite die ans Internet angeschlossene Jugend, auf der anderen Seite die älteren Regierungsvertreter, die zum Teil noch die Kolonialzeit erlebt haben und keinen Bezug zu ihren jungen Wählern haben. Hoffentlich werden die sozialen Medien dazu beitragen, diese Kluft zu verringern und die Botschaft vermitteln: "Seht her, das sind die jungen Stimmen eures Landes und das ist was sie brauchen, um vorwärts zu kommen."

Sie sprechen gern von der "Legitimität der sozialen Medien für globales Engagement". Sprechen wir über die bevorstehende Rio+20-Nachhaltigkeitskonferenz. Worüber machen sich junge Afrikaner die meisten Sorgen?

Ruge: Die Gespräche drehen sich eigentlich immer um die gleichen Fragen: Werden die Entscheidungsträger uns, die wir unwesentlich zum Klimawandel beigetragen haben, aber dennoch am schlimmsten betroffen sein werden, angemessen unterstützen?

Junge Afrikaner stellen inzwischen die richtigen Fragen. Wer finanziert grüne Jobs? Wie lässt sich der Energiebedarf in den Dörfern mit dem Schutz der Wälder in Einklang bringen? Uns liegen bereits etliche Kommentare von Menschen vor, die nicht in der Lage sein werden, selbst in Rio+20 dabei zu sein.

Worin sind die jungen Social-Media-Freaks den Entscheidungsträgern voraus?

Ruge: Sie können die Menschen und Schicksale hinter den Zahlen sichtbar machen.

Im Rahmen von Connect4Climate haben wir junge Leute gebeten, die Folgen des Klimawandels in ihren Heimatgemeinden zu veranschaulichen. Wir bekamen Bilder und die dazugehörenden Geschichten. Und wir stellten fest, dass den Menschen vor allem der Zugang zu Energie und der Schutz von Wasser und Wäldern am Herzen liegen. Auf Fotos waren Frauen zu sehen, die anstanden, um nach Wasser zu graben.

Gibt es Ihrer Meinung nach ein gewisses Unverständnis zwischen denjenigen, die Geld nach Afrika kanalisieren, und den Afrikanern, die davon profitieren sollen?

Ruge: Die Weltbank kommuniziert nicht unbedingt mit afrikanischen Dorfbewohnern. Sie verhandelt eher mit den Regierungen. Dabei geht es um Fragen wie 'was macht ihr gerade und wie können wir euch am besten mit Geldgebern zusammenbringen?' – um die klassischen High-Level-Gespräche eben.

Connect4Climate holt Meinungen ein. Wir haben Leute, die diesen Stimmen Aufmerksamkeit schenken und möglicherweise der Meinung sind, dass es sich lohnt, diese Stimmen bei der Entwicklung konkreter Maßnahmen zu berücksichtigen. Ich für meinen Teil habe festgestellt, dass die Stimmen derjenigen immer lauter werden, die Lösungen im Sinne einer wirtschaftlichen Entwicklung fordern.

In Kenia gibt es junge Leute, die sich auf Schrottplätzen umsehen und kleine Vorrichtungen und effiziente Windmühlen bauen, um sich vom Stromnetz unabhängig zu machen. Sie sind sogar in der Lage, eigene Prototypen zu entwickeln.

In der Vergangenheit haben Sie gern von der "Bürde des weißen Mannes" gesprochen: der paternalistischen Haltung gegenüber Afrika. Ist das auch ein Thema, über dass sich Afrikaner online austauschen?

Ruge: Ich denke, sie sprechen darüber, aber von einem 'Korruptionsstandpunkt' aus. Hilfe generiert keine Jobs. Hilfe sollte dazu dienen, die für neue Jobs notwendigen Infrastrukturen zu schaffen. So denken auf jeden Fall die Unternehmer, mit denen ich gesprochen habe. Es geht um die Frage, wie sie sich Finanzierungsmittel beschaffen, damit sie ihre Operationen ausweiten und mehr Leute beschäftigen und in die Mittelschicht bringen können.

Dank der digitalen Konnektivität können wir Afrikaner uns mehr Gehör verschaffen. Wir sind lauter geworden und der Meinung, dass es an uns ist, unsere Probleme zu lösen. Es ist an uns zu sagen: "Daran arbeiten wir, allerdings könnten wir zusammenarbeiten, um das Problem gemeinsam zu lösen." Die vollständige Übernahme Afrikas gehört der Vergangenheit an. (afr/IPS)

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