Afrika: Kontinentale Freihandelszone kommt in die Spur

Widerstand aus Nigeria gegen das Abkommen bleibt aufrecht

Von Kingsley Ighobor, Africa Renewal* | 12.09.2018

New York (AR/afr). Der Choithrams-Supermarkt in Freetown, Sierra Leone, ist voll von importierten Produkten: In den Regalen stapeln sich Schokolade aus der Schweiz, Milch und Toilettenpapier aus Holland, Zucker aus Frankreich, Streichhölzer aus Schweden und Zahnstocher aus China.

In Ruandas Hauptstadt Kigali wurde das afrikanische Freihandelsabkommen AfCFTA am 21. März 2018 unterzeichnet. (Bild: Shutterstock.com)

Etliche dieser Produkte werden auch in afrikanischen Ländern wie Ghana, Marokko, Nigeria oder Südafrika produziert. Warum also kaufen Handelsunternehmen wie Choithrams woanders? Die Antwort: Das komplizierte Flickwerk aus Handelsregeln und Zöllen auf dem Kontinent ist zeitaufwändig und teuer.

Mit dem Afrikanischen Kontinentalen Freihandelsabkommen (AfCFTA), das im März 2018 von 44 afrikanischen Ländern in Kigali, Ruanda, unterzeichnet wurde, soll der innerafrikanische Handel in Zukunft großteils zollfrei ablaufen. Im Juni 2018 sind fünf weitere Staaten dem Abkommen beigetreten, darunter auch Südafrika.

Das erklärte Ziel lautet, dass alle afrikanischen Länder dem Freihandelsabkommen beitreten. Mit 55 Mitgliedsstaaten, 1,2 Milliarden Menschen und einem kombinierten BIP von 2,5 Billionen US-Dollar könnte dann der größte Binnenmarkt der Welt entstehen. Die Wirtschaftsmission der Vereinten Nationen für Afrika (ECA) rechnet vor, dass durch das AfCFTA der innerafrikanische Handel bis zum Jahr 2020 um 52,3 Prozent steigen würde.

"Made in Africa" soll günstiger werden

Doch noch ist es nicht soweit: Das Abkommen kann aber erst in Kraft treten, wenn mindestens 22 Länder der Länder entsprechende Ratifzierungsinstrumente hinterlegen. Bis Juli 2018 waren das aber nur sechs Staaten, nämlich Ruanda, Kenia, Ghana, Niger, Tschad und eSwatini (ehemals Swasiland).

Durch die Ratifizierung verpflichten sich die Staaten, die Zölle für mindestens 90 Prozent der produzierten Waren zu streichen. Durch die Zollfreiheit sollen einheimische Unternehmen gestärkt werden, die Industrialisierung beschleunigt und eine Vielzahl neuer Arbeitsplätze geschaffen werden.

Ökonomen glauben, dass der zollfreie Zugang afrikanische Hersteller ermächtigt, Skaleneffekte zu nutzen. Der Anstieg der Nachfrage wird zu führt zu einer Produktionssteigerung, wodurch die Stückkosten gesenkt werden. Konsumenten müssten also in Zukunft weniger für Produkte "made in Africa" bezahlen.

 Mehr Arbeitsplätze und Perspektiven für Jugendliche

"Wir wollen in Afrika durch den innerafrikanischen Handel mehr industrielle und wertschöpfende Arbeitsplätze schaffen", sagt Mukhisa Kituyi, Generalsekretär der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD). Vera Songwe, Exekutivsekretärin der ECA, ergänzt: "Die arbeitsintensiven Exporte aus dem verarbeitenden Gewerbe oder der landwirtschaftlichen Produktion würden davon mehr profitieren als die kapitalintensiven Rohstoffe und Mineralien, die Afrika eher exportiert."

Songwe ist überzeugt, dass durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze für Jugendliche neue Perspektiven entstehen würden. Darüber hinaus würde auch die Rolle von Frauen gestärkt, die bereits jetzt für 70 Prozent des informellen grenzüberschreitenden Handels sorgen. Vereinfachte Handelsregelungen und reduzierte Einfuhrzölle würden vor allem kleine Händler entlasten.

