Afrika: HIV den Garaus machen

90-90-90-Formel soll AIDS-Epidemie bis 2030 beenden

Von Miriam Gathigah | 22.10.2014

Nairobi. Nachdem AIDS in den vergangenen drei Jahrzehnten Millionen Afrikaner getötet hat, sind Gesundheitsexperten inzwischen überzeugt, die Formel gefunden zu haben, um die Immunschwächekrankheit in den kommenden 15 Jahren zu besiegen. Die magische Zahlenkombination lautet 90-90-90.

Testing, treating and suppressing viral load in massive numbers could curb the spread of AIDS by 2020. Credit: Mercedes Sayagues/IPSMassentests und die Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten sollen die Verbreitung von AIDS in Afrika stoppen (Bild: Mercedes Sayagues/IPS).

Die bis 2020 anvisierten Behandlungsziele sehen vor, dass 90 Prozent aller Virusträger diagnostiziert werden. 90 Prozent der Patienten, bei denen die Diagnose gestellt wurde, sollen antiretrovirale Medikamente erhalten. Und bei 90 Prozent der behandelten Patienten soll die Viruslast im Blut auf Dauer unterdrückt wird.

Der ehrgeizige Plan, den das Gemeinsame Programm der Vereinten Nationen zur Reduzierung von HIV/AIDS (UNAIDS) bereits im Sommer vorgestellt hat, soll bis 2020 die Verbreitung von HIV bremsen und die Epidemie bis 2030 beenden.

Therapie verringert Risiko für Neuansteckungen

Klinische Studien haben gezeigt, dass die Behandlung von HIV-Infektionen genauso wirksam ist wie Prävention. Denn wenn Infizierte einer antiretroviralen Therapie (ART) unterzogen werden, vermindert sich dadurch das Risiko neuer Ansteckungen.

Experten wie Lucy Matu von der Elizabeth Glaser Pediatric AIDS Foundation halten die Ziele für erreichbar. In dem Land seien 72 Prozent der geschätzten Virusträger getestet worden. 76 Prozent der etwa 880.000 Erwachsenen und Kinder, bei denen HIV festgestellt wurde, hatten bis April 2014 eine ART-Behandlung erhalten.

Kenia wird sich dem 90-90-90-Ziel annähern, da es die Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation WHO von 2013 umsetzt. Die WHO hat die CD4-Schwelle für die Aufnahme der Therapie bei Erwachsenen und Jugendlichen von 350 auf 500 T-Helfer-Zellen pro Mikroliter Blut erhöht, nachdem sich gezeigt hat, dass eine frühzeitigere Aufnahme der ART den Infizierten ein längeres und gesünderes Leben ermöglicht und das Übertragungsrisiko erheblich senkt. Die Zahl der CD4- oder T-Helfer-Zellen nehmen mit fortschreitender Infektion ab.

Bis zu 300.000 mehr ART-Patienten in Kenia erwartet

Da nach den WHO-Vorgaben mehr Patienten als bisher für ART in Betracht kommen, rechnet Matu damit, dass die Zahl der ART-Empfänger in Kenia um mindestens 250.000 bis 300.000 zunehmen wird. Damit würden mindestens 90 Prozent der in Behandlung befindlichen Personen erreicht, sagt sie. Es sei zu erwarten, dass nun mehr Menschen eine Therapie machen würden.

Kenia ist nicht das einzige Land, das sich den 90-90-90-Zielen nähert. In Botswana, wo die HIV-Prävalenz im globalen Vergleich nur noch von Swasiland übertroffen wird, nehmen mehr als 70 Prozent der Infizierten antiretrovirale Medikamente.

Alle Länder des östlichen und südlichen Afrikas nähmen die neuen Richtlinien an, sagt die UNAIDS-Beraterin Eleanor Gouws-Williams. Ruanda, Uganda, Sambia, Malawi und Swasiland arbeiteten an nationalen Richtlinien, während Länder wie Südafrika die neuen Vorgaben ab dem kommenden Jahr umsetzen wollten. Auch die Medizinerin hält die 90-90-90-Ziele für realistisch.

Fortschritte in mehreren Ländern Afrikas

Laut UNAIDS ist erst bei der Hälfte aller HIV-Infizierten in Subsahara-Afrika eine Diagnose gestellt worden. Es sei wichtige, die andere Hälfte zu den Tests zu bewegen. In Kenia und Uganda durchgeführte Untersuchungen ergaben, dass HIV-Tests, die bei Kampagnen gegen Multi-Erkrankungen angeboten würden, jeweils bis zu 86 und 72 Prozent der Bevölkerung erreichten.

Experten weisen darauf, dass es jedoch um mehr geht, als für die Aufnahme von Menschen mit mehr T-Helfer-Zellen in die AVT zu sorgen. Wichtig sei auch, für eine dauerhafte Unterdrückung der Virenlast zu sorgen. "In Ruanda wurde dies nach 18 Monaten Therapie bei 83 Prozent der Patienten festgestellt", erklärt Gouws-Williams. In Simbabwe kämen bereits alle HIV-positiven Schwangeren und stillende Mütter ebenso wie Kinder unter fünf Jahren generell für ART in Frage, so Agnes Mahomva, Landesdirektorin der Elizabeth-Glaser-Stiftung.

Die Aktivistin Annabel Nkunda gibt jedoch zu bedenken, dass in ihrem Land Uganda viele HIV-Positive die Behandlung aus Angst vor Entdeckung und Stigmatisierung abbrächen. Solange nichts gegen die Stigmatisierung der Betroffenen unternommen werde, könnten HIV und AIDS nicht besiegt werden, meint sie.

Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten

Wie viel Geld die Länder in die Erreichung der 90-90-90-Ziele investieren werden, ist noch nicht absehbar. Fest steht nur, dass ein hoher finanzieller Aufwand nötig sein wird. Mehrere Staaten Afrikas untersuchen bereits innovative Finanzierungsoptionen wie Steuerumlagen und nationale HIV-Treuhandfonds.

Wie Gouws-Williams erklärt, sind antiretrovirale Behandlungen mittlerweile erschwinglicher. In Malawi würden für jeden Patienten weniger als umgerechnet 100 US-Dollar pro Jahr veranschlagt. Die Finanzierung durch Geber sei aber nach wie vor entscheidend, vor allem in den fünf armen Ländern Malawi, Lesotho, Simbabwe, Mosambik und Burundi, wo die Kosten für HIV-Behandlungen fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts übersteigen. (afr/IPS)

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