Afrika: Niedriger Ölpreis setzt der Wirtschaft zu

Preisverfall offenbart ökonomische Schwächen der Förderländer

Von Thalif Deen | 07.01.2015

New York. Der Niedergang der internationalen Erdölpreise gefährdet die fragilen Volkswirtschaften einer Reihe afrikanischer Staaten, deren Wachstum vom Öl abhängt. Dazu zählen Angola, Äquatorialguinea, Gabun, Nigeria und der Sudan sowie Ägypten, Algerien und Libyen. Diese Länder waren auf den Einkommensverlust nur mangelhaft vorbereitet.

Soldiers patrol an oil field in Paloug, in South Sudan's Upper Nile state. Credit:Jared Ferrie/IPSSoldaten bewachen ein Ölfeld in Paloug im südsudanesischen Bundesstaat Upper Nile (Bild: Jared Ferrie/IPS).

Wie Kwame Akonor, außerordentlicher Professor an der US-amerikanischen Seton-Hall-Universität in New Jersey, gegenüber IPS berichtete, zeigen die jüngsten Entwicklungen wie der Ausbruch von Ebola und die sinkenden Erdölpreise, wie schwach und unbeständig die afrikanischen Volkswirtschaften sind.

Als Beispiel nannte er Sierra Leone und Liberia, zwei von Ebola besonders hart getroffene Länder. Die Weltbank hatte beiden Nationen noch 2012 bescheinigt, die schnellst wachsenden Volkswirtschaften Afrikas südlich der Sahara zu sein.

Bisher gehören Algerien, Äquatorialguinea und Gabun wegen ihrer Erdöl- und Erdgasfelder zu Top-Wirtschaftsperformern. "Doch das Schicksal dieser Länder wird sich aufgrund der vielfältigen Auswirkungen der Wirtschaftskrise zum Negativen wenden", prognostiziert der Experte, der auch die Denkfabrik 'African Development Institute' mit Sitz in New York leitet.

Der Erdölpreis ist von 107 US-Dollar pro Barrel im Juni auf unter 70 Dollar Mitte Dezember gesunken. Für diese Entwicklung gibt es mehrere Gründe wie die Zunahme der Ölproduktion in den USA, die rückläufige globale Nachfrage, die Verlangsamung der Weltwirtschaft und die positiven Auswirkungen von Umweltschutzmaßnahmen.

Doch auch geopolitische Gründe sind für den fortdauernden Verfall der Erdölpreise verantwortlich. So unternimmt Saudi-Arabien, einer der weltgrößten Ölproduzenten, nichts, um die Talfahrt auszubremsen. Vielmehr soll der saudische Ölminister Ali Al-Naimi erklärt haben, keinen Anlass für eine Drosselung der Produktion zu sehen. Diese Äußerung hat der Verschwörungstheorie Auftrieb gegeben, dass Saudi-Arabien mit den USA eine Absprache getroffen habe, um die US-amerikanischen Erzfeinde Russland, Iran und Venezuela in die Knie zu zwingen.

Nigeria am stärksten betroffen

Nicht nur Saudi-Arabien, auch andere Länder der Region wie der Irak, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Katar und Oman bekommen den Niedergang der Erdölpreise zu spüren. Doch werden sie die Krise aufgrund ihrer Währungsreserven in Höhe von mehr als 1,5 Billionen Dollar Experten zufolge spielend überleben.

Anders die afrikanischen Länder, die ohnehin schon mit Armut, Nahrungsmittelengpässen, HIV/AIDS und seit kurzem mit Ebola geschlagen sind. Am stärksten ist Nigeria, die größte Volkswirtschaft des Kontinents, betroffen. Das Land verdankt dem eigenen Erdölreichtum nach Schätzungen des 'Wall Street Journal' rund 80 Prozent seiner Einnahmen. Seit dem Niedergang der Erdölpreise hat die Landeswährung Naira 15 Prozent ihres Wertes eingebüßt.

