Afrika: Kontinentaler Masterplan gegen Arbeitslosigkeit

Interview mit NEPAD-CEO Ibrahim Assane Mayaki

Von Kingsley Ighobor, Africa Renewal* | 06.03.2018

New York (AR/afr). In der Migrationsdebatte wird häufig gefordert, Arbeitsplätze und damit Perspektiven für die Menschen vor Ort zu schaffen. Die Neue Partnerschaft für Afrikas Entwicklung (NEPAD) hat nun einen Masterplan für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit vorgelegt.

Afrika braucht vor allem Arbeitsplätze für junge Menschen (Bild: The Light Writer 33, Shutterstock.com)

Kingsley Ighobor von der UN-Zeitschrift Africa Renewal mit NEPAD-Chef Ibrahim Assane Mayaki (66) über das Vorhaben gesprochen. Mayaki ist seit Februar 2010 CEO des Wirtschaftsentwicklungsprogramms der Afrikanischen Union (AU). Zwischen 1997 und 2000 war der promovierte Verwaltungswissenschaftler Premierminister seines Heimatlandes Niger. 

Die NEPAD hat kürzlich ihre Ausbildungs- und Beschäftigungsstrategie vorgestellt. Was genau sind die Ziele dieser Strategie?

Hauptziel der Ausbildungsstrategie ist es, eine gute Zusammenarbeit zwischen den Berufsbildungszentren und dem privaten Sektor zu ermöglichen. In der Vergangenheit haben die Regierungen in technische und berufliche Ausbildungszentren investiert, ohne mit dem privaten Sektor zu kooperieren. Das Resultat war, dass die Absolventen keine Jobs fanden.

Das neue Modell wird sicherstellen, dass dieses Manko behoben wird. Bei den beruflichen Ausbildungszentren, die in den letzten 20 Jahren vernachlässigt worden sind, wird eine Bestandsaufnahme über Kapazitäten, Grenzen und die Anpassungsfähigkeit an die Arbeitsmärkte vorgenommen. Außerdem werden jene Branchen ermittelt, in denen Absolventen Arbeitsplätze finden.

In Kooperation mit dem privaten Sektor wird dadurch eine bessere Bedarfsplanung sowie eine Beschäftigungsstrategie ermöglicht. Wir haben mit der Umsetzung bereits in einigen Ländern begonnen, darunter in Kamerun, Kenia und Nigeria.

Ist das eine kontinentale Initiative?

Absolut! Wir haben die Unterstützung der Afrikanischen Union. Die Idee besteht darin, den Austausch bewährter Praktiken zu ermöglichen und einen politischen Rahmen zu schaffen, der überall verbreitet werden kann.

Welche Resultate sind zu erwarten?

Das Ergebnis ist Beschäftigung. Das Programm kann keine massiven Beschäftigungseffekte garantieren. Aber es wird zumindest ein Instrument sein, das für Regierungen ein System zur Bewältigung der hohen Arbeitslosigkeit schafft. Wir wollen zeigen, dass es einen funktionierenden Mechanismus gibt.

Was kann Beschäftigung zur Behebung der sozialen Ungleichheit auf dem Kontinent beitragen?

Das ist eine gute Frage. Die Gleichung ist sehr einfach: Wenn 75 Prozent der Bevölkerung unter 25 Jahren sind und Sie eine Arbeitslosenquote von mehr als 25 Prozent haben, haben Sie de facto Ungleichheit. Ein großer Teil der Bevölkerung hat keine Mittel, um zu überleben.

Das Schlimmste an der Situation in Afrika ist, dass die Ungleichheit bereits besteht und der Großteil der Bevölkerung jung ist. Die Jugendlichen warten nicht darauf, dass die Ungleichheit mittel- oder langfristig gelöst wird - sie verlangen, dass sie jetzt behoben wird. Das setzt die politischen Entscheidungsträger unter Druck.

Und wenn wir nicht vorsichtig sind, können daraus Konflikte und politische Instabilität entstehen. Wir haben das in in Tunesien und Ägypten und indirekt auch in Mali und Burkina Faso erlebt.

Wie kommt die Initiative Frauen zugute?

Wenn wir von der Jugend sprechen, gehören dazu auch die jungen Frauen. Die meisten Kleinbauern in Afrika sind Frauen aus ländlichen Gebieten. Wenn wir also wollen, dass Kleinst-, Klein- und Mittelunternehmen der Motor für eine diversifizierte ländliche Wirtschaft sind, müssen wir die Rolle von Frauen als Unternehmerinnen stärken.

Im Programm für die Entwicklung der Infrastruktur in Afrika (PIDA) wurden bereits hunderte Projekte initiiert. Was ist der gegenwärtige Status dieser Projekte?

Ich werde es erklären. Bevor PIDA vor sechs Jahren zum kontinentalen Rahmenprogramm wurde, hatten die Regionalen Wirtschaftsgemeinschaften ihre eigenen Masterpläne. Diese Masterpläne waren aber nicht auf kontinentaler Ebene verknüpft.

In der Folge haben die Afrikanische Union und die Afrikanische Entwicklungsbank die Masterpläne kohärent gemacht und daraus den kontinentalen Plan PIDA entwickelt.

PIDA ist wie ein Korb, in dem sich 250 Projekte befinden. Diese Projekte müssen nach ihrem Reifegrad unterteilt werden - manche befinden sich in der Ideenphase, andere haben bereits Machbarkeitsstudien durchlaufen oder sind schon finanziert.

