Afrika: Keine Toleranz für Schwule und Lesben

Aktivisten berichten von brutalen Übergriffen

Von Joel Jaeger | 22.09.2014

New York. Die 18-jährige Gift Makau hatte an ihrem Wohnort in der südafrikanischen Nordwestprovinz Fußball gespielt und bei Wettkämpfen als Schiedsrichterin fungiert. Das sei nie ein Problem gewesen, meint ein Cousin. Am 15. August wurde sie von ihrer Mutter in einer Seitenstraße ermordet aufgefunden. Zuvor war die junge Frau vergewaltigt und gefoltert worden.

Wie Shehnilla Mohamed, Afrika-Direktorin der Internationalen Kommission der Menschenrechte von Schwulen und Lesben (IGHLRC), berichtet, gehört Gift Makau zu den Opfern so genannter 'korrigierender Vergewaltigungen' von Angehörigen sexueller Minderheiten. "Das sind Versuche der Gesellschaft, Personen zu bestrafen, die außerhalb der Norm leben."

In den vergangenen zehn Jahren sind Mohamed zufolge in Südafrika 31 solcher Verbrechen an Lesben mit tödlichem Ausgang bekannt geworden. Die Hilfsorganisation 'Luleki Sizwe' geht davon aus, dass allein in Kapstadt jede Woche etwa zehn lesbische Frauen von Gruppen von Männern vergewaltigt werden. Auch Transsexuelle, Schwule und feminin wirkende Männer gehören zu den Opfern, kommen aber häufiger mit dem Leben davon. Selten kommt es zu einer Anzeige.

Dabei ist Südafrika das einzige Land des Kontinents, das Ehen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern gestattet. Wie ergeht es dann erst Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen (LGBT) in anderen afrikanischen Staaten?

"Schlimmer als jeder Horrorfilm"

"Die Brutalität, mit der Lesben und Homosexuelle in Teilen Afrikas konfrontiert sind, liegt außerhalb jeglicher Vorstellungskraft", sagt Mohamed. "Sie ist schlimmer als die im schlimmsten Horrorfilm."

Laut IGLHRC gelten in mehr als zwei Dritteln der afrikanischen Länder Gesetze, die homosexuelle Handlungen unter Strafe stellen. "Das Bild, das sich bietet, ist insgesamt recht düster", meint Graeme Reid, Leiter des LGBT-Programms der Menschenrechtsorganisation 'Human Rights Watch'. In Afrika sei eine Intensivierung der politischen Instrumentalisierung von Homophobie zu beobachten.

Nigeria und Uganda kamen Anfang des Jahres in die Schlagzeilen, als in beiden Ländern schwulenfeindliche Gesetze in Kraft traten. Homosexuellen und denjenigen, die Schwule nicht anzeigen, drohen demnach hohe Haftstrafen. Am 1. August erklärte der Oberste Gerichtshof von Uganda das Gesetz allerdings aus verfahrenstechnischen Gründen für verfassungswidrig. Shehnilla Mohamed fürchtet jedoch, dass es wieder auf den Tisch kommt, sobald die Aufmerksamkeit des Auslands nachgelassen haben wird.

Afrikanische Staats- und Regierungschefs, die lange im Amt bleiben wollten, versuchen seit geraumer Zeit, Ressentiments gegen Homosexuelle zu schüren. "Homophobie dient der Ablenkung von wirklich substanziellen wirtschaftlichen und politischen Problemen", sagt Graeme Reid.

Der sambische Aktivist Chalwe Mwansa berichtet, dass Politiker in seinem Land Homosexualität mit Pädophilie und Inzest gleichsetzten und die Öffentlichkeit mit Sensationsgeschichten gegen die LGBT aufstachelten. Diese Strategie lenke von Arbeitslosigkeit, Armut, Gesundheits- und Bildungsdefiziten ab, sagt er.

Manche Spitzenpolitiker vertreten zudem öffentlich die Meinung, dass Homosexualität "unafrikanisch" und aus dem Westen importiert worden sei. "Homosexualität existiert in vielen afrikanischen Kulturen und ist dort weitgehend akzeptiert worden", betont hingegen Mohamed. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften hätten erst nach der Kolonisierung und der Einführung westlicher Religionen eine negative Bedeutung erhalten.