Shenggen Fan, Generaldirektor des 'International Food Policy Research Institute' (IFPRI), sieht in der derzeitigen Ölkrise allerdings nicht nur einen Fluch. Immer dann, wenn die Erdölpreise sinken, gehen auch die landwirtschaftlichen Produktionskosten zurück, was sich wiederum positiv auf Nahrungsmittelpreise auswirkt. "Der derzeitige Trend ist also gut für die globale Ernährung."

Gleichzeitig jedoch geht der Verfall der Erdölpreise mit herben Einnahmeverlusten einher. Gerade für die erdölexportierenden Länder Afrikas sei dies eine schmerzhafte Erfahrung, so Fan. Seine Empfehlung: "In Zeiten, in denen die Erdölpreise hoch sind, sollten die Staaten einen Teil ihrer Erdöleinnahmen zur Förderung des Produktivsektors verwenden und Rücklagen bilden. Sind die Erdölpreise hingegen niedrig, sind die Länder gut beraten, mit den angesparten Rücklagen soziale Auffangnetze zu finanzieren."

Wie vielversprechend die Wirtschaftsprojektionen für Afrika auch sein mögen, Akonor zufolge fehlt es der Region an starken ökonomischen Fundamenten. "Der hohe Schuldenüberhang und die Abhängigkeit von Rohstoff- und Mineralienexporten machen die afrikanischen Volkswirtschaften anfällig für Schocks und systemische Risiken."

Ein weiteres Problem sei der Mangel an Fachkräften, die ein nachhaltiges Wachstum erst möglich machten. "Auch fehlt es an einer wirksamen Umsetzung von Entwicklungsstrategien und Maßnahmen, die einen langfristigen strukturellen Übergang und genügend ausgebildetes Fachpersonal sicherstellen", so Akonor. Eine Möglichkeit, hier vorwärts zu kommen, sieht der Experte in der regionalen Zusammenarbeit.

Dem Professor zufolge muss sich der Kontinent auch dem Ausbau der Infrastruktur widmen. Nach Angaben der Afrikanischen Entwicklungsbank (AfDB) sind 34 Prozent der afrikanischen Straßen befestigt. In anderen Entwicklungsländern liegt der Anteil bei 50 Prozent. Lediglich 30 Prozent der Afrikaner haben Zugang zu Strom. Zwischen 70 und 90 Prozent sind es in anderen Staaten des Südens.

Strukturwandel dringend erforderlich

Akonor vermisst bei politischen Entscheidungsträgern und bei der Bevölkerung gleichermaßen die Entschlossenheit, entwicklungsbezogene Ideen umzusetzen. Afrika habe ein Jahrhundert lang viele Programme und Projekte entwickelt, ohne dass dies messbare Ergebnisse nach sich gezogen hätte.

"Es ist nicht so, dass es an ehrgeizigen Entwicklungszielen mangelt, vielmehr fehlt es an dem politischen Willen und an der nötigen Konsistenz, Koordination und Kohärenz auf subregionaler, regionaler und globaler Ebene, um den dringend erforderlichen Strukturwandel herbeizuführen", fügt er hinzu. Afrika müsse den eigenen Erzeugnissen endlich einen höheren Mehrwert verschaffen und die Produktpalette diversifizieren.

Fan zufolge ist es wichtig, dass die Preise für Nahrungsmittel inklusive der Rohstoffe, die für die Nahrungsmittel verwendet werden, die tatsächlichen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Kosten widerspiegeln. Nur auf diese Weise könne sämtlichen Akteuren, die an der Nahrungsmittelproduktion beteiligt seien, die richtige Botschaft vermittelt werden.

"Sollte dies zu einem Anstieg der Nahrungsmittelpreise führen, müssen die sozialen Sicherheitsnetze greifen, um den armen Menschen Afrikas kurzfristig unter die Arme zu greifen und ihnen dabei zu helfen, dass sie sich auf lange Sicht für produktivere Aktivitäten qualifizieren. Erst dann lässt sich Ernährungssicherheit gewährleisten." (afr/IPS)

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