Implementieren Sie alle 250 Projekte?

Wir haben die 250 Projekte nach ihrer Prioriät gereiht und einen vorrangigen Aktionsplan ausgearbeitet, der aus 50 Projekten besteht. Mit diesen haben wir uns an die Privatwirtschaft gewendet, um die machbarsten Projekte zu erkennen. Aus diesen haben wir 16 identifiziert.

Darunter sind regionale Projekte, wie der Transportkorridor zwischen Lagos und Abidjan, die Stromleitung Sambia-Tansania-Kenia, die Autobahn Lagos-Algier, die Brücke zwischen Brazzaville und Kinshasa usw.

Jetzt stehen wir vor der Frage, wie wir diese Projekte finanzieren können. Das schaffen wir ohne den Privatsektor nicht. Vor zwei Jahren haben wir das "Continental Business Network" ins Leben gerufen, damit sich die Privatwirtschaft mit Staatschefs austauschen kann. Dabei stehen vor allem Fragen der Beteiligung und der regulatorischen Rahmenbedingungen im Vordergrund.

Sie sagen, dass die Finanzierung nicht das eigentliche Problem Afrikas ist. Stimmt das wirklich?

Ja. Um ein Qualitätsprojekt zu entwickeln und finanzierbar zu machen, benötigen Sie in erster Linie Ingenieure, Transport, Energie und andere. Die Realität ist, dass unsere Regionalen Wirtschaftsgemeinschaften nicht über diese Kapazitäten verfügen.

Zweitens: Wenn Sie Investoren zu grenzüberschreitenden Projekten bringen wollen, müssen Sie das Problem der regulatorischen Harmonisierung lösen. Wenn es beispielsweise in Togo ein Gesetz gibt und im benachbarten Benin ein anderes, werden Investoren nicht interessiert sein.

In diesem Zusammenhang unterstützt uns die Wirtschaftskommission für Afrika. Sie ist sehr weit gegangen, um ein Modellgesetz zu formulieren, das auf die Harmonisierung des Regulierungsrahmens abzielt. Dieses Gesetz wird dazu beitragen, private Investoren für grenzübergreifende Projekte zu gewinnen. Es ist ein Haus, an dem wir bauen.

Was tun Sie, um die Kapazitäten der Regionalen Wirtschaftsgemeinschaften zu stärken?

Die Kapazitäten sind unterschiedlich. Die Ostafrikanische Gemeinschaft hat eine starke Kapazität, ebenso die Wirtschaftsgemeinschaft der westafrikanischen Staaten und die Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrikas. Die Zentralafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft hat eine schwächere Kapazität. Aber überall dort, wo die Wirtschaftsgemeinschaft stark ist, wollen die Staatschefs eine starke Region. Sie glauben an die regionale Integration.

Gibt es eine Korrelation zwischen dem Ausmaß der regionalen Integration und dem Niveau der regionalen Entwicklung?

Absolut. Das Hauptziel einer Regionalen Wirtschaftsgemeinschaft ist ein starker regionaler Markt, der sich in einer guten Infrastruktur und einem erhöhten Warenverkehr niederschlägt.

Warum denken Sie, dass Investoren hauptsächlich auf die Rohstoffindustrie Afrikas abzielen?

Ich werde Ihnen indirekt antworten. Der frühere südafrikanische Präsident Thabo Mbeki hat in seinem Bericht über illegale Finanzflüsse erklärt, dass jährlich bis zu 50 Milliarden US-Dollar aus Afrika abfließen. 75 Prozent davon entfallen auf internationale Konzerne, die keine Steuern zahlen. Wer sind diese Konzerne? Sie arbeiten vor allem im Bergbausektor. Da haben Sie Ihre Antwort.

Haben Sie eine Lösung gegen die illegalen Finanzflüsse?

Die Lösung besteht darin, die Regierungsführung und unsere Steuersysteme zu stärken.

Aber auch Afrikaner kollaborieren mit diesen Unternehmen.

Es braucht zwei, um korrupt zu sein. Korruption existiert zwar, sie ist aber der Steuerhinterziehung weit unterlegen.

Wie sehen Sie die Entwicklung Afrikas in den nächsten zehn Jahren?

Afrika macht Fortschritte, aber nicht überall. Der beste Weg, die Ungleichheit zu beheben, ist die Schaffung von Arbeitsplätzen. Der beste Weg zur Schaffung von Arbeitsplätzen besteht in der Schöpfung arbeitsintensiver Industrien. Der landwirtschaftliche Wandel ist dabei von grundlegender Bedeutung.

Ist Afrika ein hoffnungsloser oder aufstrebender Kontinent?

Ich habe nie etwas von den Phrasen "hoffnungslos" oder "aufstrebend" gehalten. Die Losung "Africa is rising" wurde hauptsächlich von großen Beratungsfirmen propagiert, die Kunden für den Kontinent gewinnen wollten. Aber selbst eine hohe Wachstumsrate hat keine Arbeitsplätze geschaffen. Heute würde ich sagen, dass Afrika "lernt". (Ende)

*Kingsley Ighobor ist Mitarbeiter unseres Partnermagazins Africa Renewal der Vereinten Nationen. Dieser Beitrag ist erstmals in Ausgabe 1/2018 erschienen.

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