Afrika/Nahost: Wasser als Waffe

Zunehmender Einsatz in Kriegen und Konflikten

Von Thalif Deen | 28.05.2014

New York. Die Bemühungen der Vereinten Nationen um den Zugang zu sauberem Wasser in den Entwicklungsländern werden durch ein immer weiter um sich greifendes Phänomen gefährdet: den Einsatz von Wasser als Waffe in Kriegen und Konflikten. Die jüngsten Beispiele dafür finden sich in Nahost und Afrika.

Ob im Irak, in Ägypten oder in den von Israel besetzten Palästinensergebieten – dort wurden oder werden ganze Bevölkerungsgruppen gezielt von der Wasserversorgung abgeschnitten. In diesem Monat sorgten bewaffnete Gruppen dafür, dass die syrische Stadt Aleppo acht Tage lang wasserlos blieb. Menschen den Zugang zu sauberem Wasser zu versperren, bedeute die Verweigung eines fundamentalen Menschenrechtes und einen Verstoß gegen internationale humanitäre und Menschenrechte, erklärte dazu UN-Generalsekretär Ban Ki-moon.

In dem mittlerweile vierjährigen syrischen Bürgerkrieg wird Wasser von allen Konfliktparteien als Waffe eingesetzt: von der Regierung des Staatspräsidenten Baschar al-Assad ebenso wie von den unterschiedlichen Rebellengruppen, die ihn entmachten wollen. Der bewaffnete Konflikt hat bereits mehr als 150.000 Menschen das Leben gekostet. Fast neun Millionen Syrer sind auf der Flucht. Die in Syrien begangenen Verbrechen beinhalten unter anderem Folter und den Entzug von Wasser und Nahrungsmitteln.

Wie Maude Barlow, Vertreterin der beiden Organisationen 'Council of Canadians' und 'Food and Water Watch', gegenüber IPS erklärte, hat die Verwendung von Wasser als Kriegswaffe Tradition. Sie erinnerte an die Strategie im Verlauf des iranisch-irakischen Krieges, die mesopotamischen Marschen auszutrocknen. In den 1990er Jahren habe der damalige irakische Präsident Saddam Hussein diesen Kurs fortgeführt, um es den Schiiten heimzuzahlen, die sich dort versteckt hielten, und gegen die Marscharaber, auch Ma'dan genannt, die ihnen Unterschlupf gewährten.

Durstrevolten

Die Wasserprivatisierung in Ägypten und die Verschwendung der Ressource durch die Reichen seien wichtige Faktoren für den Anbruch des Arabischen Frühlings gewesen, meinte Barlow, die 2008/2009 den damaligen Präsidenten der UN-Vollversammlung in Wasserfragen beraten hatte. Nachdem man tausenden Menschen den Wasserzugang versperrt habe, sei es zu "Durstrevolten" gekommen, die später mit zur Revolution beitrugen.

Was den Nahostkonflikt angeht, hätten es vier Jahrzehnte israelischer Besatzung unmöglich gemacht, eine Wasserinfrastruktur im Gazastreifen aufzubauen oder zu erhalten. Die Folge sei eine Verseuchung des Trinkwassers mit vielen Todesopfern gewesen, sagte sie.

Barlow zufolge setzt auch Botswana Wasser als Waffe ein. Sie richtet sich gegen die Kalahari-Buschleute, um sie aus der diamantenreichen Wüste zu vertreiben. 2002 habe die Regierung ihr größtes Bohrloch versiegelt. Erst 2011 wurde die fatale Entscheidung von einem Berufungsgericht in letzter Instanz als gesetzeswidrig verurteilt.

Im Zusammenhang mit dem Syrien-Konflikt protestierten Anand Grover und Catarina de Albuquerque, zwei UN-Wasser- und Sanitärexperten, gegen die gezielten Eingriffe in die Wasserversorgung. Sie berichteten, dass es in Aleppo seit Mai 2014 immer wieder zu Unterbrechungen gekommen sei, vom 10. bis 18. Mai durchgehend. Dadurch sei die Wasser- und Sanitärversorgung von rund einer Million Menschen zusammengebrochen.

Barlow erklärte gegenüber IPS, dass die Regierung von Staatspräsident Baschar al-Assad schon vorher Wasser als Medium verwendet habe, um Feinde abzustrafen und Freunde zu belohnen. Im Jahr 2000 deregulierte das Regime den Landbesitz und schusterte mächtigen Verbündeten riesige Areale zu. Dies führte dazu, dass der Wasserspiegel sank und fast eine Million Bauern und Hirten von ihrem Land vertrieben wurden. Viele seien nach Aleppo gezogen, wo sie nun erneut mit Wassermangel konfrontiert würden.

Klassenkampf um Wasser

Wie sie weiter erklärte, kommt Wasser auch als Waffe im "Klassenkampf" zum Einsatz. So sahen sich viele Bewohner der US-amerikanischen Städte Detroit und Michigan nicht mehr in der Lage, ihre Wassergebühren zu bezahlen. Ihnen wurde deshalb der Hahn abgedreht. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich derzeit in Spanien, Griechenland und Bulgarien im Zuge der harten Sparprogramme, die diesen Ländern von der EU auferlegt wurden.

"Wasser ist für Regierungen eine starke Waffe, und die Vereinten Nationen müssen das Menschenrecht auf Wasser und Sanitärversorgung unabhängig von anderen Konflikten auf der Welt durchsetzen", so Barlow.

Dem gegenüber konnten sich seit 1990 fast zwei Milliarden Menschen Zugang zu einer verbesserten Sanitärversorgung und 2,3 Milliarden Zugang zu sichereren Wasserquellen verschaffen, wie aus einem in der dritten Maiwoche veröffentlichten Bericht des Weltkinderhilfswerks UNICEF und der Weltgesundheitsorganisation WHO hervorgeht. Danach beziehen etwa 1,6 Milliarden dieser Menschen ihr Wasser inzwischen aus Hähnen im Haus oder auf ihren Grundstücken.

Dem Report zufolge lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung derzeit in Städten, die mit besseren Wasser- und Sanitär-Infrastrukturen ausgestattet seien als die Dörfer. Doch die Kluft wird kleiner. Hatten 1990 mehr als 76 Prozent der Städter und nur 28 Prozent der Landbewohner Zugang zu einer verbesserten Sanitärversorgung, waren es 2012 80 respektive 47 Prozent.

"Trotz dieser Fortschritte bestehen nach wie vor scharfe geographische, soziokulturelle und wirtschaftliche Ungleichheiten beim Zugang zu verbesserten Trinkwasser- und Sanitärfazilitäten", warnen die Autoren. (Ende)

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