Afrika: Libysche Waffen befeuern regionale Konflikte

Gewehre und Munition werden am Schwarzmarkt verkauft

Von Mel Frykberg | 11.09.2012

Tripolis. Nach dem Sturz des libyschen Diktators Muammar al Gaddafi strömen Kämpfer und Waffen in Massen in die Konfliktgebiete der Nachbarländer, wie Milizionäre und Regierungsvertreter in dem nordafrikanischen Staat berichten. Die nach wie vor schwer bewaffneten libyschen Milizen verkaufen demnach ihre Gewehre und Munition auf dem Schwarzmarkt.

Begehrt sind die lybischen Waffen bei ausländischen Kämpfern oder Waffenhändlern aus Drittstaaten, die sie wiederum an Konfliktparteien liefern. "Alle Milizen sind am Waffenverkauf beteiligt. In Libyen gibt es weder Gesetze noch eine funktionsfähige Regierung. Die staatlichen Sicherheitskräfte sind zu schwach, um die Lage unter Kontrolle zu halten. Viele Rebellen betrachten den Verkauf von Waffen daher als legal", sagt Ridwan, ein früheres Mitglied der Tripolis-Brigaden 'Suq Al Jumma Katiba'.

Viele Kämpfer seien nach dem Krieg gierig geworden und der Meinung, dass sie Anspruch auf eine Entschädigung für die Opfer hätten, die sie für das Land gebracht hätten, meint er. Sie fühlten sich von der Regierung im Stich gelassen.

"Auf dem Schwarzmarkt wird eine AK-47 für 1.000 libysche Dinar (umgerechnet etwa 800 US-Dollar) gehandelt. Ein auf einen Laster montierbares Flugabwehrgeschütz ist für 8.000 bis 10.000 Dinar zu haben. Die meisten Waffen werden zu den Grenzen geschmuggelt, vor allem in Richtung Türkei."

Libysche Islamisten kämpfen in Syrien gegen Assad

Militante Islamisten aus Libyen sollen inzwischen auch die Reihen der Freien Syrischen Armee (FSA) verstärken, die gegen die Truppen von Präsident Baschar Al Assad kämpfen. Die Präsenz von Islamisten in der Sahel-Zone im Norden Afrikas, an die Algerien, Burkina Faso, Mauretanien und Niger angrenzen, hat zur Destabilisierung der Region beigetragen.

Tuareg-Rebellen haben im Norden Malis ihren eigenen Staat, Azawad, ausgerufen. Dorthin drang auch die islamistische Gruppe 'Ansar Dine' vor, die eng mit dem Terrornetzwerk 'Al Qaeda im Islamischen Maghreb' (AQIM) zusammenarbeitet.

Inmitten der fortdauernden Gefechte in Mali, die offenbar durch libysche Waffen weiter angeheizt werden, sind mehrere Ausländer gekidnappt worden. Der malische Botschafter in Südafrika, Balladji Diakite, machte für die Entführung eines Südafrikaners schwer bewaffnete malische Schützen verantwortlich, die aus dem Bürgerkrieg in Libyen heimgekehrt seien, wo sie auf Seiten der Gaddafi-Getreuen gekämpft hätten.

Ähnlich äußert sich der Wissenschaftler David Zounmenou vom Afrikanischen Konfliktpräventionsprogramm am Institut für Sicherheitsstudien im südafrikanischen Pretoria. "Die Sahel-Zone ist voll von Waffen und zurückgekehrten malischen Kämpfern. Viele sind Tuaregs, die für Gaddafi im Einsatz waren und jetzt keinen Gönner mehr haben. Sie sind nicht nur mittellos, sondern fühlen sich an den Rand gedrängt und politisch einflusslos", sagt Zounmenou.

Die nigerianische Islamistengruppe 'Boko Haram', die gegen die Regierung und die Christen im Land kämpft, hat sich mit AQIM verbündet. Waffen, die aus Libyen fortgeschafft wurden, tauchten plötzlich in Nigeria auf, wie der dortige Verteidigungsminister Olusola Obada mitteilte.

Mokhtar Belmokhtar, einer der AQIM-Anführer, der in der südlichen Sahara und im Sahel-Gürtel aktiv ist, wurde kürzlich gesehen, wie er in Libyen Waffen erstand.

Nach Einschätzung von Ridwan fuhren nicht nur Al-Qaeda-Anhänger zum heimlichen Waffenerwerb nach Libyen, sondern auch syrische Mittelsmänner, die Masseneinkäufe tätigen wollten. Laut einem syrischen Freund von Ridwan werden Zivilisten in Syrien von ehemaligen libyschen Aufständischen im Kampf ausgebildet.

Der neueste Markt für libysche Waffen ist offensichtlich die ägyptische Halbinsel Sinai, wo sich die Sicherheitskräfte Gefechte mit Islamisten liefern, seit im August 16 Soldaten bei einem Überfall getötet wurden. Wie Medien berichteten, sind unter den Waffen auch SA-24-Boden-Luft-Raketen sowjetischen Typs.

Waffen von Libyen auf den ägyptischen Sinai geschafft

Ibrahim Al-Monaei, der kürzlich wegen Waffenschmuggels von Ägypten in den Gazastreifen festgenommen wurde, hatte dem Fernsehsender 'Al Arabiyah' berichtet, dass alle Waffen, die die Sinai-Halbinsel erreichten, inzwischen aus Libyen kämen.

Dschihadisten in Syrien werden unterdessen von möglicherweise mehreren Hundert früheren libyschen Rebellen unterstützt. Viele von ihnen kommen aus Gharyan, 80 Kilometer südlich von Tripolis. Diese Männer sollen sich der FSA angeschlossen haben, nachdem der Mufti von Gharyan, Sheikh Sadik Gharyan, die Libyer zum Beistand für ihre Brüder in Syrien aufgerufen habe.

Der Islamist Abdul Basset Abu Arghob, der früher als Erdölingenieur tätig gewesen war, befehligte während der Revolution die Gharyan-Brigaden. Danach habe er zunächst überlegt, in Syrien zu kämpfen, sagt er. Letztlich habe er sich aber dagegen entschieden, weil in Libyen noch so viel zu tun sei. "Viele meiner Kameraden sind jedoch nach Syrien gegangen, da wir überzeugt sind, dass der Krieg dort Teil des heiligen Dschihad gegen schlechte Regime in der Region ist", erklärt Arghob. "Als Muslime haben wir die Pflicht, unseren Brüdern zu helfen."

Einer der bekanntesten libyschen Kämpfer in Syrien ist Mahdi Al Harati, der einst an der Spitze der Revolutionären Brigaden in Tripolis stand. Diese gehörten zu den ersten libyschen Milizen, die im August 2011 nach Syrien kamen. Al Harati erklärte, dass der Sieg der Aufständischen in seinem Land und die Unterstützung internationaler Organisationen für Libyen ihn dazu ermutigt hätten, seine Erfahrungen an die syrischen Rebellen weiterzugeben. (afr/IPS)

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