Afrika: Hungerkatastrophe im Sahel abgewehrt

Nahrungsmittelunsicherheit hält aber weiterhin an

Von Carey L. Biron | 08.10.2012

Washington. Die Ernährungskrise in der afrikanischen Sahelzone wird nach Einschätzung des neuen UN-Koordinators für humanitäre Einsätze in der Region, David Gressly, zwar nicht das Ausmaß erreichen wie ursprünglich befürchtet. Dennoch müsse die internationale Staatengemeinschaft die betroffenen Länder langfristig vor der Hungergefahr wappnen.

Die hauptsächlich aus Dornsavannen bestehende semiaride Sahelzone verläuft entlang des südlichen Rands der Sahara durch die Länder Senegal, Mauretanien, Mali, Burkina Faso, Niger, Nigeria, Tschad, Sudan, Äthiopien und Eritrea. Nachdem sich mehrere Regierungen, insbesondere der Niger, um die Beseitigung grundlegender Missstände bemüht hatten und die Region stärker in den internationalen Fokus rückte, steigen die Aussichten für eine halbwegs gute Ernte in diesem Jahr.

Doch Gressly befürchtet, dass die chronische Hungergefahr durch die positiven Aussichten in Vergessenheit geraten und die chaotische Lage in Mali die internationale Aufmerksamkeit auf sich ziehen werde. "In der gesamten Sahelzone wird die Nahrungsmittelunsicherheit aber weiterhin anhalten. Wir wissen, dass in der Zukunft wieder eine Dürre geben wird", warnte der UN-Vertreter, der seit April im Amt ist.

"Wir haben die Wahl: Entweder lassen wir zu, dass die Probleme chronisch bleiben und wir wieder große Hilfspakete schnüren müssen. Oder aber wir werden sofort aktiv, um das menschliche Leid zu mildern und die Kosten für die Hilfe zu senken", erklärte der ehemalige UNICEF-Regionaldirektor für West- und Zentralafrika. "Dazu müssen die Länder und die Geber einen starken politischen Willen zeigen."

Eine Million Kinder unterernährt

Im vergangenen Jahr erlebte die Sahelzone eine katastrophale Dürre, die die Ernten vernichtete und das Vieh tötete. Nach wie vor hungern geschätzte 18 Millionen Familien. Etwa eine Million Kinder sind akut unterernährt.

Mit Blick auf eine drohende weitere Missernte in diesem Jahr hatte die Weltbank Ende August mitgeteilt, dass sich die Preise für Mais und Hirse in Teilen der Region einem Rekordniveau näherten. Relativ starke Regenfälle und massive internationale Hilfe führten aber dazu, dass sich die Lage entspannte.

Die von den Gebern zugesagten Hilfen haben mittlerweile die Marke von 1,6 Milliarden US-Dollar überschritten. Rund 350 Millionen Dollar kamen von den USA. Noch größer war die die Hilfe der Europäischen Union. Etwa 1,3 Milliarden Dollar flossen der Nahrungshilfe zu, der Rest ging an die vor dem Hunger geflohenen Menschen.

Wie Gressly kritisierte, haben die Hilfen jedoch nicht dazu beigetragen, die Bevölkerung auf künftige Krisen vorzubereiten. Selbst wenn in diesem Jahr die Ernte gut ausfallen wird, schweben in der Sahelzone weiterhin eine Viertelmillion Kinder in Lebensgefahr. Experten erkennen ein langfristiges strukturelles Problem darin, dass sich die Anfälligkeit der Region jederzeit zu einer größeren Krise auswachsen kann.

Um das von den Vereinten Nationen und anderen Akteuren begonnene Stabilitätsprogramm fortsetzen zu können, seien verlässliche Zusagen von Gebern für die nächsten fünf bis zehn Jahre unverzichtbar, so Gressly. Beobachter halten dies für unrealistisch, da die Geber im Zuge der Weltwirtschaftskrise ihre Hilfe weiter zurückfahren würden.

EU-Kommission stößt Hilfsinitiative an

Die größten Geber sind sich allerdings nach wie vor darüber einig, dass Stabilitätsprogramme in der Sahelzone notwendig sind. Die Europäische Kommission stellte im Juni ihre Partnerschaftsinitiative 'AGIR Sahel' vor, die als besonders effektiv gepriesen wird.

Das Augenmerk der Partnerschaft richtete sich ursprünglich auf die akute Krise in der Sahelzone. "Die Beteiligten sind übereingekommen, dass gemeinsame Anstrengungen seitens der Regierungen, regionaler Organisationen sowie von Partnern aus dem Bereich der humanitären und Entwicklungshilfe nötig sind", hieß es in der ersten Erklärung. Damit sollte die derzeitige Krise angegangen werden und das Ausmaß ähnlicher Katastrophen in Zukunft klein gehalten werden.

Gressly lobt einerseits die 'AGIR Sahel'-Initiative, gibt aber zugleich zu bedenken, dass die internationale Aufmerksamkeit für die Region und die fortschrittliche Haltung etlicher Regierungen aller Voraussicht nach nicht von Bestand sein werden.

Das größte Hindernis für einen Vorstoß der Staatengemeinschaft im nächsten Jahr könnte die noch unklare Entwicklung in Mali sein. Seit März besteht dort ein politisches Vakuum, das dazu führte, dass zahlreiche bewaffnete Gruppen den Norden des Landes unter ihre Kontrolle gebracht haben. Humanitäre und technische Hilfe werden in Mali aber schon jetzt dringend gebraucht. (afr/IPS)

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