Afrika: Junge Wissenschaftler kämpfen gegen den Brain Drain

In den USA arbeiten mehr afrikanische Ingenieure als in Afrika selbst

Von Busani Bafana | 12.05.2016

Dakar. In Ägypten hat Sherien Elagroudy ein Verfahren entwickelt, um Abfälle in feste Brennstoffe zu verwandeln. Axel Ngonga Ngomo aus Kamerun beschäftigt sich mit dem Nutzen von Big Data für Biomedizin, Bildung und Landwirtschaft. Und die Ärztin Tolu Oni aus Nigeria arbeitet in Südafrika an einem ganzheitlichen Ansatz für eine bessere Gesundheit in den rasant wachsenden afrikanischen Städten.

Die 'Garbage City' im Stadtteil Manschiyyet Nasser von Kairo: Die Wissenschafterin Sherien Elagroudy hat ein Verfahren entwickelt, um aus Abfälle feste Brennstoffe zu machen (Bild: Direct Relief/Flickr, CC BY-NC-ND 2.0).

Elagroudy, Ngonga Ngomo und Oni zählen zu den Hoffnungsträgern der neuen Generation von afrikanischen Forschern. Überall auf dem Kontinent arbeiten junge Wissenschaftler an intelligenten Lösungen, die Afrika in wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Hinsicht positiv verändern könnten.

"Afrika steht vor riesigen Problemen", sagt Sherien Elagroudy. "Dazu zählen unter anderem die Nahrungsmittelunsicherheit, die Wasserknappheit, der Klimawandel und das schlechte Abfallsystem. Die Wissenschaft kann Lösungen für diese Probleme entwickeln – wenn wir in sie investieren."

Gerade in ihrem eigenen Bereich sieht sie großen Handlungsbedarf. Afrikas Städte produzieren 62 Millionen Tonnen Müll pro Jahr. Mit 53 Prozent hat dieser Abfall den höchsten Anteil an organischen Stoffen von allen Kontinenten. Im Klartext: Jährlich werden also 33 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen.

Afrikanische Lösungen gefragt

"Ein Problem für Forschung und Entwicklung in Afrika ist, dass die Prioritäten außerhalb des Kontinents gesetzt werden ohne die eigentlichen Bedürfnisse des Kontinents zu berücksichtigen", sagt Elagroudy. "Wir müssen sicherstellen, dass die Finanzierung von internationalen Partnern die Finanzierung von Regierungen ergänzt. Nur so kann gewährleistet werden, dass sich die Forschung tatsächlich auch um die dringlichsten Bedürfnisse kümmert."

Viele der klugen Köpfe bleiben allerdings nicht in Afrika sondern gehen ins Ausland. Durch die Migration von Wissenschaftlern wird das wirtschaftliche Wachstum des Kontinents negativ beeinflusst. Dabei haben afrikanische Länder vor allem ein Problem mit Nachwuchs aus den sogenannten MINT-Fächern, also Mathematik, Information, Naturwissenschaft und Technik. Das Next Einstein Forum (NEF) hat errechnet, dass Afrika alleine in diesem Bereich pro Jahr vier Milliarden US-Dollar für die Leistungen ausländischer Wissenschaftler bezahlt.

Thierry Zomahoun ist Gründer und Vorsitzender des Next Einstein Forums (NEF), das im Jahr 2013 vom African Institute for Mathematical Sciences (AIMS) in Partnerschaft mit der deutschen Robert Bosch Stiftung ins Leben gerufen wurde. Er sagt, dass die meisten Industrie- und Schwellenländern von den Anwendungen der mathematischen Wissenschaften abhängig sind.

"Aber was ist mit Afrika?", fragt Zomahoun. "Wenn nicht alle Stakeholder – inklusive dem öffentlichen und dem privaten Sektor – an einem Strang ziehen und drastische Schritte setzen, könnte Afrikas wirtschaftlicher Aufschwung zum Stillstand kommen. Afrika darf nicht nur Technologie konsumieren sondern muss eigenes Wissen aufbauen und weiterentwickeln."

Das NEF wurde gegründet, um private Investments für die Ausbildung in MINT-Fächern, Forschungsinfrastruktur und Entwicklung zu ermöglichen. Außerdem müsse Afrika seine Systeme für die höhere Bildung revitalisieren, damit kritische Denker und Problemlöser hervorkämen, fordert Zomahoun.

Afrikanische Länder mit geringer Forschungsquote

Bereits im Jahr 2007 haben die Mitgliedsstaaten der Afrikanischen Union (AU) versprochen, bis ins Jahr 2020 ein Prozent des BIP für Forschung und Entwicklung ausgeben zu wollen. Im Augenblick gibt es kein einziges afrikanisches Land, das dieses Vorhaben bereits erfüllt. Im Vergleich dazu geben High-Tech-Nationen wie z. B. Israel und Südkorea mit einem BIP-Anteil von drei bzw. fünf Prozent bedeutend mehr Geld für diese Bereiche aus.

"Der Output von afrikanischen Universitäten lässt den Rückschluss zu, dass definitiv etwas falsch läuft", sagt der Axel Ngonga Ngomo, der an der Universität Leipzig arbeitet. "Entweder wir investieren nicht genug oder setzen die Investments falsch ein. Ich glaube, wir brauchen Exzellenzzentren, die vielversprechenden Wissenschaftlern die Möglichkeit geben, an innovativen Forschungsfragen zu arbeiten. Außerdem sollten dort bekannte Wissenschaftler ihr Wissen und ihre Errungenschaften teilen."

Der Brain Drain aus Afrika nimmt in der Zwischenzeit enorme Ausmaße an. Alleine in den Vereinigten Staaten arbeiten heute mehr afrikanische Ingenieure als auf dem gesamten afrikanischen Kontinent. Der Massenexodus von Wissenschaftlern war das Kernthema des NEF Global Gathering, das im März in Dakar über die Bühne ging. 700 Mathematiker und Wissenschaftler aus 80 Ländern nahmen an der Konferenz teil.

Das Sekretariat des NEF befindet sich in der ruandischen Hauptstadt Kigali. Ruandas Präsident Paul Kagame wies bei seiner Rede vor dem NEF Global Gathering darauf hin, dass Afrika die ersten drei industriellen Revolutionen verpasst habe. Das dürfe nicht wieder passieren. "Wir müssen jetzt aufholen und dann das Tempo halten, damit Afrika nicht den Zug des technologischen Fortschritts verpasst." (afr/IPS)

| Tags: , , , , , , , , ,

icon Ihre Meinung?

blog comments powered by Disqus