In einer feindlichen Umgebung stehen für Schwule, Lesben und Transsexuelle so gut wie keine Anlaufstellen bereit, wo sie Schutz finden könnten. Und für Vergewaltigungsopfer ist eine Polizeiwache nicht unbedingt ein Ort, Hilfe zu erfahren.

Mohamed sprach kürzlich mit einem transsexuellen Südafrikaner, der in einem Hauseingang von einer Gruppe Männer belästigt worden war, die ihn für eine Frau hielten. Als sie merkten, dass sie es mit einem Mann zu tun hatten, vergewaltigten sie ihn und misshandelten ihn schwer. Später wurde festgestellt, dass das Opfer mit dem HI-Virus infiziert worden war.

Schweigen aus Angst

In Südafrika sind Vergewaltigungsopfer aufgefordert, Anzeige bei der Polizei zu erstatten. Sie erhalten ein Medikament zur Prophylaxe, mit dem sie binnen 72 Stunden die Ansteckungsrisiken verringern können. Der vergewaltigte Südafrikaner machte jedoch aus Angst, nicht ernst genommen zu werden, von dem Angebot keinen Gebrauch.

In Ländern wie Nigeria ist die Lage sogar noch gravierender. Michael Ighodaro, ein IGLHRC-Mitglied, berichtete, dass nach Inkrafttreten eines Anti-Schwulen-Gesetzes im Januar etwa 90 Prozent der homosexuellen Männer, die medizinisch behandelt würden, aus Furcht vor Festnahmen nicht mehr in die Krankenhäuser gingen.

Selbst in ihren Familien haben Homosexuelle und Lesben in Afrika schwer zu kämpfen. In der Gesellschaft stoßen die gegen sie gerichteten Gesetze weitgehend auf Zustimmung. Deshalb wagen es Angehörige sexueller Minderheiten oftmals nicht, ihren eigenen Verwandten reinen Wein einzuschenken.

Schwierig ist die Situation auch in Kenia, wie Njeri Gateru von der Nationalen Menschenrechtskommission für Schwule und Lesben erklärt. In der Gesellschaft würden sie zwar nicht offen verfolgt, wenn sie sich anscheinend an die Normen anpassen. "Problematisch wird es aber dann, wenn es zu Straßenaufmärschen kommt oder ein Artikel in den Medien erscheint."

Bei der Nichtakzeptanz von Gruppen, die sich nicht den gängigen Geschlechtermodellen anpassen, spielt auch die Religion eine wichtige Rolle. "Selbst hochgebildete Menschen mit Studienabschluss sagen 'Gott gefällt das nicht'", so Mohamed.

Gateru kritisiert, dass die Kirchen zwar ihre Türen für Schwule und Lesben öffneten, dies aber häufig aus fadenscheinigen Gründen täten. "Jesus kam zu den Sündern, nicht zu den Rechtschaffenen", habe vor etwa einem Jahr eine Gruppe evangelischer Geistlicher in Kenia erklärt, als sie ankündigten, Schwule und Lesben nicht mehr von ihren Kirchen fernhalten zu wollen. "Doch die Kirchen heißen uns willkommen, weil sie uns ändern wollen. Das ist aber nicht in unserem Sinne", so Gateru.

Hilfe von Erzbischof Tutu

Der südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu hat wiederholt die Diskriminierung gegen LGBT angeprangert und die neuen Gesetze gegen Homosexuelle verurteilt. Aktivisten begrüßen die Unterstützung durch prominente Religionsführer wie Tutu. Im kommenden Februar planen sie eine Konferenz, bei der Pastoren, Imame und Rabbis gemeinsam über LGBT und Religion in Afrika diskutieren sollen.

Während des USA-Afrika-Gipfels im August in Washington hatte IGLHRC die US-Regierung aufgerufen, die afrikanischen Staaten für ihr Vorgehen gegen Schwule zur Verantwortung zu ziehen.

Mohamed mutmaßt, dass die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs, das umstrittene Anti-Schwulen-Gesetz kurz vor Beginn des Gipfels in Washington zu erklären, ein PR-Coup des ugandischen Präsidenten Yoweri Museveni gewesen sie, um sich auf diese Weise einen positiven Empfang im Weißen Haus zu sichern. (afr/IPS)

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