Afrika: Hungerbekämpfung nach brasilianischem Vorbild

Agrarinvestitionen und Armutbekämpfung sollen Länder voranbringen

Von Matthew Newsome | 11.07.2013

Addis Abeba. Soll die Transformation der afrikanischen Wirtschaft gelingen, muss die Region moderne Arbeitsplätze schaffen und die landwirtschaftliche Produktivität erhöhen, um die Armut zu bekämpfen. Darauf haben sich die Staats- und Regierungschefs des Kontinents auf einem zweitägigen Gipfeltreffen in Addis Abeba geeinigt.

Die Politiker zeigten sch überzeugt, dass Agrarinvestitionen und Armutsbekämpfung den Hunger auf dem Kontinent ausrotten und die Entwicklung der afrikanischen Volkswirtschaften voranbringen würden. "Um die viel diskutierte Transformation der afrikanischen Wirtschaft zu erreichen, müssen wir uns mit den durch das Hungerproblem verursachten Verlusten beschäftigen und uns überlegen, in welchen Bereichen Investitionen sinnvoll sind", meinte Carlos Lopes, Exekutivsekretär der UN-Wirtschaftskommission für Afrika, am Rande der Veranstaltung 'Den Hunger bis 2025 beenden', die vom 30. Juni bis 1. Juli in der äthiopischen Hauptstadt stattfand.

Es bestehe in Afrika der dringende Bedarf, in die Agrarindustrie, die Modernisierung der Landwirtschaft und die Transformation der industriellen Basis zu investieren, betonte Lopes. "Afrika braucht moderne Jobs und eine völlig andere Art der Produktivität."

Das Gipfeltreffen war das größte der Hungerbekämpfung gewidmete Treffen seit 2003, als das Umfassende Programm zur Entwicklung der afrikanischen Landwirtschaft (CAADP) aufgelegt wurde. Das CAADP sieht unter anderem vor, dass die Länder einen Teil ihrer Haushaltsgelder für die Armutsbekämpfung in Form von Investitionen in die kleinbäuerliche Landwirtschaft bereitstellen.

Den Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank zufolge wird das Wirtschaftswachstum in Subsahara-Afrika in diesem Jahr 5,5 Prozent betragen. Im kommenden Jahr könnten es dann 6,1 Prozent werden. Obwohl die Werte über dem globalen Durchschnittswert liegen, leidet jeder vierte Afrikaner unter chronischem Hunger.

Brasilianisches Null-Hunger-Programm als Vorbild

Doch Afrika sucht nach einer nachhaltigen Lösung des Problems und hat bereits ein Vorbild gefunden – Brasilien. 2003 hatte der damalige brasilianische Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva in seinem Land das viel gepriesene Null-Hunger-Programm aufgelegt, das 28 Millionen Menschen innerhalb von zwei Jahren aus der Armut geholfen hat.

Lula hatte für die afrikanischen Staats- und Regierungschef vor allem eine Empfehlung parat: Sie sollten die Armutsbekämpfung nicht als Ausgabe, sondern als lohnende Investition betrachten. "In Brasilien hat sie sich als Stimulus für das Wirtschaftswachstum erwiesen, da sich die Armen in Konsumenten verwandelten", sagte er.

Brasilien kauft derzeit 30 Prozent der für Schulmahlzeiten erforderlichen Agrarprodukte bei den Kleinbauern ein. Das Land mit der am schnellsten wachsenden Mittelschicht Lateinamerikas gibt dafür insgesamt jährlich 500 Millionen US-Dollar aus. Zwölf Milliarden Dollar überweist das südamerikanische Land direkt an die Farmer, um ihnen dabei zu helfen, der Armut zu entkommen. "Wenn das in Brasilien möglich ist, dann geht das auch in Afrika", betonte Lula.

Die afrikanischen Führer kamen in Addis Abeba überein, die Kleinbauern in ihren Ländern zu stärken, indem sie die für sie bestimmten Direktüberweisungen erhöhen und ihnen die Abnahme ihrer Agrargüter garantieren.

Wie die brasilianische Ministerin für soziale Entwicklung und Hungerbekämpfung, Tereza Campello, gegenüber IPS erklärte, ist die Überwindung des Hungers nicht nur ein moralischer Imperativ, "sondern eine Entscheidung für eine Wirtschaftsentwicklung mit hoher sozialer Inklusion".

In Brasilien habe die Entstehung formeller Arbeitsplätze, die Erhöhung der Mindestlöhne, die Stärkung der Kleinbauern und die Umsetzung von Geldtransferprogrammen, die an bestimmte Bedingungen geknüpft wurden, den Hunger zurückgedrängt, versicherte Campello.

Forngueh Alangeh Romanus Che von der Regionalen Plattform der zentralafrikanischen Bauernverbände vertritt die Meinung, dass jede Initiative, die in Afrika gestartet wird, im regionalen Kontext gesehen werden müsse. "Wir brauchen ein auf Afrika zugeschnittenes Null-Hunger-Schema. Wir brauchen die regionale Integration für die freie Bewegung von Menschen und Gütern", meinte er gegenüber IPS. Investitionen in die Armen müssten Bauern den Zugang zu Krediten und Land ermöglichen.

Fortschritte in Malawi

Malawi gehört zu den afrikanischen Ländern, die es geschafft haben, das Millenniumsentwicklungsziel (MDG), den Hunger bis 2015 gegenüber 1990 zu halbieren, zu erreichen. Für das Land im südlichen Afrika hat sich in den letzten Jahren bestätigt, dass sich Investitionen in die ländliche Entwicklung auch positiv auf andere MDGs wie den Zugang zu sauberem Wasser, zu einer Basisgesundheitsversorgung und die wirtschaftliche Entwicklung von Frauen auswirken können.

Die malawischen Investitionen in den einheimischen Agrarsektor steigen jährlich um fünf bis acht Prozent. Derzeit gibt das Land 18 Prozent seines Jahreshaushalts für die Landwirtschaft aus. Im CAADP sind lediglich zehn Prozent vorgesehen.

"Agrarinvestitionen sind wichtig für unser Land. Ansonsten würden wir den totalen Zusammenbruch riskieren, was unsere Ernährungssicherheit, Wirtschaft und unsere Bevölkerung angeht", meinte der malawische Minister für Landwirtschaft und Ernährungssicherheit, Peter Mwanza.

Die Wirtschaft Malawis hängt von den Zucker-, Baumwoll-, Gemüse- und Kassavaexporten ab. Die Landwirtschaft generiert 85 Prozent der Devisen des Landes und beschäftigt zusammen mit der Nahrungsmittelindustrie 80 Prozent aller Arbeitskräfte des Landes. Staatliche und private Investitionen in die malawischen Bauern gelten als entscheidend, um das Land wirtschaftlich widerstandsfähig zu machen.

Exportüberschüsse produzieren

Mwanza ist zudem überzeugt, dass sich durch Investitionen in die kommerzielle Produktion der malawischen Hauptnahrungsmittel Kassava, Mais und Reis Überschüsse erwirtschaften lassen, die für mehr Ernährungssicherheit sorgen und den Bauern höhere Einkommen verschaffen werden.

"Es ist Zeit, groß zu denken. Wir müssen auf eine großflächige kommerzielle Agrarproduktion umsteigen, um exportieren zu können", meinte der Minister gegenüber IPS. "Wir wollen mehr Investoren anziehen, da sie die Wirtschaft und somit unsere Bauern durch Beschäftigungsmöglichkeiten und Einkommen absichern können." (afr/IPS)

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