Wirtschaftstreibende zeigen sich hinsichtlich der potenziellen Vorteile des Freihandelsabkommens vorsichtig optimistisch. "Ich träume von dem Tag, an dem ich über Grenzen reisen kann, von Accra nach Lomé oder Abidjan, und lokal hergestellte Waren kaufe und sie ohne Schwierigkeiten an den Grenzen nach Accra bringe", meint Iso Paelay, der das Einkaufszentrum "Place Entertainment Complex" in Accra leitet. "Im Moment finde ich es aber noch einfacher, Waren wie Toilettenartikel, Kochutensilien und Nahrungsmittel aus China oder Europa zu importieren als aus Südafrika, Nigeria oder Marokko", fügt Paelay hinzu.

Gegenwind aus Nigeria

Ausgerechnet die größte Volkswirtschaft des Kontinents, Nigeria, ist dem Abkommen bislang nicht beigetreten. Die Regierung kündigte an, dass sie sich noch weitere Beratungsgespräche mit einheimischen Herstellern und Gewerkschaften führen müsse.

Nigerianische Gewerkschaften haben eindringlich davor gewarnt, dass durch das AfCFTA billige Importgüter den heimischen Markt überschwemmen könnten. Dadurch würde die industrielle Entwicklung des Landes gefährdet. Der Dachverband der Gewerkschaften, der "Nigeria Labour Congress", bezeichnete die AfCFTA sogar als "radikale neoliberale politische Initiative, die zu einer ungezügelten Einmischung von außen" führen könne.

Während sich die ehemaligen Staatspräsidenten Olusegun Obasanjo und Yakubu Gowon für einen Beitritt Nigerias zu Freihandelsabkommen stark machen, verteidigt Amtsinhaber Muhammadu Buhari die protektionistische Haltung seiner Regierung: "Unsere Industrien können nicht mit den effizienteren und hochtechnologisch angetriebenen Industrien in Europa konkurrieren."

Überwindung von regionalen Interessen

Ein weiteres Ziel des Freihandelsabkommen AfCFTA ist es, die bestehenden Überschneidungen zwischen den zahlreichen regionalen Wirtschaftsgemeinschaften zu beseitigen. Die Afrikanische Union hat acht regionale Wirtschaftsgemeinschaften anerkannt, das ostafrikanische Kenia ist Mitglied in der Hälfte davon. Durch die unterschiedlichen Interessen der einzelnen Wirtschaftsblöcke wird die regionale Integration gehemmt.

Viele Unternehmer beklagen die Unfähigkeit der regionalen Wirtschaftsgemeinschaften zur Schaffung von Infrastrukturprojekten, die den grenzüberschreitenden Handel unterstützen würden. Diese Auffassung teilt auch Ibrahim Mayaki, Geschäftsführer des wirtschaftlichen Entwicklungsprogramms Neue Partnerschaft für die Entwicklung Afrikas (NEPAD).

Für Mayaki ist die Entwicklung der Infrastruktur eine Grundvoraussetzung für ein Stärkung des innerafrikanischen Handels. Das NEPAD-Programm für die Infrastrukturentwicklung in Afrika ist ein ehrgeiziger Plan: 20 Projekte mit hoher Priorität befinden sich in Bau oder wurden bereits abgeschlossen. Zu diesen Projekten zählen etwa der Trans-Sahara-Highway zwischen Algier und Lagos, der Transportkorridor von Lagos nach Abidjan, die Stromleitung Sambia-Tansania-Kenia und die Brücke zwischen Brazzaville und Kinshasa.

Kritiker befürchten, dass die Umsetzung des Freihandelsabkommens am politischen Willen scheitern könnte. Moussa Faki Mahamat, Kommissionsvorsitzender der Afrikanischen Union, betrachtet die Schaffung der Freihandelszone aber als alternativlos. "Wir müssen den erforderlichen politischen Willen für die afrikanische kontinentale Freihandelszone aufbringen, damit sie endlich Realität wird." (Ende)

*Kingsley Ighobor ist Mitarbeiter unseres Partnermagazins Africa Renewal der Vereinten Nationen. Der englischsprachige Originalbeitrag ist erstmals in Ausgabe August-November 2018 (*.pdf) erschienen.

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